Videospiele: Bei Vaginas hört der Spaß auf

Zerfetzte Leichen und Penisse sind okay – das weibliche Geschlechtsteil aber nicht. Der Vagina-Fund eines Spielers in „Watch Dogs 2“ zeigt, wie doppelmoralisch die Games-Branche ist.

© Ubisoft

Er jedenfalls bleibt angezogen. © Ubisoft

Bei neuen Spielen wie „Watch Dogs 2“ erwarten Spieler*innen vieles: cineastische Action, Gewalt, Chaos – aber keine detaillierte Darstellung von Genitalien. Ein Fall diese Woche zeigte jedenfalls: Die Gaming-Welt ist noch nicht bereit für Nacktheit. Zumindest nicht für entblößte Vaginen.

In „Watch Dogs 2“, welches der nächsten großen Knaller des Entwicklers Ubisoft werden soll, steuern die Spieler*innen einen Hacker, der sich dem „DedSec“-Kollektiv anschließt, vergleichbar mit Anonymous. Die Organisation geht gegen die Regierung vor, welche massenhaft Daten sammelt. Das Spiel arbeitet dabei mit satirischen Anspielungen auf die reale Welt, Unternehmen wie Google (im Spiel: „Nudle“) bekommen ihr Fett weg.

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Ein Käufer entdeckte in der riesigen Spielwelt, einem nachgebauten San Francisco, jetzt versehentlich noch mehr: die explizite Darstellung der Vagina einer Passantin. Sie war nach einer Explosion zu Boden gegangen. Seinen Angaben zufolge ist der Spieler über den Fund so verwundert gewesen, dass er einen Screenshot in das Online-Portal „Playstation Network“ (PSN) von Sony hochlud und auf Twitter teilte. Da ging er noch davon aus, die Entwickler*innen hätten die detailliert dargestellte Vagina der Figur „versehentlich“ ins Spiel integriert.

Tatsächlich sind nackte Genitalien in „Watch Dogs 2“ aber kein Versehen. Die Entwickler*innen pflegen einen sehr offenen Umgang mit Nacktheit. Kürzlich wurden zwei Videos veröffentlicht; das eine zeigt einen entkleideten Mann in einer Seitenstraße der Spielwelt. Das andere eine komplett nackte Frau beim Tanzen in einer Hippie-Kommune.

In Games gibt es einiges zu sehen, Gewalt, Blut, Leichen, Zombies, eine Vagina sollte doch eigentlich niemanden schocken. Dennoch löste das Foto eine kuriose Kette an Ereignissen aus. Zunächst bekam der Vagina-Entdecker eine Nachricht von Sony: Er habe „jugendgefährdende Inhalte“ geteilt und werde daher für eine Woche vom Online-Gaming im PSN verbannt.

Weil er diese Nachricht dann öffentlich im großen Szene-Forum NeoGaf teilte, wurde auch das Entwicklerstudio Ubisoft hellhörig. Den Kollegen*innen von Kotaku teilten die Entwickler*innen mit, dass „eine“ der Figurenmodelle tatsächlich „in einer Art und Weise dargestellt wurde, die sehr explizit“ sei. Die Vagina war also kein Fehler.

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Ubisoft unternahm noch einen kleinen Seitenhieb gegen Sony: Spieler*innen sollten bestenfalls alle Inhalte aus dem Spiel sharen dürfen, ohne gesperrt zu werden, sagten die Entwickler*innen. Schließlich entschuldigte sich das Studio jedoch für die Vagina-Darstellung – und veröffentlichte einen Patch, der die Vagina aus dem Spiel entfernte. „Wir werden das Modell den anderen NPCs (Anm.: nicht spielbare Charaktere) anpassen.“

Eine recht doppelmoralische Entscheidung – denn Penisse baumeln weiterhin offen herum. Ubisoft änderte nur das eine Modell, wie das Studio Kotaku bestätigte.

Sony wurde offenbar der Trubel zu viel – der Spieler, der das Foto teilte, wurde entsperrt und darf jetzt wieder online gehen. An das japanische Unternehmen gerichtet, setzte er einen weiteren Tweet ab: „Tut mir leid, Sony. Ich werde dann mal wieder die Leichen aus ‚Resident Evil 7‘ teilen.“ Damit sprach er das generelle Paradoxon in der Entertainment-Industrie an: zerfetzte Körper sind okay, nackte aber nicht.