Urban Photography: Bilder von Orten, die ihr nicht finden könnt

Urban-Fotograf*innen gehen dorthin, wo die Natur die Stadt zurückerobert.

© Martin Boll

Als die belgische Industriestadt noch nicht mit Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau zu kämpfen hatte, wurde in diesem Theater noch gespielt. © Martin Boll

Vor dem massiven Holzbett aus Kolonialzeit steht ein weißer Nachttopf mit hellblauem Rand auf einem Nierentisch mit Floral-Dekor. Auf dem Boden liegen alte Bücher. Ein zerschlagener Spiegel auf einer Kommode steht für die Schönheit, die den verlassenen Raum einst füllte und die nun auf andere Weise zurückkehrt ist. „Schneewittchen“, so nennt Martin Boll die Szenerie, die er in einer verlassenen Mühle in Luxemburg fotografierte.

© Martin Boll
Die verlassene Mühle in Luxemburg wurde früher von zwei älteren Damen bewohnt, nach deren Tod sich offenbar niemand mehr um das Anwesen kümmerte. Das Anwesen ist Hals über Kopf verlassen worden. Abgesehen vom zerbrochenen Spiegel im Schlafzimmer steht alles so, als wären die Bewohnerinnen nur mal eben kurz die Wäsche aufhängen gegangen. © Martin Boll

Boll, 43, ist Urban Photograph. Urban-Fotograf*innen knipsen alles, was mit städtischem Raum zu tun hat oder hatte. Dazu gehören Streetart, Graffiti, Poster, Plakate, Straßenkünstler und leerstehende Gebäude.

Boll zeigt in seiner Fotoausstellung „Vergessene Orte“ ab 1. Juni Bilder ehemaliger Villen, Krankenhäuser, Theater – Häuser, in denen einst viel Leben tobte, die nun verlassen sind. Sie zu finden, kostete ihn viel Zeit: „Manchmal erfahre ich durch Freunde von Orten, die ich besuchen könnte. Meistens aber muss ich lange recherchieren. Ich google dann in Fotografie-Foren, schaue auf Luftaufnahmen und studiere alte Karten, auf denen zum Beispiel ehemalige Fabriken verzeichnet sind.“

© Martin Boll
In der Nähe von Berlin wurden zu DDR-Zeiten in dieser ehemaligen Fabrik Fotochemikalien und Filme hergestellt, bis es auch hier nach der Wende zur Einstellung des Betriebs kam und die Lehrbücher das letzte Mal geöffnet wurden. © Martin Boll

Boll hat sich auf verlassene Orte fokussiert, weil ihn die besondere Atmosphäre der Motive reizt: „Die Natur holt sich ihren Lebensraum wieder zurück und in Kombination mit einer gewissen Ästhetik des Verfalls ist das sehr beeindruckend“, sagt er.

„Die Natur holt sich ihren Lebensraum wieder zurück und in Kombination mit einer gewissen Ästhetik des Verfalls ist das sehr beeindruckend“

Ein indischer Geschäftsmann soll diese alte Papierfabrik gekauft haben, um die noch brauchbaren Maschinen in Indien wieder zu neuem Leben zu erwecken. Das feuchtkalte Mittelgebirgsklima des Schwarzwaldes dagegen trägt nicht zum Werterhalt des inzwischen stark verwitterten Gebäudes bei. © Martin Boll

Wo sich die Orte seiner Aufnahmen genau befinden, verrät der Fotograf nicht. Zu groß ist seine Angst vor Instagram-Touristen – Leuten, die die alten Gebäude aufsuchen und Fotos machen, um ein bisschen Urbanart-Feeling für sich und ihre Social-Media-Kanäle einzuheimsen.

„Zusätzlich zum ‚Tourismus‘ gibt es Menschen, die einfach randalieren wollen und dann dort hingehen, um ihre Wut rauszulassen“, sagt Boll. Auch Kupferdiebe, die auf der Jagd nach wertvollem Metall seien und Jugendliche, die „Bock auf eine wilde Party haben“, hätte er schon erlebt. Danach verlören diese Orte an Schönheit und Faszination.

Orte, wie der Berliner „Spreepark“ oder die „Eisfabrik“ reizen Boll nicht. Sie sind zu bekannt, zu oft besucht. „Urban-Fotografen suchen Orte, die original erhalten sind“, sagt er. Es gäbe auch Fotograf*innen, die die Objekte drapierten: Stühle zurechtrückten, an Tapeten zupften, herumwirbelten. Bei den Meisten sei dieses neue Arrangieren aber verpönt. Das Motto wahrer Urban-Fotograf*innen sei: „Nimm nichts mit außer deiner Bilder, lass nichts zurück außer deiner Fußspuren.“

„Nimm nichts mit außer deiner Bilder, lass nichts zurück außer deiner Fußspuren“

© Martin Boll
Unweit der belebten Skipisten des kleinen Wintersportortes in den österreichischen Alpen fristet das verlassene Hotel heute sein trauriges Dasein. In den wilden 1920er Jahren erfreute sich das damalige Luxushotel großer Beliebtheit bei Wanderern und Kurgästen. Besonders deutsche Soldaten verbrachten gerne hier ihren Erholungsurlaub während des zweiten Weltkrieges. © Martin Boll

„Urban“ steht für „weltstädtisch“, „verstädtlicht“ Hinter dem Fotografie-Trend dazu steckt mehr: der Gedanke, dass sich die Natur das zurückholt, was ihr eh einst gehörte. Boll will möglichst nachhaltig fotografieren. Was heißt das? „Einerseits versuche ich mich an einer Art Dokumentation, um diese Orte für die Nachwelt festzuhalten. Andererseits hat meine Fotografie auch einen ökologischen Aspekt, insofern, dass sich Pflanzen und Tiere in den Brachflächen alter Industriegelände wieder ausbreiten.“

An Orten Bilder zu machen, die kaum jemand kennt, an denen kaum jemand ist und wo schon lange keiner mehr war, ist nicht ganz ungefährlich.

© Martin Boll
Eigentlich hätten die Reinigungskräfte die roten Teppiche in den Hotelfluren noch einmal reinigen sollen. Doch für die Entfernung der beachtlichen Staubschicht und der Spinnweben sollen die neuen Besitzer irgendwann einmal selbst sorgen, falls das alte Hotel in den österreichischen Alpen jemals einen Käufer findet. Aufgrund von baulichen Mängeln und der feuchten Witterung sind bereits Teile des ersten Stockwerks eingestürzt. © Martin Boll

Boll fotografiert meistens in Begleitung eines Freundes oder einer Freundin. Oft stand er schon in Räumen mit morschem Holzboden und Decken, die drohten, über ihm zusammenzufallen. Er knipste im Winter in einer alten Pension im Harz, in der der Boden gefroren war und laut knarzte, als er durch die Räume schritt. „Das ist schon unheimlich“, sagt er. „Da bin ich etwas schneller wieder rausgelaufen, als ich zunächst vorhatte.“

Trotzdem liebt er das Fotografieren in alten Mauern, vor allem wegen der besonderen Atmosphäre: „Es gibt Orte, mit fast mystischer Stimmung. Ich fühle mich dort ein bisschen beobachtet. Das sind Orte, die nicht unbedingt schön sind, sondern sogar abschreckend, aber dadurch besonders.“

Betthupferl
Mitten im Ortskern einer hessischen Kleinstadt befindet sich diese in einem verwilderten Gartengrundstück versteckte alte Ärztevilla. Das von außen unscheinbar anmutende Gebäude lässt nicht erahnen, was sich im Inneren alles verbirgt. Neben den eigentlichen Wohnräumen befindet sich im Gebäude eine noch komplett eingerichtete Arztpraxis mit Wartezimmer und Labor. Überall sind Unterlagen und Kleidungsstücke mit der Mode der letzten drei Jahrzehnte auf dem Boden verteilt. Die alte Stofftapete wellt sich und viele der feuchten Wände sind mit einer schwarzen Schimmelschicht überzogen. © Martin Boll
Steinway
Ein sündhaft teurer Steinway Flügel fristet in einer verfallenden Villa in Hessen sein Dasein. Nach dem Tod der Hausbesitzerin scheint sich niemand mehr um das einst prächtige Gebäude zu kümmern. © Martin Boll
Spritzenphobie
An diesem stillgelegten Krankenhaus in Süddeutschland sind Einsparungen im Gesundheitssystem nicht ohne Spuren vorbei gegangen. © Martin Boll
Feuchtgebiete
Ein abgebrannter Dachstuhl verwandelte diese kleine Pension im Harz in ein neues Habitat für die heimische Flora und Fauna. Die verfaulten Reste der Matratze dienen heute Moosen als Feuchtigkeit spendende Unterlage und auf dem Fußboden breiten sich bereits erste Kräuter und kleine Sträucher aus. © Martin Boll