Vergesst Online-Shopping, kauft lieber nebenan!

Alles kaufen wir online: Bücher, Medikamente, Kleider und Brotbackmischungen. Leider, finde ich. Ein Plädoyer für den Wochenmarkt und die Buchhandlung von nebenan.

Francesca Schellhaas

Frisch vom Markt. Francesca Schellhaas

Liebe Online-Shops. Zugegeben, ich war euch gegenüber noch nie sehr positiv gestimmt. Obwohl ich ein Digital Native bin.

Ihr seid anonym, unübersichtlich und hinterhältig. Ihr bietet uns eine unendliche Auswahl an Dingen – und das nach nur ein paar Klicks. Ihr bedient unseren inneren Schweinehund: liefert Pizza, Pasta und Eis und ermöglicht es, den Kleiderschank zu füllen, ohne dass wir an die frische Luft gehen müssen.

Online-Shops betätscheln unseren Schweinehund

Auf der anderen Seite klaut ihr uns etwas, das wir leider immer noch wenig zu schätzen wissen. Etwas schwer fassbares und gleichzeitig sehr wertvolles: unsere Daten. Leichtfertig tippen wir E-Mailadresse, Lieferadresse, Name und Geburtsdatum ein. Denn: Wir haben ja Hunger. Oder Durst. Oder was auch immer.

[Außerdem auf ze.tt: Werbung per Ultraschall: Handy und Laptop reden heimlich über dich]

Der Trend zum Online-Shopping nimmt rasant zu: Innerhalb von vier Jahren (2010 bis 2014) hat sich die Anzahl der Online-Shopper in Deutschland verdoppelt. Besonders beliebt sind Schuhe, darauf folgen Eintrittskarten und Bücher.

Ich finde das verrückt. Es unterbindet schleichend unsere Fähigkeit, Dinge selbstständig zu erledigen. JA, wir haben eine Küche, um selbst zu kochen. Und JA, Bücher können wir auch in Bücherhandlungen kaufen.

Onlineshopping fesselt an die Coach

Zudem müssen zwischenmenschliche Beziehungen unter der Last der digitalen Kommunikation leiden. Anstatt den Schritt in die Gesellschaft zu wagen, verschanzen wir uns im Zimmer und klicken auf Websites rum. Wir müssen ja noch nicht mal mehr telefonieren, um eine Pizza zu bestellen. Was bleibt, ist der Pizza-Lieferant. Immerhin.

Ein sehr interessantes Beispiel ist der der Online-Shop Brotliebling. Dieses Dienstportal funktioniert ebenfalls in drei einfachen Schritten. Zuerst klicken wir auf das Brot unserer Wahl. Daraufhin erhalten wir alles, was wir zum Brotbacken benötigen – „vom Mehl über die Hefe bis zum Backpapier“ direkt an die Haustüre. Im letzten Schritt müssen wir dann doch einen Finger rühren: nämlich die Brotbackmaschine anschmeissen. Welch ein Aufwand.

Unser einziger Freund: der Lieferant

Mein Lieblings-Online-Shop und maßgeblicher Antrieb für diesen Artikel ist das Startup Bonativo. Dieser Online-Shop erfüllt die innigsten Wünsche eines Semi-Wannabe-Vollzeit-Öko-Hipsters. Erstens findet er für uns Lebensmittel aus unserer Region. Zweitens stellen lokale Hersteller extra für uns Produkte mit Leidenschaft und Hingabe her. Drittens fahren die Lieferanten die bestellten Produkte kostenlos an die Haustür.

[Außerdem auf ze.tt: Zurück an den Herd!]

Ganz ehrlich: Das ist doch absurd. Warum sollten wir regionale Lebensmittel – also Produkte, die in unmittelbarer Nähe hergestellt werden – im Internet bestellen? Meiner Vorstellung nach ist der Erwerb regionaler Lebensmittel immer ein Einkauf, der die Nähe und den Kontakt zum Lebensmittelerzeuger impliziert. Das ist die Idee des regionalen Einkaufens. Wir besuchen den Wochenmarkt, um die Nachbarschaft zu treffen, Nahrungsmittel zu kaufen und den Bauern des Vertrauens nach der passenden Apfelsorte für den Kuchen zu fragen.

Natürlich können wir regionale Ware auch im Supermarkt erhalten. Das ist dann nicht an Ort und Zeit gebunden. Und sichert trotzdem, dass die Lebensmittel nicht einmal um die Welt geflogen sind, bevor sie in der Auslage landeten.

Ich möchte den vielen neuen Startups nichts Böses. Ich empfinde den Versuch, regionale Lebensmittel wieder an die breite Masse zu bringen, gut. Nur ihre Methodik steht im Konflikt mit meiner Einstellung. Vielleicht bin ich auch nur zu nostalgisch und spießig für solchen neuen Krams.