US-Stadt bezahlt Kriminelle, damit sie nicht morden

In Richmond zahlt es sich aus, Ex-Verbrecher zu sein: Mördern und Kriminellen wird bis zu 1000 US-Dollar im Monat bezahlt, damit sie keine krummen Dinger mehr drehen.

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Crime Scenes – will in Richmond keiner mehr sehen. © picture alliance / ZG

Lonnie Holmes ist 21 Jahre alt und wurde vor kurzem aus dem Gefängnis von Richmond (Kalifornien) entlassen. Einem Artikel der Washington Post zufolge standen die Chancen gut, dass er der nächste Täter beziehungsweise das nächste Opfer von Ganggewalt sein wird:

Vier seiner Cousins wurden erschossen, bei einem Drive-by-Shooting saß er mit im Auto und schließlich landete er hinter Gittern, weil er eine geladene Waffe mit sich trug.

Um nicht rückfällig zu werden, bekommt Holmes nun 1000 US-Dollar im Monat – aus einem Programm, dass ehemalige Gangmitglieder bezahlt, damit sie der Kriminalität abschwören. Finanziert wird es durch private Spenden. Laut dem Bericht der Washington Post gibt es das Programm seit 2010 und kostet durchschnittlich 70.000 US-Dollar pro Jahr. Bleiben die Programmteilnehmer volle sechs Monate straffrei, können sie eine Bezahlung von einem bis 1000 US-Dollar monatlich erwarten, abhängig von ihrer Vorgeschichte.

Das Programm scheint ein Erfolg zu sein: Gut fünf Jahre nach seinem Start leben 84 von 88 Teilnehmern noch. Vier von fünf Teilnehmern erlitten keine neuen Schusswunden oder wurden in Gefechte verwickelt.

Das Programm unterstützt nicht nur ehemalige Sträflinge, sondern auch Mentoren, die die ehemaligen Kriminellen betreuen und ihnen bei ihrer Resozialisierung helfen sollen.

Diese Mentoren arbeiten unabhängig von der Polizei, um sich das Vertrauen der Gangmitglieder zu erarbeiten. So sei es bereits vorgekommen, dass  Mentoren Jugendliche, die auf der Suche nach Konflikten nachts mit geladenen Waffen im Auto durch die Stadt streiften, nach Hause brachten.

Andere Städte in den USA wollen nun dem Modell folgen und hoffen so, ihre Kriminalitätsrate deutlich senken zu können. Neben Baltimore und Miami ist das zunächst Washington D.C.

Ebenfalls im Programm enthalten: begleitete Reisen. Gang-Mitglieder fahren zusammen weg. Allerdings nur unter einer Bedingung: Es reisen immer zwei Kriminelle zusammen, die vorher versucht haben, sich gegenseitig umzubringen. Auf den Reisen sollen sie dann ihre Gemeinsamkeiten entdecken und alte Gangfehden vergessen.

Das Programm beginnt mit intensiven Gesprächen, in denen die Teilnehmer sich zunächst Ziele setzen, die sie erreichen wollen. Etwa, sich für Jobs zu bewerben oder eine Wohnung zu finden. Außerdem treffen sie sich mit Psychologen oder Soziologen, um zu reden – allerdings ohne zu wissen, dass sie es mit Fachmenschen zu tun haben.

DeVon Boggan, Gründer des Programms, der auch mit entscheidet, wie viel Geld ausgezahlt wird, sagt: „Natürlich ist das Ganze sehr kontrovers, aber was passiert, ist eigentlich einfach: Diese Menschen werden für ihre harte Arbeit bezahlt. Denn es ist harte Arbeit, sich mehrfach die Woche mit Mentoren zu treffen, über Probleme zu sprechen und keine Waffe mehr in die Hand zu nehmen.“

Und was macht Lonnie Holmes mit dem Geld? Für 500 US-Dollar im Monat least er sich einen Nissan, außerdem kauft er Marihuana. Keine magische Verwandlung zu einem geläuterten Menschen aber „auf die Jagd“, wie er es nennt, geht Holmes nicht mehr.

Außerdem fragt er sich, wie er das Geld für sein Auto aufbringen soll, wenn das Programm endet. Deswegen bewirbt er sich bereits als Fahrer für Uber.