Video-Interview Martina Gedeck und Lea van Acken: Was hat Anne Frank mit der Flüchtlingskrise zu tun?

© Andreas Rentz/Getty Images

Anne Frank an ihrem Schreibtisch. Heute als Wachsfigur im Berliner Madame Tussauds.© Andreas Rentz/Getty Images

Der erste deutsche Kinofilm zum Tagebuch der Anne Frank zeigt ab Donnerstag das Leben des jüdischen Mädchens und ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus. Die beiden Darstellerinnen Lea van Acken (Anne) und Martina Gedeck (Annes Mutter) vergleichen in unserem Interview die Situation von damals mit der Flüchtlingskrise heute.

„Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube“, schreibt die 15-jährige Anne Frank am 15. Juli 1944 in ihr Tagebuch. Zu der Zeit lebt sie versteckt mit ihrer und einer anderen jüdischen Familie im Hinterhaus der Prinsengracht 263.


Familie Frank war bereits 1934 von Frankfurt am Main nach Amsterdam ausgewandert, um der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu entkommen. Mehr als zwei Jahre versteckten sie sich, bevor Anne, ihre Mutter Edith, ihr Vater Otto-Heinrich und ihre große Schwester Margot kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs verraten, verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht wurden. Otto-Heinrich Frank überlebte als Einziger den Holocaust und sorgte dafür, dass das Tagebuch seiner Tochter weltbekannt wurde.

Anne Frank als Teenager

Am Donnerstag läuft der erste deutsche Kinofilm zum Tagebuch der Anne Frank an. Regisseur Hans Steinbichler sagt, er hätte „Anne Frank als Coming-of-Age-Geschichte“ erzählen wollen. Die Geschichte eines „ganz normalen Mädchens, das in absurden Verhältnissen aufwächst“. Die junge Anne sollte also als Teenager mit Problemen mit den Eltern, dem Entdecken des eigenen Körpers und der Liebe dargestellt werden.

Herausgekommen ist leider ein Film Typ „Keinohrhase“ mit Hitler-Hintergrund. So bitter es klingt, aber während man Lea van Acken dabei zusieht, wie sie versucht, eine aufgeweckte und mutige Anne zu mimen, bekommt man eher den Eindruck, es würde sich um ein aufmüpfiges, arrogantes Mädchen handeln, dass sich gerne in den Mittelpunkt stellt. Das macht die Anne Frank im Steinbichler-Film teilweise so unsympathisch, dass man den schwerwiegenden historischen Hintergrund vergisst und Tagebucheinträge und Elternkonflikte völlig aus dem Auge verliert.

Sowieso versucht der Film mehrere, vielleicht zu viele, Konflikte aufzumachen, reißt sie nur an und löst sie nie ganz auf. Ein Beispiel dafür ist das Verhältnis von Anne zu ihrer Mutter (gespielt von Martina Gedeck) und ihrem Vater (gespielt von Ulrich Noethen). Anne liebt ihren Vater mehr als ihre Mutter und das sagt sie ihm auch eines Tages. An dieser Stelle, wo es tatsächlich einen Bezug zur pubertären Entfremdung von den Eltern und dem Finden der eigenen Identität gegeben hätte, stockt die Storyline.

Der Film schafft es nicht, die innerfamiliären Konflikte zu erklären. Vielmehr schwenkt er um auf eine Liebelei zwischen dem jungen Peter van Daan, der ebenfalls mit seinen Eltern im Hinterhaus wohnt. Aber auch hier bleibt es bei Andeutungen von Gefühlen. Ob Peter Anne oder Anne Peter oder sich beide gegenseitig liebten und füreinander Rettungsanker in dieser beklemmenden Situation waren, bleibt ungewiss.

Vielleicht soll das so, weil das Leben Anne Franks immer noch ein bisschen ungewiss ist. Alles, was wir von dem Mädchen wissen, stammt aus ihren Tagebucheinträgen und Erzählungen ihres Vaters. Das reicht aber, um zu erkennen, dass eine deutsche Interpretation der Geschehnisse im Hinterhaus, wenn auch nicht ganz gelungen, zumindest überfällig ist.