Urlaub macht unglücklich – Warum wir lieber zu Hause bleiben sollten

Alle wollen verreisen. Dabei ist Urlaub langweilig, anstrengend und kann sogar tödlich enden. Warum wir lieber zu Hause bleiben sollten. 

Zu Hause ist es doch am schönsten. © suze / photocase.de

Desdemona kaute manisch auf einem Strohhalm herum. Sie hat wohl gewusst, dass es ihr letzter war. Ich legte mich quer über den Rücksitz und sprach beruhigend auf sie ein. Aber nichts half gegen ihre Todesangst vor Motorenlärm, Schlaglöchern und der ausweglosen Weite niedersächsischer Steppen. Durch die Käfigstäbe beobachtete ich, wie sich Desdemonas blutunterlaufene Augen panisch weiteten und dann – kurz vor Flensburg – für immer schlossen. Wäre sie fähig zu Humor oder auch nur ein Mensch gewesen, hätte ihr dieser Witz wohl gefallen: „Es war ja nicht alles schlecht, was Hitler gemacht hat. Aber er hätte nicht so viele Autobahnen bauen sollen.“ Wir beerdigten sie auf einem Rasthof neben den Resten eines überrollten Feldhasen. „So ist sie nicht allein“, versuchte mein Vater mich aufzumuntern.

In Dänemark angekommen, spielten wir Boccia zwischen Weltkriegsbunkern und den Kadavern verirrter Wale. Ich dachte „Deutschland“ und stupste meine Sandale in die Flanke eines Schweinswals. Nach zwei Tagen setzte der Regen ein. Wetter war zu der Zeit bereits nur noch unter dem Namen Klima ein Problem. Es sei denn, man war in einem Ferienhaus gefangen. Erst las ich alle Bücher aus meinem Gepäck, dann auch noch das einzige Buch im Wohnzimmerschrank. Es war die Bibel. Auf Dänisch.

Urlaub kann tödlich sein

In diesem Urlaub begriff ich das Kernproblem des Urlaubs: Wir setzen uns ein geografisches Ziel. Haben wir es dann aber erreicht, können wir nicht daran andocken. Es löst sich in heißer Luft auf, Sturzregen wäscht uns das Gehirn und wir verfallen in Apathie. Das Schicksal rastloser Menschen ist die Haltlosigkeit. Niemals sonst kommen wir auf die Idee, uns an einen fremden Ort zu begeben, um dort nichts zu tun. Angeblich geht es um Entspannung. Aber warum sagen dann immer alle nach der Rückkehr, jetzt müssten sie sich eigentlich noch eine Woche erholen? Urlaub ist nicht entspannend. Man muss kein herzschwaches Zwergkaninchen sein, um sich auf Reisen schrecklich zu verausgaben, nervös auf Sanifair-Gutscheinen herumzuknabbern und schließlich die Ohren hängen zu lassen.

Angeblich geht es um Entspannung. Aber warum sagen dann immer alle nach der Rückkehr, jetzt müssten sie sich eigentlich noch eine Woche erholen?“

Als wir auf der Rückfahrt Flensburg passierten, hatte ich meine Lektion gelernt: Du sollst nicht in den Urlaub fahren. Schon bei der Vorbereitung begehen Reisende schamlos Todsünden: Geiz, Maßlosigkeit #allesabergünstig, Prestigesucht. Seit der Nachkriegszeit schrauben Familienväter vor der Garage das Gepäck auf den Kombi und achten peinlich darauf, dass die Nachbar*innen zuschauen. Urlaub hat nichts mit Freiheit zu tun. Es ist ein gesellschaftlicher Zwang. Eine Stillosigkeit, die man sich leisten können muss. Wie sonst kommt es, dass Menschen immer über ihren Urlaub sprechen wollen?

Grafikdesigner*innen brüsten sich in ihrem Lebenslauf damit, im Erasmus-Studium wertvolle Erfahrungen (mit Chlamydien) gemacht zu haben. Ehemänner berichten stolz, wie viele Kamele ein Ägypter ihnen für ihre Frauen angeboten hat. Freund*innen vergleichen die Größe von Kakerlaken. Sextourist*innen reichen ihre Mitbringsel rum. Unverhältnismäßig oft geht es auch ums Essen. Und das obwohl allgemein bekannt sein sollte, dass Tourist*innen nach internationalem Recht nur die Reste von letzter Woche zustehen. Selbst ein Besuch bei den Los Wochos böte mehr Gesprächsstoff.

Urlaub lässt eure Haut altern

Schlimmer als Erzählungen sind nur noch Fotos. Ab Beginn der Zeckensaison stapeln sie sich in meiner Timeline: Die Männer mit Urlaubsbart und Strohhut. Ihr Blick trübe vom Nachmittagscocktail. Die Haut der Frauen verbrannt, unter dem Arm ein Band Fifty Shades of Grey. Wie schlecht gecastetete Traumschiffstatist*innen blicken sie stumpfsinnig in die Kamera. Das Übermaß an Sonnenlicht kitzelt die Hässlichkeit aus ihren Körpern. Schon allein aus ästhetischen Gründen sollte niemand unsere gemäßigte Klimazone verlassen. Das von Wolkendecken diffus gehaltene Licht bewahrt uns Europäer*innen seit Jahrtausenden vor dem sexuellen Burn-out. Reisen ist das erste wirklich schlimme Firstworldproblem. Wegfahren bedeutet, sich gehen zu lassen.

Ich selbst war vor den Sommerferien immer neidisch auf meine Mitschülerin Karla, deren Eltern mehr Wert auf Dosenbier als auf DomRep legten. Während ich den biblischen Pharao anflehte Lad mit folk gå, erweiterte sie auf dem verwaisten Schulhof seelenruhig mit Schnaps und Gras ihr Bewusstsein. Aber Reisen bildet doch, werden die Streber*innen unter euch einwenden. Ja klar, Reisen bildet. Aber auch nicht mehr als Wikipedia. Wer nach Ägypten fahren muss, um sich zu vergewissern, dass es dort Pyramiden gibt, hat ein Problem mit dem 21. Jahrhundert.

Wem passiert auf Reisen schon etwas Unerwartetes? Fair enough, hin und wieder liest man von Paaren, die mit gutem Beispiel vorangehen, sich in Nationalparks verirren, woraufhin der eine den anderen aufisst. Das Gros der Tourist*innen sucht in der Fremde nur das streng kalkulierte Abenteuer. Aber um ausgeraubt zu werden, genügt ein Besuch im lokalen Bahnhofsviertel. Dafür muss niemand nach Südamerika fahren. Um Europäer*innen zu vögeln, braucht es kein Work & Travel in Australien. Und wer kotzen will, muss sich nicht in Thailand den Magen verderben. Bulimie ist doch für alle da.

Urlaub macht sehr schnell unglücklich. Fangt am besten gar nicht erst damit an

Trotz allem hält sich hartnäckig der Glaube, Reisen wäre eine gute Sache. Gegen diesen Irrtum sind nicht mal Moralist*innen immun. Selbst strengste Veganer*innen verschwenden keine Energie an den Gedanken, wie viele Kalbshälften nach einem Interkontinentalflug in ihrem ökologischen Fußabdruck grasen könnten.

[Außerdem auf ze.tt: Warum die Urlaubsorganisation immer an mir hängen bleibt]

Reisen ist fahrlässig. Nach den großen Ferien scheitern die meisten Beziehungen. Samstagnachmittags fahre ich zu Touristenhotspots meiner Stadt und lache Paare aus. Sie haben diesen ganz bestimmten Blick: Gereizt bis hasserfüllt starren sie knapp aneinander vorbei in Richtung einer Sehenswürdigkeit, die zu würdigen sie angehalten wurden. Er hat Hunger, ihr tun die Füße weh. Da stehen sie nun auf diesem lonely planet.

Warum überhaupt wegfahren? Lebt nicht jeder an dem Ort, den er verdient? Sollte das stimmen, möchte ich euch von Urlaub abraten. Denn Urlaub habt ihr nicht verdient. Redet euch nicht ein, dass es anderswo schöner ist. Sehnsucht ist eine schlechter Ratgeberin. Wählt alles außer Alltours. Und solltet das Fernweh euch doch packen, denkt an meine Worte: Urlaub ist ein Irrtum. Urlaub ist ein Monster. Urlaub hat ein süßes Kaninchen mit Schlappohren auf dem Gewissen.