Vier Ziele fürs Auslandssemester, von denen du garantiert noch nie gehört hast

Wir müssen unsere Auslandssemester nicht immer in den USA, Kanada oder bei den europäischen Nachbarn verbringen. Für ze.tt erzählen vier Studierende von ihrer Zeit an außergewöhnlichen Orten.

Martin Svensson, Jaan Westphal, Philipp Brand, Priska Rohwedder/Collage: ze.tt

Du musst deinen Erasmus-Austausch nicht immer Lissabon, London und Budapest verbringen. Martin Svensson, Jaan Westphal, Philipp Brand, Priska Rohwedder/Collage: ze.tt

Pelzmützen und Plattenbauten? Martin Svensson, 26, aus München studierte an der State University in Nowosibirisk (Sibirien) 


„Es war ein milder Winter: Die Temperaturen erreichten knapp -40 Grad. In Nowosibirsk ist das außergewöhnlich. Warum es mich nach Sibirien verschlagen hat? Ich wollte ins Ausland, um mein Russisch zu verbessern — und in Nowosibirsk spricht kein Mensch Englisch.

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Düstere Statuen. © Martin Svensson

Ich stellte mich auf schlechte Straßen, trostlose Plattenbauten, Pelzmützen und Alkoholiker ein. Und, Überraschung: Die Vorurteile wurden nicht erfüllt! Die allermeisten Studenten trinken keinen Tropfen Alkohol. Befremdlich fand ich jedoch, dass viele Mädels sich schon im zweiten oder dritten Semester um einen zukünftigen Ehemann sorgten.

Trostlose Gebäude ja, Pelzmützen nein

Das Vorurteil der trostlose Gebäude fand jedoch seine Berechtigung. Meine Uni, eine der größten in Russland, war ein hässlicher Betonbau aus den Fünfzigerjahren.

Die Wochenenden waren erlebnisreich: Einmal bin ich mit der Transsibirischen Eisenbahn bis an den Baikalsee gefahren, über 40 Stunden. Häufig luden mich auch russische Freunde zum Kartenspielen oder Teetrinken ein. Das Essen ähnelt der deutschen Küche — viel Fleisch, Kartoffeln und scharfe Suppen.

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Martin am Baikalsee © Martin Svensson

Dass es kalt war, hat mir nichts ausgemacht. Ich bin gebürtiger Schwede und weiß, wie man sich kleidet: dicke Unterhosen, T-Shirts, Hemden, ganz nach dem Zwiebelprinzip. Pelzmützen habe ich nie gesehen. Und mal ehrlich: So richtig schützen Pelzmützen auch gar nicht gegen die Kälte.“

Hinter der Fassade der schmutzigen Großstadt – Jaan Westphal, 26, aus Hamburg studierte an der Hunan University in Changsha (China) 

„Als ich in Changsha ankam, hatte ich erst mal den großen China-Koller! Im Studentenwohnheim gab es nur kaltes Wasser. Erst als ich mir nach einer Woche etwas Eigenes gesucht hatte, wurde es besser.

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Jaan Westphal beim studieren. © Jaan Westphal

Changsha ist die Hauptstadt von Hunan — der Provinz, in der Mao Zedong geboren wurde. Auf den ersten Blick ist die Stadt nicht schön: Ein schlammig-sumpfiger Fluss teilt die Stadt in zwei Teile. Doch mit der Zeit blickte ich hinter ihre schmutzige Fassade: alte Fischerboote, kleine Felder an hübschen Ufern.

Schwierig, Anschluss zu finden

Ganz ohne Sprachkenntnisse in der Stadt zurechtzukommen, ist nicht einfach. Obwohl ich die Sprache einigermaßen gut konnte, war es schwierig für mich, mit Chinesen in Kontakt zu kommen. Diejenigen, die gerne Anschluss gehabt hätten, wollten vor allem ihr Englisch verbessern – andere haben den Kontakt gar nicht erst gesucht.

Irgendwann habe ich aber durch Zufall ein kleines Künstler-Café entdeckt, in dem ich viele interessante Leute getroffen habe. Das waren vor allem Theater-, Kunst- und Musik-Studenten, die dem Leistungsdruck entfliehen wollten, der viele junge Leute in China betrifft. Zuerst haben mir natürlich viele Vokabeln gefehlt — aber ich konnte ja immer direkt nachfragen.“

„Chile ist ein Abenteuer!” – Philipp Brand, 23, aus Frankfurt studierte an der Universität in Viña del Mar (Chile)

„Es war meine erste Reise nach Südamerika. Mein Spanisch war auch noch nicht besonders gut, daher war die Verständigung am Anfang etwas schwierig. Nach Viña del Mar hat es mich wegen eines Missverständnisses verschlagen: Es hieß, dort sei die einzige unserer Partner-Unis auf dem Kontinent, an der man auch Kurse auf Englisch belegen könnte – so ein Quatsch!

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Philipp vor atemberaubender Kulisse. © Philipp Brand

Viña del Mar ist die größte chilenische Stadt an der Pazifikküste und mit seiner Nachbarstadt Valparaíso zusammengewachsen. Viña ist bei Touristen sehr beliebt, weil die Stadt einen kilometerlangen Sandstrand hat.

Ich habe besonders viel Zeit mit den anderen Austauschstudenten verbracht, weil die chilenischen Studenten sehr beschäftigt sind. Im Gegensatz zu mir: Ich musste nur zwei Tage die Woche zur Uni.

Viel Freizeit zum Reisen

Die meiste freie Zeit habe ich zum Reisen genutzt: Ich war innerhalb Chiles, aber auch in Argentinien, Bolivien, Brasilien und Peru unterwegs. Es sind tolle Länder zum Reisen. Vor allem das Backpacken habe ich dort für mich entdeckt. Ich habe wirklich tolle, hilfsbereite Menschen dabei kennengelernt!

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Auf Reisen. © Philipp Brand

In Bolivien passierte dann etwas nicht so erfreuliches: Ein Mann gab sich als Polizist aus und forderte mich dazu auf, meine Taschen zu leeren – Geld, Handy und Kreditkarte sah ich nie wieder. Die Nacht habe ich dann nicht im Hostel, sondern auf einem Sofa in einer Polizeistation verbracht. Trotz meiner Erfahrung in Bolivien habe ich aber auch mein zweites Auslandssemester in Südamerika absolviert — dieses Mal in Argentinien.“

„So eine Herzlichkeit habe ich noch nie zuvor erlebt” – Priska Rohwedder, 28, aus Flensburg studierte an der University of Education in Winneba (Ghana) 

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Priska Rohwedder mit ihren ghanaischen Freunden. © Priska Rohwedder

„Gleich im ersten Moment habe ich mich in Ghana und seine Bewohner verliebt. Obwohl ich im Hostel wohnen musste, war ich nie außen vor, sondern hatte immer Besuch oder war mit Freunden unterwegs. Oft waren wir in Clubs, wo wir getanzt und viel Wasser getrunken haben: In Ghana ist Drogenkonsum nämlich ungern gesehen – auch unter jungen Leuten.

Der Umgang zwischen den Geschlechtern ist in Ghana sehr entspannt, es gibt vielleicht sogar mehr Freundschaften als Beziehungen. Anfangs fand ich es einfacher, mit Männern in Kontakt zu kommen, da Frauen tendenziell distanzierter schienen.

Die Einheimischen empfand ich manchmal als etwas unsensibel. Sie sprachen in ihren Slang „Pidgin English“ und amüsierten sich dann, dass ich sie nicht verstand. Das ist aber nie böse, sondern nur lustig gemeint.

Leben mit „Ghana sickness“

Winneba ist ein gemütliches Städtchen direkt am Strand. Allerdings nur für ghanaische Verhältnisse. Es gibt kaum geteerte Straßen und wenn doch, dann zerlöchtert. Während das Internet sehr gut funktioniert, fällt der Strom fast jeden zweiten Tag aus — die Einheimischen nennen das „Ghana sickness“.

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Beim gahanischen Tanz. © Priska Rohwedder

Das Studieren gestaltete sich sehr entspannt: Vorlesungen dauern in der Regel drei bis vier Stunden, davon wird aber nur eine Stunde effektiv gearbeitet. Das war gar nicht so schlecht für mich, weil es mir genügend Zeit gab, mich auf das Studium auf Englisch und die neue Umgebung einzustellen.

Gegen Ende meines Aufenthalts wurde ich als Teilnehmerin für die „GUSA Games“ ausgewählt. Das ist eine Sportveranstaltung, bei der die Universitäten des Landes in unterschiedlichen Disziplinen gegeneinander antreten. Gemeinsam mit meinem Handballteam habe ich sogar die Goldmedaille für Winneba gewonnen.“