Venus in Berlin: Weniger Erotik geht nicht

Am Wochenende fand die Erotikmesse „Venus“ in Berlin statt. Wir waren dort und haben versucht zu verstehen, worum es dort wirklich geht.

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Gaffende Männer sehen einer Frau bei der Selbstbefriedigung zu – mitten im Foyer an der Bar. © ze.tt

Wir waren beide noch nie auf einer Erotikmesse. Ohne anmaßend klingen zu wollen, halten wir uns für emanzipierte Männer, die kein Verständnis für Sexismus oder Diskriminierung jeglicher Art haben. Uns ist bewusst, dass Frauen in der Porno-Industrie nicht selten objektiviert und erniedrigt werden, und dass Männer, die zu Hause vor dem Bildschirm hocken, genau das ziemlich geil finden. Trotzdem wäre es gelogen zu behaupten, dass wir privat keine Pornos schauen würden. Wir tun es – und genießen es auch.

Genau dieser Widerspruch war es, der uns zur Venus führte. Wir wollten wissen, was die weltweit größte Erotikmesse mit uns macht. Würden wir Lust oder Abneigung empfinden? Würde ein respektvoller Umgang mit Erotik dargeboten oder tatsächlich eine billige Fleischbeschau? Wir versuchten alle Vorurteile und Erwartungen zu vergessen und fuhren los.

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Nicht repräsentativ. | © ze.tt
Nicht repräsentativ. | © ze.tt

Als wir durch die Türen der Messehalle treten, bläst uns ohrenbetäubender Techno entgegen. Eine Menschentraube steht vor dem ersten der unzähligen Stände. Blitzlichtgewitter richtet sich auf das Nacktmodel Micaela Schäfer, die im knappen, schwarzen Lederoutfit für Selfies und Autogramme bereitsteht. Neben ihr drei bloßbrüstige Pornodarstellerinnen, hinter denen ihre ihre eigenen Pornos auf einer riesigen Leinwand laufen – kein schwarzer Balken, kein Verpixeln. Wir schauen auf den Bildschirm, dann wieder auf die Darstellerinnen. In den ersten Sekunden der Messe sehen wir also die Geschlechtsteile der Personen in Aktion, die gerade vor uns stehen. Uns wird klar, was auf uns zukommt.

Wir gehen weiter durch die Gänge der ersten Messehalle und erleben eine völlige Reizüberflutung. Die Musik an den Ständen ist so laut, dass wir uns in die Ohren brüllen müssen, um miteinander zu kommunizieren. Überall hängen Bildschirme, auf denen Pornos in sämtlichen Variationen laufen. Irgendjemand redet irgendwo laut genug in ein Mikrophon und lädt die Besucher*innen zu einer „hardcore Lesbi-Show“ ein. Zusammen ergibt das einen unerträglichen Krach.

Das ist nur eine winzige Auswahl. | © ze.tt
Das ist nur eine winzige Auswahl. | © ze.tt

An beinahe allen Ständen werden Sex-Accessoires verkauft: Dildos, Peitschen, Dessous, mehr Dildos. Pornofilme, Hundeleinen, Knebelbesteck, noch mehr Dildos. Letztere werden teilweise live vorgeführt. Nackte Frauen testen das neueste Selbstbefriedigungsequipment vor den lechzenden Augen der großteils männlichen Zuschauer. Abgesehen von der Lesben-Liveshow finden wir kein einziges Angebot für Homosexuelle – in der Show sitzen ausschließlich Männer.

In einem separaten Bereich sehen wir, wie sich auf einer Bühne ein Typ in Unterwäsche gerade für eine Show vorbereitet. Er schnallt sich vier Dildos auf den Oberschenkel, auf die sich anschließend nacheinander eine Porno-Darstellerin setzt und auf- und abwippt. Sie stöhnt lauter als die Musik. Die Menge ist begeistert, schreit, klatscht und fotografiert.

Auf dem Weg zurück zur Eingangshalle finden wir zufällig eine Stripshow nur für Frauen, die wir als männliche Pressemitglieder ausnahmsweise auch besuchen dürfen. Ein Stripper namens Sven Steel schält sich gerade aus seiner Polizeiuniform während ihn ausgewählte Frauen aus dem Publikum an verschiedenen Körperstellen anfassen dürfen. Den Frauen flüstert er ins Ohr, was sie zu tun haben, er lenkt und dirigiert sie wie Spielzeug, einige wirbelt er durch die Luft. Bevor Steel ganz nackt ist, verschwindet er nur mit einer Amerika-Flagge vor seinem Gemächt hinter die Bühne. Die Frauen kreischen ihm hinterher.

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Als wir wieder in der Eingangshalle ankommen, sieht gerade eine Horde von Männern einer jungen Frau zu, die sich wild mit einem rosa Dildo befriedigt. Eine Hand auf die Theke der Bar gestützt, die andere im Schritt, das Gesicht verzogen. Neben ihr trinken Besucher*innen Kaffee an der Bar und unterhalten sich, als wäre es das Normalste der Welt. Die Horde glotzt auf den Intimbereich der Darstellerin, schießt Fotos. Einer der Männer kniet zwischen ihren gespreizten Beinen auf dem Boden und hält sein iPad dran. Diese Schamlosigkeit geht uns zu weit, mit Ekel-Gänsehaut gehen wir weiter. Auf einmal wollen wir nicht als Männer wahrgenommen werden, die sich so verhalten.

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Gaffende. | © ze.tt

Wo sind wir hier gelandet? Die Messe ist bis zu diesem Zeitpunkt Fleischbeschau Deluxe. In einer halben Stunde sehen wir hier mehr nackte Haut als sonst in einem ganzen Jahr. Alte Männer begaffen frei und ungeniert junge Frauen, die sich Dildos in die Vagina hämmern, als schlugen sie Nägel in die Wand. Lüsterne Besucher machen Selfies mit Pornodarstellerinnen und greifen ihnen dabei an die entblößten Brüste. Sie sammeln Masturbationsmaterial für Zuhause, Video- und Fotoaufnahmen sind „ausdrücklich erwünscht“. Es werden Silikonpuppen angeboten, deren Gesichter und Körper aussehen wie die von 14-jährigen Mädchen.

Wir versuchen, über all diese widerlichen Aspekte hinwegzusehen – und das ist schwer, weil sie einem nun mal überall entgegenspringen. Obwohl sicher 80 Prozent der Besucher*innen allein und männlich sind, die meisten davon alt und greis, gibt es auch andere: Pärchen, Freundinnen-Cliquen, wenige Transvestiten. Wir kommen ins Gespräch mit einem Paar um die 40 Jahre, das extra aus Schweden angereist ist, um die Messe zu besuchen.

Sie erzählen, dass sie nun bereits das zweite Jahr in Folge hier sind. „Wir schätzen es, andere Menschen zu beobachten, die sich hier präsentieren können, wie sie es wollen. Verrückte Menschen sind hier. Das macht uns glücklich.“ Sie erfreuen sich an Menschen, die hier ihre Fetische zur Schau stellen, etwa in Latex über das Gelände schlendern. Die vielen Gaffer sind für sie seltsam und befremdlich. Sie genießen es, an den Ständen frei und ungezwungen Sexspielzeuge und erotische Kleidung zu betrachten, sich von der offen zur Schau gestellten Sexualität inspirieren zu lassen. Sie haben vor, Schmuck und T-Shirts zu kaufen – und neue Ideen für ihr Sexualleben mitzunehmen.

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Für uns ist das Gespräch ein Aha-Moment. Wir beginnen, uns der Idee hinter dieser Messe ein bisschen mehr zu öffnen, nachdem wir uns bisher eher unwohl und wie Voyeure gefühlt hatten. Wir treffen auf sechs Autor*innen aus Polen, die für einen kleines Blog über Sex in allen Facetten berichten. Auch sie sind fasziniert von der sexuellen Offenheit hier. Sie sagen, sie kamen auf die Venus, um zu erfahren, wie „das echte erotische Geschäft“ aussieht.

Wir fragen, was für sie „echt“ bedeutet. „Es ist interessant zu sehen, wie sich hier die Professionellen der Branche treffen.“ Die Darstellerinnen könnten hier nicht nur als Fleischobjekte wie in den Pornofilmen betrachtet werden – die Menschen merken, dass dahinter „echte“ Menschen mit Persönlichkeiten stecken. Sie würden fast so behandelt werden wie Filmstars. Sie sehen die Messe daher eher als ein Get Together einer Community, die sich ohne Scham hier aufhalten und austauschen kann. „Man darf nie vergessen, dass Sex ja auch Spaß macht und machen soll – genau das wird hier gelebt und gezeigt.“ So etwas hätten sie vorher noch nie erlebt.

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Sie wundern sich allerdings darüber, dass die queere Community hier keine Plattform findet. Gerade weil Berlin in dieser Beziehung als sehr offen und tolerant gelte. Bei ihrer Ankunft in Berlin sahen sie ein schwules Paar, das sich in der Bahn offen küsste. Das wäre schon ziemlich überwältigend gewesen, erzählen sie. „In Polen wäre das Paar aus der Bahn gezogen und verprügelt worden.“ Wo sie her kommen, sei Homosexualität ein Tabu und Transsexualität quasi nicht existent. Wir fragen den Pressesprecher der Venus, Walter Hasenclever, nach diesem Thema. „Wir hatten 2012 noch eine Gay-Area auf der Messe, aber das hat nicht gut funktioniert. Die Homosexuellen fühlten sich hier nicht wohl“, sagt er. Die Venus sei daher eher eine Veranstaltung für heterosexuelle Menschen.

„Wie im Zoo, aber trotzdem stolz“

Um einen wirklichen Einblick in die Szene zu bekommen, reden wir zum Abschluss noch mit einer Pornodarstellerin. Wir stellen uns beim Stand von Lucy Cat an. Die Männer vor uns bitten um Selfies mit ihr, einige kaufen für 20 Euro einen Kalender mit Nacktaufnahmen. Lucy trägt einen durchsichtigen Einteiler, ihre Brustwarzen hat sie mit schwarzem Klebeband verdeckt. Wir fühlen uns etwas seltsam dabei, ihr so ins Gesicht zu sehen. Denn an der Wand hinter ihr laufen immer noch ihre Filme, in denen sie Männer oral befriedigt und Sperma über ihr Gesicht läuft.

Oh! | © ze.tt
Oh! | © ze.tt

Als wir drankommen, fragen wir sie, wie sie bei so vielen Kameras und Blitzlicht fühlt. „Wie im Zoo“, sagt sie wie aus der Pistole geschossen. Dann denkt sie etwas nach und sagt, dass es sie aber auch stolz mache, wenn Fans extra für sie auf die Messe kommen. Die würden die vielen „Wichser“ mit ihren Teleobjektiven wettmachen, die sie fragen, ob sie „nicht mal ihre Titten zeigen“ könne. Für sie als Darstellerin habe das hier nichts Erotisches. „Für mich ist das harte Arbeit. Ich stehe hier jeden Tag zwölf Stunden lang, gebe Autogramme und lächle“, sagt die 22-jährige Hamburgerin. Wenn sie als Besucherin hier wäre, fände sie das Ganze aber schon erotisch.

Wir verlassen das 23.000 Quadratmeter große Messegelände mit gemischten Gefühlen. Die meisten Besucher*innen hier wollen nur möglichst viele weibliche Geschlechtsteile filmen. Andere scheinen ernsthaft daran interessiert, ihren sexuellen Horizont zu erweitern, wie das schwedische Pärchen, oder die gelebte Offenheit zu genießen, wie die Autor*innen aus Polen. Wir selber empfanden hier weder Lust noch Erregung, trotz der sicher attraktiven Darstellerinnen und dem offenen Treiben.

Insgesamt hat uns die Messe aber vor allem deutlich gemacht, dass hinter jedem Pornofilm harte Arbeit, Menschen und Karrieren stecken. Hier geht es vor allem ums Geschäft, um eine ganze Industrie, ums Geldverdienen. Das ist das Konzept einer Messe. Hier werden Dinge eben mit Sex beworben und verkauft. Es geht um das finanzielle Abmelken unserer Lust – nicht um wahre Erotik.


Die Venus Berlin erwartet in diesem Jahr rund 30.000 Besucher*innen. Insgesamt gibt es 250 Aussteller und Stände. Die Messe geht noch bis Sonntag.