Viva la Prokrastination!

Prokrastiniert besser, prokrastiniert mehr!

Pixabay/epicantus/CC0

Nichts-Tun ist auch was tun. Pixabay/epicantus/CC0

Es geht eine Krankheit um an Hochschulen bundesweit. Die Krankheit heißt: Aufschieberitis. Fachbegriff: Prokrastination. „Müsste eigentlich Hausarbeit schreiben/für Klausur x lernen, habe mir stattdessen die komplette Staffel y reingezogen.“ Allen Menschen, die sich in uninahen Kreisen bewegen, müssen Nachrichten mit ähnlichem Inhalt schon mal übers Smartphone gekrochen sein.

Die meisten meiner Freund*innen im Berliner Umfeld beschweren sich ständig über ihre Aufschieberitis. Wünschten sich, sie würden endlich mit ihrer Uniarbeit zu Potte kommen. Heulen sich an WG-Küchentischen über ihre mentalen Bauchkrämpfe und Depressionen aus – schlechtem Gewissen sei Dank. Völlig unverständlicherweise, wie ich finde. Die ganze Welt möchte ich hiermit würgen und ihr entgegen brüllen: Prokrastiniert hoch erhobenen Hauptes MEHR!

Imageproblem

Grund für das negative Image des Prokrastinierens ist, dass es viele Menschen mit sinnlosem Nichts-Tun gleichsetzen. Und Nichts-Tun ist in unserer Leistungsgesellschaft nicht besonders hoch angesehen. Dabei ist das sogenannte „Nichts-Tun“ ein Konzept, das schon vom Ansatz her irgendwie schief ist: Was genau ist denn Nichts-Tun? Man tut ja auch beim Nichts-Tun immer etwas. Meditierende Mönche schauen auch aus, als würden sie nichts tun, trotzdem tun sie ja etwas – nämlich meditieren.

Die wenigsten Menschen tun beim Prokrastinieren also tatsächlich nichts. Außer sie schlafen. Das ist tatsächlich die einzige Art der Prokrastination, die zu hundert Prozent unproduktiv ist. Die meisten Prokrastinierer tun aber statt Uniarbeit einfach andere Dinge, auf die sie gerade eben mehr Lust haben. Und fühlen sich dann schlecht aufgrund ihrer mangelnden Disziplin.

It’s all about the Mehrwert Baby!

Dabei können diese anderen Dinge sehr sinnvolle Arten des Zeitvertreibs sein – auch wenn sie zunächst vielleicht nach Nichts-Tun aussehen. Wichtig ist meiner Meinung nach immer die Frage: Wo liegt bei dem, was du tust, ein Mehrwert? Egal ob für dich, für andere, die Gesellschaft, die Natur, die Zukunft, den Weltfrieden, whatever. Sobald du einen Mehrwert siehst in der Handlung, die du statt Hausarbeit schreiben tust, prokrastinierst du auf produktive Art und Weise. Kreative Interpretationsakrobaten können auch im stundenlangen An-die-Decke-Starren oder einem „Gossip Girl“-Marathon Mehrwert finden. Findest du in deinem Tun auch bei genauerer Betrachtung keinen Mehrwert, dann schreib deine gottverdammte Hausarbeit! (Kinder, dies ist eine Faustregel und darf mitnotiert werden.)

Natürlich gibt es Dinge, bei denen es keiner kreativen Interpretationshochleistung bedarf, um den Mehrwert zu benennen. Als Prokrastinations-Guru kommt hier mein Prokrastinations-Tutorial mit mehrwertschwangeren Tipps für Menschen, die sich im produktiven Prokrastinieren üben wollen. Und außerdem das mit der Regelstudienzeit nicht so eng sehen:

1. Besuche fachfremde Veranstaltungen.

Wie geil ist eigentlich das Konzept Uni? Du darfst für relativ wenig Geld drei bis x Jahre diesen Wissenstempel durchstöbern. Und wie langweilig und verschwendete Zeit ist es denn, sich dabei nur auf einen Studiengang zu begrenzen? Schon mal ein Seminar besucht, in dem untersucht wird, wie sich das männlich geprägte Menschenbild von Autoren der europäischen Ideengeschichte in ihren Texten widerspiegelt? Oder einer Vorlesung zum europäischen und deutschen Asylrecht gelauscht? Oder an der hiesigen Universität der Künste etwas über die verschiedenen Formen von Making-ofs und deren Bedeutung für das Kunstwerk gelernt? Nein? Dann auf auf, schnapp dir das Vorlesungsverzeichnis deiner Uni (und aller Unis in der Nähe) und schau überall mal rein. Kost’ ja nüscht.

2. Arbeite an einer Rede zur Lage der Nation.

(Wer nicht weiß, was das ist: Youtube und Obama wissen Rat.) So eine Rede bedarf einiger Vorbereitung. Unwissende würden diese Vorbereitungszeit vielleicht als faules Zeitungslesen in der Sonne denunzieren. Dabei ist es vielmehr eine Jagd durch den verworrenen Informationswald der Medienlandschaft. Nimm dir dafür ruhig täglich so etwa ein bis zwei Stunden Zeit. Gut Ding will Weile haben. Fasse die Ergebnisse deiner Informationsjagd hinterher für deine Snapchat-Gemeinde zusammen. Kommentiere anschließend die Zusammenfassung und ordne die Geschehnisse in unsere komplexe globalisierte Welt ein. Zack feddich – deine Rede zur Lage der Nation.

3. Arbeite an deinen Social Skills.

Gehe in all die schrammeligen Bierhallen, an denen du mit deinen hippen Freund*innen nachts in der Regel schnurstracks vorbeiläufst. Und zwar alleine. Setz dich an den Tresen und schnacke mit dem*der Barkeeper*in. Der Mensch hinter der Bar ist die Schlüsselperson, um mit den restlichen Kneipengästen in Kontakt zu treten. Und die Gäste dunkler 24h-Spelunken haben oft überraschendere und spannendere Dinge zu erzählen, als die bartaffinen Gäste der Hipsterbars, in denen du sonst immer abhängst. Wer weiß, vielleicht triffst du den Zweiten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Irlands. Oder den ehemaligen Mitbewohner von Nick Cave. Oder wirst spontan zu einem Buch wie Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ inspiriert. Auf jeden Fall aber triffst du Zeitzeugen vergangener Jahrzehnte, die dir aus erster Hand von der wilden Zeit damals berichten können. (Wer erstklassige Kaschemmentipps im Raum Berlin braucht, kann mich gerne per Brieftaube kontaktieren.)

4. Engagiere dich hochschulpolitisch.

Um politikverdrossen und veränderungsablehnend zu sein, hast du immer noch Zeit, wenn du alt bist. Engagiere dich mit deinem Rosa-Brillen-Idealismus lieber in einer Hochschulgruppe deiner Wahl. Wem uniinterne Themen wie Anwesenheitspflicht oder prekäre Arbeitsverhältnisse von Lehrbeauftragten nicht brisant genug erscheinen, der findet zu allen anderen gesellschaftsbewegenden Themen Mitstreiter*innen: Egal ob Unterschriftensammeln gegen Wucher-Mieten, antifaschistisches Engagement oder die Bildung von Reisegruppen zur nächsten TTIP-Großdemo.

An vielen Unis finden sich Ableger der großen Bundestagsparteien: Campus Grün (B’90/Die Grünen), SDS (Die Linke), Jusos (SPD), RCDS (CDU). Neben den parteinahen Kaderschmieden gibt es in der Regel auch einige autonome Gruppen (mit unterschiedlich ausgeprägter Marxismusaffinität). Eigentlich sollte für jeden Geschmack was dabei sein. Und wenn nicht, dann gründe mit Freund*innen deiner Wahl deine eigene Hochschulgruppe. Es gibt keinen besseren Grund, sich regelmäßig in eurer Lieblingskneipe zu treffen und die großen Probleme der Welt zu diskutieren. Und neue Lösungsideen für sie zu entwickeln.

5. Mach mal wieder was mit den Händen.

Pack die Fingerfarben aus Kindheitstagen aus und bemale eine Person, die du überdurchschnittlich gern hast. Erfülle einen alten Berufswunsch von dir und mache ein unbezahltes Praktikum als Baggerfahrer*in. Baue deine Mitbewohner*innen so als Kastanienmännchen (gendert man Kastanienmännchen?) nach, dass man ihre besonderen Charakterzüge erkennt. Jäte auf dem nächstgelegenen Kreisverkehr Unkraut (außer er ist aus Beton). Baue einen Stuhl und schenke ihn einer fremden Person in der U-Bahn, die keinen Sitzplatz mehr bekommen hat. Es gibt so viel zu tun! Foucault kannst du auch morgen noch lesen.

6. Mach die Uni zu deiner Kinderwundertüte.

Stephan Porombka hat dazu eine tolle Liste mit Ideen zusammengestellt. Wenn am Ende aller Prokrastination der Endgegner in Form eines unverschiebbaren Abgabetermins am Horizont erscheint und du wie ein panisches Häufchen Elend vor dem Laptop schluchzt, empfehle ich Punkt 55: „Lade sieben Freunde über das Wochenende ein, um gemeinsam deine Hausarbeit zu schreiben.“

P.S.: Obacht, liebe Leser*innen, die jetzt völlig berauscht in fachfremde Seminare reinplatzen wollen. Leider ist das Bafög-Amt kein Aufschieberitis-Fan. Deshalb haben alle produktiven Prokrastinierer einen (mehr oder weniger) gut bezahlten Nebenjob, um sich den luxuriösen Lifestyle gönnen zu können. Oder sehr nette Eltern.