Vom Bankkaufmann zum Klangheiler: Die Geschichte einer Selbstfindung

Manuel Breuer arbeitete in einer Bank und dann als Diplom-Ökonom. Nach einer Krankheit orientiert er sich komplett neu.

In seinem früheren Leben zwängte sich Manuel Breuer morgens in einen Anzug, ging in ein Büro in der Bonner Innenstadt und wühlte sich am Computer durch Zahlenkolonnen. Er reiste durch Deutschland und sprach mit Manager*innen über die Anpassung ihrer Betriebe an den strukturellen Wandel. ADAPT hieß das Arbeitsmarktprogramm, in dem er ein Budget von etwa 100 Millionen D-Mark verwaltete, wie er erzählt.

Heute arbeitet Breuer (50) in seiner eigenen Praxis in Berlin-Schöneweide. Der 70 Quadratmeter große Raum ist geschmückt mit Fellen, Klangspielen und Instrumenten, die er selbst gebastelt hat. An der Decke hängen Stoffbahnen, hier und da flackert eine Kerze, in der Ecke plätschert ein Zimmerbrunnen. Zwei bis drei Klient*innen kommen pro Tag. Breuer führt mit ihnen Gespräche, legt gemeinsam Steine für eine „systemische Aufstellung“ auf den Boden oder bittet sie auf eine Liege, um dort ihre Energieblockaden mit Trommeln, Rasseln und Klangschalen zu lösen. Er ist Klangtherapeut.

Es war ein weiter Weg vom Bonner Büro zur Heilpraxis in Berlin. Breuer wurde vom Kopf- zum Bauchmenschen, verzichtete auf viel Geld und eine mögliche Karriere im öffentlichen Dienst. Aber Breuer sagt, dass er endlich bei sich angekommen ist und mit sich im Gleichgewicht ist. Bis es soweit war, hat es lange gedauert und er musste erst krank werden.

Erste Hinweise

Breuer, 1,98 Meter groß, drahtig, sitzt in einem Korbstuhl und spricht mit ruhiger und langsamer Stimme von seiner Wandlung. Er wächst in Bochum mit zwei Brüdern als Sohn eines Bankers und einer Hausfrau auf. Schon in seiner Kindheit liebt er Indianerromane, später macht er ein Austauschjahr in den USA, das er zufällig bei einer halbindianischen Familie verbringt. Dort fühlt er sich wohl und akzeptiert.

Breuer kehrt zurück und beginnt, wie sein Vater, in einer Bank zu arbeiten. Er wird Bankkaufmann, auch „weil ich nicht wusste, welche Interessen ich hatte“, wie er sagt. Danach studiert er Betriebswirtschaftslehre und beginnt bei ADAPT. Breuer erarbeitet Schemata, mit denen Betriebe Weiterbildungsmaßnahmen ihrer Mitarbeiter*innen finanzieren können. „Ich war komplett auf Zahlen ausgerichtet“, sagt er.

Sein Körper rebelliert

Dann wird er krank. Er hat depressive Verstimmungen, bekommt Hautausschläge, Heuschnupfen und Probleme mit dem Darm. Wenn er unterwegs ist und Präsentationen hält, bricht ihm immer häufiger die Stimme weg. „Mir ging’s richtig schlecht“, erzählt er. Wie oft, wenn Menschen nicht auf sich hören und keine Verbindungen zu ihrem Innersten haben, meldet sich der Körper und versucht mitzuteilen, dass etwas nicht stimmt.

„Ich hab nicht das gemacht, was zu mir passt“, sagt Breuer. Noch weiß er nicht, was wirklich zu ihm passt, aber er merkt, dass es so nicht weiter geht. Er lebt vor allem in seinem Kopf und ist ständig angespannt, sagt er heute über die damalige Zeit. Breuer glaubt, dass es vielen Menschen so geht wie ihm damals. „Wir werden geschult, zu funktionieren und Erwartungen zu erfüllen“, sagt er. Was fehlt, ist die Fähigkeit, die Sprache des Körpers zu verstehen.

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Die Salben und Ratschläge der schulmedizinischen Ärzte können ihm nicht weiterhelfen und so beginnt Breuer eine logopädische Therapie und sucht einen Homöopathen auf. Er sagt, dass sich dadurch ein Türchen in ihm geöffnet hat. Die Auseinandersetzung mit seiner Stimme führt ihn in sein Inneres. Er hat das Gefühl, dort eine schöne Marmorstatue zu sehen, die von einem Betonpanzer umgeben ist. „Der Beton war immer das, was ich dachte, was ich bin, was ich aber nur gespielt habe. Und darunter war plötzlich noch was ganz anderes, was auf mich wartete.“ Die Betonschicht beginnt zu bröckeln, aber noch ist Breuer nicht so weit zu wissen, wie es mit ihm weitergehen soll.

Schlüsselmomente

Ein Urlaub in den USA bringt ihn näher zu seinem heutigen Ich. Er besucht die Familie, bei der er in der 11. Klasse war und reist mit ihnen in Reservate. In einer Kirche in einem Reservat in Kanada geht ihm ein Licht auf. „Indianer war das Ding, was dich komplett erfüllt hat, als du noch ein Kind warst, du hast das nur komplett vergessen“, sagt er sich. 

Zurück in Deutschland googelt er „Indianer Bonn“ und stößt auf ein Indiandercamp in der Eifel, zu dem er sich anmeldet. Eine Woche lang wohnt er mit rund 60 Teilnehmer*innen in Zelten, sie bauen Trommeln, schießen Bogen, gehen in Schwitzhütten und singen indigene Lieder. Als Gast ist ein Crow-Indianer eingeladen, ein Schamane. Alle Teilnehmer*innen sitzen im Kreis und lauschen seinen Erzählungen aus dem Reservat. „Ich fühlte mich wieder zu Hause“, sagt Breuer und beschließt: „So will ich auch werden.“

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Der nächste Schlüsselmoment ist ein Essen bei einem Kollegen. Dessen Frau erzählt von einer Heilpraktikerschule in Berlin. Es beginnt, in ihm zu arbeiten. Wenig später ist er auf Dienstreise in Berlin und sitzt in der Mittagspause an einem Springbrunnen in Schöneberg. „Auf einmal kam es in mir hoch wie ein Geysir“, erzählt Breuer. Sein Entschluss steht fest: Er will nach Berlin und Heilpraktiker werden. Breuer lehnt ein neues Jobangebot seines Chefs ab und zieht Anfang 2002 nach Berlin. Vormittags besucht er die Schule, nachmittags arbeitet er als PR-Referent. Er spezialisiert sich auf Klangtherapie und Homöopathie.

Nach dem Abschluss eröffnet er eine Praxis in Mitte. Doch es kommen keine Klient*innen. „Das war furchtbar“, sagt er. Anstatt anderen zu helfen, benötigt er selbst Hilfe, die er sich von Kolleg*innen holt. Er sitzt alleine in seiner Praxis und fragt sich, warum es so kompliziert ist. An seiner Entscheidung zweifelt er nicht, erzählt er. „Aber ich hatte mir nicht vorgestellt, dass es so schwer sein würde.“ Währen er früher mindestens 4.000 D-Mark brutto verdiente, kommt jetzt kaum Geld rein. Er lebt vor allem von Erspartem aus seiner Zeit in Bonn. „Ich würde keinem empfehlen, Heilpraktiker zu werden, wenn man keine Rücklagen hat“, sagt er. Erst nach drei bis vier Jahren kommen genügend Klient*innen in seine Praxis.

Zurück im Gleichgewicht

Die Menschen, die bei ihm Hilfe suchen, sind zwischen 20 und 70 Jahren alt. „Das sind Leute, die aus dem Gleichgewicht gekommen sind“, sagt er, „durch Krankheiten, Schicksalsschläge oder weil sie nicht auf ihre innere Stimme hören. Ich helfe ihnen, wieder in die Balance zu kommen.“ Es geht eher um Selbstfindung als um Therapie, „Werde, wer du wirklich bist“, heißt es auf seiner Website. Natürlich könnte man mit diesen Problemen auch zu Psychotherapeut*innen gehen. Breuer beschreibt den Unterschied so: „Meine Arbeit geht am Verstand vorbei direkt in die Seele.“

80 Euro pro Stunde verlangt er dafür. Er tut das mit Gesprächen und vor allem mit Klängen, die den Klient*innen helfen sollen, Blockaden zu lösen und wieder zu sich zu finden. Zum Teil kommen aber auch Menschen, die sich einfach entspannen wollen und in Breuers Klangwelt eintauchen möchten.

Der größte Unterschied von seinem Leben in der Bank zu seinem heutigen ist für ihn dieser: „Ich brauche keine Rüstung mehr. Ich kann den Menschen so begegnen, wie ich wirklich bin“, sagt er. Der starke Bezug zur indigenen Kultur Nordamerikas habe ihm geholfen, kraftvoll, er selbst und frei zu sein – und das auch anderen Menschen zu vermitteln.

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Das bedeutet nicht, dass jetzt in seinem Leben alles reibungslos läuft. Vor drei Jahren ließen er und seine Frau sich scheiden, aus ihrer Ehe haben sie einen gemeinsamen Sohn, der heute neun Jahre alt ist. Den Grund für das Scheitern beschreibt er so: „In einer Ehe müssen die Wege parallel verlaufen.“ Seine Frau sei ursprünglich auch aus dem Heilbereich gekommen, „jetzt arbeitet sie in einem Büro“, sagt er. Er geht genau den umgekehrten Weg. Nach der Trennung hat er kaum Geld, kauft hauptsächlich gebrauchte Sachen. „Ich war am unteren Ende der sozialen Skala.“

Vielleicht ist das auch ein Opfer auf dem bisweilen radikalen Weg zu sich selbst, dem schamanischen Weg, wie Breuer ihn nennt. Dieser Weg ist für ihn längst nicht abgeschlossen. Breuer möchte als nächstes seine je 15 Jahre in unterschiedlichen Berufswelten in einem neuem Seminar miteinander verbinden. Er möchte Menschen helfen, sich beruflich neu zu orientieren, vor allem dann, wenn sie das Gefühl hätten, noch nicht am richtigen Platz zu sein. Im Grunde genau das, was er nach seiner Zeit bei ADAPT selbst erlebt hat.

Für Menschen, die sich ähnlichen Situationen wiederfinden wie er damals, rät er: „Versucht herauszufinden, was ihr euch wirklich vom Leben wünscht – und achtet auf die Zeichen eures Körpers.“