US-Gemeinde Socality: Kommen jetzt die Chripster?

Christlicher Glaube und Coolness – das will auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen. Eine junge Glaubensgemeinschaft versucht dieses Image mit einer stylischen Selbstinszenierung zu drehen. Top oder Flop?

Socality-Werbevideo/Youtube

Die amerikanische Glaubensgemeinschaft Socality versteht sich als globale Bewegung. Aber ist sie wirklich so global? Socality-Werbevideo/Youtube

Mit dem christlichen Glauben assoziiert man vor allem: Stundenlanges Sitzen auf harten Kirchenbänken, alte Männer in Roben und eine rückwärtsgewandte Weltsicht. Kein Wunder also, dass das Christentum ein Nachwuchsproblem hat.

Vor allem in westlichen Ländern wie den USA und Deutschland schrumpfen die Gemeinden, immer weniger Menschen verstehen sich als Gläubige. 2070, das haben Forscher des Pew Research Centers hochgerechnet, wird das Christentum vom Islam als stärkste Glaubensgemeinschaft der Welt abgelöst.

Werbe-Symbolik à la Woodkid

Den christlichen Glauben en vogue zu machen und das Image vor allem bei der Jugend aufzupolieren – das will Socality endlich schaffen. Dafür hat die amerikanische Gruppe zunächst an ihrem Wording gefeilt. Sie will nicht als Gemeinde, sondern als „globale Bewegung“, als Community „für alle Ewigkeit“, verstanden werden. Statt Mitglied zu werden, soll man sich engagieren. Statt des gemeinsamen Gebets soll das Anschieben sozialer Projekte im Vordergrund stehen.

Für diese soziale Graswurzel-Bewegung wirbt Socality mit schicken Videos. Darin sind keine Sakramente zu sehen, sondern American-Apparel-Schick: Skinny People posieren vor imposanten Naturkulissen, dazu ein bisschen Werbe-Symbolik à la Woodkid, Sonnenuntergänge und Zeitlupensequenzen – fertig ist der Chripster-Look.

Diese Hochglanz-Inszenierung soll Schäfchen anlocken, zurzeit wird sie im Netz aber vor allem belächelt. Schuld daran ist eine anonyme Fotografin. Auf ihrem Instagram-Account Socality-Barbie nimmt sie die Chripster auf die Schippe, indem sie die Plastikpuppe in typische Socality-Szenerien setzt – manchmal sogar eins zu eins.

Aus einem Socality-Hochglanzbild …

Ein von Socality (@socality) gepostetes Foto am

… wird auf dem Barbie-Account eine hämische Persiflage.

Unter den Bildern der Barbie finden sich häufig zusätzlich Sticheleien gegen die Slogans der US-Chripster, etwa diese: „I wonder if there will be Instagram in heaven? That way we can stay connected for all eternity“.

Wie genau Socality funktioniert, bleibt unklar

Zu der Persiflage hat sich Scott Bakken, der Gründer und selbsternannte Creative Director von Socality, in einem langen Blogbeitrag geäußert. „Wir glauben zwar, dass es wichtig ist, ab und zu über sich zu lachen, aber wir wollen auch nicht den Einfluss abschwächen, den wir gemeinschaftlich erreichen können“, schreibt er wenig amused.

Die Verwendung ihres Namens durch die anonyme Fotografin habe für Verwirrung darüber gesorgt, wofür Socality eigentlich stehe. Und das macht Bakken dann noch einmal klar: „Die Vision von Socality ist immer größer gewesen als bloß Social Media, Fotografie und jeder andere Trend oder jede spezielle Ästhetik.“ Es sei ihre Aufgabe, einsamen und verlorenen Christen und Nicht-Christen zu helfen, neuen Sinn im Leben zu finden.

Mit wie viel Ernst sich Bakken auch an den Vorwürfen des Barbie-Accounts abarbeitet, die neuerliche Aufmerksamkeit dürfte ihn freuen. Denn ein Blick hinter die Hochglanzbilder zeigt: So global ist diese Bewegung gar nicht. Auf Instagram kann Socality zwar stolze 163.000 Abonnenten vorweisen. Auf Twitter, Facebook und Youtube ist allerdings deutlich weniger los. Die Optik scheint anzukommen, die Botschaft dahinter nicht.

Hier ein Grüppchen in Sacramento, da eine Truppe in Seattle – wie viele Mitglieder die Gemeinde seit ihrer Gründung im Januar 2014 insgesamt sammeln konnte, wird nicht erwähnt. Anfang August gab es eine Konferenz in San Diego, bei der unter anderem ein hipper Marketing-Mann sowie der windige Regisseur Jason Russell (stand in der Kritik für seinen Kurzfilm „Kony 2012“) das Wort schwangen. Wie viele Leute da waren? Lässt sich nicht herausbekommen. Auf unsere Nachfrage hat Bakken nicht reagiert. Aber es ist ja auch sehr zeitaufwändig, das Christentum wieder cool zu machen.

Predigt mit Volxbibel und Festival

In Deutschland sind vor allem die Jesus Freaks als Verfechter eines lässigen Christentums bekannt. 1991 hat Martin Dreyer die Gemeinschaft gegründet. In die Schlagzeilen brachte der Pastor sie vor allem mit seiner „Volxbibel“, einer hippen Adaption der christlichen Glaubensgrundlage, sowie einem jährlichen Musikfestival.

Die Gemeinschaft kommt mit einem dem Anarcho-Zeichen ähnlichen Logo daher und pflegt fleißig ihre Social-Media-Kanäle. Allerdings verzeichnet sie trotz über 40 Gemeinden in ganz Deutschland lediglich circa 3000 Interessierte. Womöglich weil die Gruppe im Gegensatz zu Socality die Begriffe Jesus, Glaube und Gemeinde noch immer sehr groß schreibt. Oder aber, weil es auch mit feschem Look nahezu unmöglich geworden ist, die Jugend vom Christentum zu überzeugen.

Real Life statt Social Media

Christentum und Coolness zu vereinbaren, empfindet Jesus-Freaks-Gründer Martin Dreyer als vollkommen logisch. „Nach meinem Gefühl ist der überwiegende Teil der deutschen Christenheit immer noch viel zu uncool“, sagt er. „Das Gros der Kirche muss sich zur Zeit keine Sorgen darüber machen, es mit der Coolness zu übertreiben, ganz im Gegenteil.“ Für ihn gibt es wenige so attraktive, coole Dinge wie einen Glauben zu haben.

Die Selbstinszenierung von Socality beurteilt er als logische Weiterführung des Missionsbefehls Jesu Christi. „Wenn Christus seinen Schülern befiehlt ,Gehet hin in alle Welt!‘, kann damit nicht nur Afrika, sondern auch das Internet und dort ganz besonders die sozialen Netzwerke gemeint sein.“ Es komme künftig darauf an, junge Menschen „im Real Life, über Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, Nachbarschaften zu erreichen.“ Dreyer habe schon Menschen kennengelernt, die tatsächlich über soziale Medien den Kontakt zum Glauben bekommen hätten. „Das ist aber die absolute Ausnahme“, sagt er. „Echte Beziehungen, echte Gespräche, am realen Leben teilhaben ist heute sehr viel wichtiger.“

„Die kleinen Gruppen sind so gut wie vergessen“

Dr. Hartmut Zinser vom Institut für Religionswissenschaft an der FU Berlin glaubt nicht daran, dass es den kleinen Gruppen gelingen kann, die breite Masse anzusprechen. „Die kleinen Gruppen sind so gut wie vergessen“, sagt er. In den 70er und 80er Jahren wären sie im Uni-Kontext noch sehr präsent gewesen, hätten vor der Mensa Flugblätter verteilt und Erstsemesterberatungen angeboten. Das habe aufgehört.

Den Nachwuchs würden noch immer die evangelische und die katholische Kirche am ehesten erreichen. „Der Papst ist ganz offensichtlich ein Publikumsmagnet ebenso wie die Großveranstaltungen der Kirchen“, sagt Zinser und verweist auf den letzten Weltjugendtag, zu dem über drei Millionen Menschen nach Rio de Janeiro kamen. Auch die Pilgerwege wären gut besucht, da die Hostels erschwinglich seien. „Fraglich ist dabei allerdings, ob es den Besuchern dieser Events und Pilgerstätten um den Glauben geht“, sagt Zinser. Womöglich geht es der Jugend einfach darum, mal dabeigewesen zu sein und ein hippes Foto für Instagram gemacht zu haben.