„Vanishing Berlin“: Diese Fotos zeigen, wie eine Stadt langsam ihre Seele verliert

Ein Berliner Fotograf widmet sich mit seinem Projekt „Vanishing Berlin“ Orten, die es wohl bald nicht mehr geben wird: Brachen, leerstehende Ladenfronten, Brandmauern.

Alexander Steffen hält mit seinen Fotos Wesenszüge einer Stadt fest, die sich mit zunehmender Geschwindigkeit wandelt. In der die für Berlin so typischen Freiflächen verschwinden und stattdessen seelenlose Orte entstehen. Wir haben mit ihm über seine Fotos gesprochen.

Wann kam dir die Idee, Brachen und leerstehende Ladenflächen zu fotografieren?

Alexander Steffen: Beschäftigt haben mich die Motive schon lange. Mit meinem Vater saß ich früher oft in Cafés, wir haben uns die Häuser in der Straße angeschaut und uns gefragt: Was war da früher noch mal drinnen? Wann ist der Laden raus?

Mit dem Fotografieren angefangen habe ich 2009. Ausschlaggebend war eine Reise nach New York, wo ich Zeit zum Fotografieren hatte. Dort habe ich die alten Ladenfassaden, Brandwände und Brachen als Fotomotive für mich entdeckt. Zurück in Berlin kam ich an der Curvybrache in Kreuzberg vorbei und dachte mir: Wieso diese Motive nicht in meiner eigenen Stadt fotografieren?

Du bist in Berlin aufgewachsen. Wie hast du die Stadtveränderungen über die Jahre wahrgenommen?

Berlin – wie jede große Stadt – hat sich schon immer verändert. Das ist auch gut so. Veränderungen machen ja auch das Wesen von Stadt aus. Meine Fotos sollen kein Appell sein in die Richtung: Früher war alles besser und es soll alles so bleiben wie es ist. Das ist Quatsch.

Aber ich habe das Gefühl, dass sich das Tempo, in dem Berlin sich verändert, anzieht. Wahrscheinlich haben die Grundstücke und Häuser schon davor häufiger den Eigentümer gewechselt. Aber Veränderungen hat man kaum gesehen. Hier und da wurde vielleicht ein Zaun um ein Grundstück gezogen, aber das war es dann. Ich habe das Gefühl, dass erst in den letzten paar Jahren die Bebauung in allen Stadtteilen extrem zugenommen hat. Alle Lücken und Brachen verschwinden allmählich. Alteingesessene Ladengeschäfte werden über drastische Mieterhöhungen verdrängt.

Welche Probleme siehst du bei dieser Entwicklung?

Was ich mich dabei immer frage, ist: Wer baut da was und für wen? Ich glaube, es sind nicht in erster Linie die Berliner, die von der momentanen Stadtentwicklung profitieren. Und ich finde, dass sich die Berliner mehr in die Debatte über die Frage, was gebaut wird, einmischen müssten. Ich habe das Gefühl, dass das irgendwelchen fremden Mächten überlassen wird. Und dann steht man hinterher da und wundert sich, was da schon wieder hingebaut wurde. Das beschäftigt mich zunehmend. Und nicht nur mich.

An den Reaktionen, die meine Fotos auf Ausstellungen hervorrufen, merke ich, dass sich langsam ein Bewusstsein bei den Berlinern dafür entwickelt, was da in ihrer Stadt passiert.

Gab es ein Foto, das besonders starke Reaktionen hervorgerufen hat?

Ja, das leerstehende Haus am Hermannplatz. Das war in den letzten 30 Jahren immer ein total mysteriöses Gebäude. Jedes Mal hat man sich beim Vorbeifragen gefragt: Was ist das für ein seltsames Gebäude, mit der riesigen Brandwand zur Straße raus? Wer wohnt da? Wieso verfällt das immer mehr? Das Haus war immer eine feste Berliner Größe mit den Mythen, die sich darum rankten. Als ich ein Foto des Gebäudes mit Baugerüst auf Facebook gepostet habe, bekam ich eine Menge Reaktionen. Für mich war das ein Symbol dafür, dass ein neuer Schwung in der Stadt ist.

Versuchst du mit deinen Fotos auch ein bisschen das Berlin deiner Kindheit festzuhalten?

Ja, die Fotos haben auch eine private Dimension. Bei meinen Fototouren durch die Stadt gehe ich auf Spurensuche. Ich entdecke Orte wieder, die mich an das Berlin meiner Kindheit erinnern.

Ich bin in der Nähe des Nollendorfplatzes aufgewachsen. Damals war der ganze Kiez proletarisch geprägt. Kohlehändler, Schichtarbeiter und berufsmäßigen Trinker teilten sich den Kiez mit zugezogenen Hippies, Hausbesetzern und Politsektierern. In den Souterrainwohnungen befanden sich häufig Kohle- und Kartoffelhandlungen. Es gab überall tolle Schriftzüge aus Holz, Leuchtreklame und Wandmalereien.

Diese Ästhetik der handgemachten Zeichen und Symbole haben mir schon immer gefallen. Früher sah es überall in Berlin so aus. Das ist mit der Zeit leider immer mehr verschwunden, heutzutage muss man mehr danach suchen. Aber natürlich ist es normal, dass sich das Stadtbild verändert und Dinge, die vielleicht früher einmal eine Stadt geprägt haben, verschwinden. Für mich ist es nur häufig sehr traurig zu sehen, was darauf folgt. Es geht immer mehr hin zu Läden, die alle gleich aussehen und dasselbe machen: Spätis, Friseursalons, Spielhallen.

Was würdest du dir künftig für die Berliner Stadtentwicklung wünschen?

Es macht keinen Sinn, Fehlentwicklungen nur auf die Politik zu schieben. Es hat auch was mit dem Engagement der Leute zu tun, die in der Stadt leben und die in den letzten Jahren zu fatalistisch unterwegs waren.

Ich würde mir wünschen, dass Berlin sich mehr zutraut und anspruchsvoller wird. Gerade wenn es darum geht, Bedingungen für Investoren zu stellen, die in die Stadt kommen. Ein Masterplan für die zukünftige Entwicklung der Stadt bräuchte starke Bürgerbeteiligung und einen offenen Dialog mit Investoren und Politikern.

Was ich besonders schade finde, ist: Egal wo man hinsieht, die Brachflächen verschwinden. Dieser Vorgang an sich ist ja erstmal normal. Es ist eher ein Wunder, dass sich diese Freiräume so lange in Berlin halten konnten. Aber dass man gefühlt wahllos irgendwelche Baumärkte und Einkaufzentren auf diese Flächen stellt, die kein Mensch braucht, ist für mich unerklärlich und daran sollte unbedingt etwas geändert werden. Ich habe das Gefühl, sowas wird von Leuten geplant, die keine Ahnung davon haben, wie diese Stadt funktioniert.

Sollten mehr Brachen als urbane Freiräume erhalten bleiben?

In Berlin gab es früher mehr Freiräume, als in irgendeiner anderen großen Stadt. Sie sind es, die Berlin als Sehnsuchtsort so weltberühmt gemacht haben. Dass man die Möglichkeit hatte, zu sagen: Hier ist eine Freifläche, da mach ich am Wochenende mal ne Party. Oder: In dieser alten Fabrik, da bau ich mir temporär mein Atelier rein. Das ist genau das, was Berlin ausgemacht hat.

Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, alle Brachflächen grundsätzlich unter Denkmalschutz zu stellen und die Bebauung zu verhindern. Es muss aber auch nicht jeder Quadratmeter zugebaut werden. Vielleicht sollte man ausgewählte Freiflächen erhalten, um Besuchern und der nächsten Generation ein Gefühl für die Geschichte der Stadt geben zu können. Und auch, um in Zukunft noch Platz für neue Konzepte zu haben, die heute vielleicht noch gar nicht existieren.

Was erhoffst du dir von deinen Fotos?

Das besondere an meinem Projekt ist ja, dass die Fotos alle aktuell sind. Mir ist wichtig zu beschreiben, was gerade jetzt in der Stadt passiert. Als ich das Buch meinem 24-jährigem Sohn gezeigt habe, reagierte selbst er, der ja noch relativ jung ist: „Ja Mensch stimmt, weißt du noch, damals gab’s an der Ecke noch dies und jenes“, „gibt’s diesen Laden überhaupt noch“ oder „was ist eigentlich mit dieser Brache passiert, wurde da schon gebaut oder nicht?“ Die Fotos funktionieren also nicht nur für meine Generation, nach dem Motto: Als ich jung war, sah das noch so und so aus. Sie funktionieren auch für deutlich jüngere Leute, die noch nicht seit Jahrzehnten das Stadtbild beobachten.

Im besten Fall sollen meine Fotos die Menschen dazu anregen, darüber nachzudenken, wie man Fehlentwicklungen in der Stadtplanung etwas entgegensetzen kann. Dem Trend des blinden Zerschlagens von etablierten Kiezstrukturen und von alteingesessenen Gegenden. Meine Bilder sollen dazu anregen, mehr darüber zu reden, wer eigentlich von der Entwicklung am Ende des Tages profitiert. Und dazu auffordern, sich für eine sinnvolle und nachhaltige Stadtentwicklung einzusetzen.

Erfahrt mehr über das Projekt auf Facebook oder Instagram. Hier findet ihr die Crowdfunding Kampagne für das Fotobuch „Vanishing Berlin. Wastelands, Storefronts & Brickwalls – Photographs 2009-2016“.