Wie ich es als Arbeiterkind vom Dorf nach Oxford schaffte

Kristina Lunz ist als Arbeiterkind in einem fränkischen Dorf aufgewachsen. Ihr Weg an die beste Uni der Welt war steinig. Sie plädiert für eine heterogenere Elite.

© Kristina Lunz

Graduation an der University of Oxford. © Kristina Lunz

Ich bin sehr behütet in einem 80-Seelen Dorf im Herzen der Fränkischen Schweiz aufgewachsen. Die umliegenden Felder und Wälder gehören meist den Einheimischen. Den Herbst verbinde ich mit Kartoffelernte, den Sommer mit lauen Nächten in Waldhütten. 

Ich hatte lange keine Idee davon, was eine Universität eigentlich ist und wusste auch nicht, was ich studieren sollte und ob ich überhaupt wollte. Aus meinem engeren Familienkreis war bislang niemand zur Uni gegangen. Ich bin als, wenn man es so nennen möchte, Arbeiterkind groß geworden.

Nicht-Akademikerhaushalt: Merkt man mir meine Herkunft an?

Das hat mich nicht daran gehindert, trotzdem in der Schule ehrgeizig zu sein. Am Ende der 13. Klasse hatte ich eines der besten Abiturzeugnisse und mir war klar: Ich gehe auf eine Uni. Ich wusste, dass nur diejenigen mit den besten Notendurchschnitten Psychologie und Medizin studieren konnten, eines davon wollte ich machen, wusste nur nicht gleich was. Aus diesem Grund bewarb ich mich einfach für beides. Auf die Zusage für mein Medizinstudium reagierte meine Mutter mit Lachen, ich könne doch gar kein Blut sehen. Recht hatte sie und daher lehnte ich ab.

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Es war ein langer Weg für Kristina, bis sie ihr Zeugnis in Oxford machen konnte. © Kristina Lunz

Ich studierte also Psychologie. Anfangs war alles sehr einschüchternd, das akademische Leben hätte mir nicht fremder sein können. Karriere-, Zukunfts- und Stipendienberatung sowie Mentoring hätten mir bei meinem Start sicher geholfen, nur gab es all das nicht, wo ich aufwuchs. Für mich war nicht der Studieninhalt das Problem, vielmehr der Habitus der Leute, die mich plötzlich umgaben.

Ich hatte stets das Gefühl, dass man mir sicher anmerke, dass sich mein Hintergrund – Dorfkind aus einem nicht akademischen Haushalt –  stark von dem vieler anderer unterschied. Die Statistiken bestätigen meinen persönlichen Eindruck: Von 100 Akademiker*innen-Kinder studieren 77, jedoch schaffen von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund nur 23 den Sprung an eine Hochschule.

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Während des Bachelorstudiums erfuhr ich von Stipendien. Ich bewarb mich, aber es klappte nicht auf Anhieb. Eine Stiftung lehnte mich mit der Begründung ab, ich würde mich zu umgangssprachlich ausdrücken – fränkischer Dialekt kann manchmal hartnäckig sein. Doch dann klappte es irgendwann: Ich wurde Stipendiatin eines Begabtenförderungswerkes. Etwas, das ich mir nie hätte träumen lassen – gehöre ich doch nicht zur Bevölkerungsgruppe, die ironischerweise nach wie vor am meisten von diesen Stipendien profitieren: Kinder aus Familien mit akademischem Hintergrund, das heißt, wo mindestens ein Elternteil studiert hat. Also anders, als bei mir.

Politik zum Abendbrot

Erst durch dieses Stipendium erfuhr ich überhaupt von diversen Förderprogrammen und anderen elitär anmutenden Kreisen. Obwohl ich aufgenommen wurde, fühlte ich mich aber nicht zugehörig. Ich tat meine ersten Schritte in einer Welt, die ich so nicht kannte: Eine Welt, in der die Eltern meiner Bekannten Diplomat*innen oder Ministeriumsmitarbeiter*innen waren; in der der Außenminister auf unserer Tagung an einem Sonntag eine Rede für uns hält.

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Mir fiel es anfangs schwer, Anschluss zu finden. Vielleicht, weil es offensichtlich war, dass ich keine von ihnen war. Vielleicht hielten mich auch meine Selbstzweifel zurück. Wie sollte ich denn so gut wie die anderen sein, wusste ich doch bis gerade eben nicht einmal, was eigentlich eine Diplomatin macht? Es ist schwierig, auch nur einfache Unterhaltungen zu führen, wenn der eigene Hintergrund so anders ist. Kunstgeschichte, Literatur und Politik beim Abendbrot zu diskutieren ist ein Privileg. Und so bleiben Nicht-Akademiker*innen-Kinder in diesen Kreisen eine Ausnahmeerscheinung. Leider.

You can’t be, what you can’t see

Im Rahmen eines Englandaufenthalts während meines Bachelorstudiums besuchte ich die Universität Oxford, die kürzlich zur besten Universität der Welt ernannt worden ist. Unzählige Staatsoberhäupter, Nobelpreisträger*innen und andere Berühmtheiten haben diese Uni besucht. Die Idee, ich könne jemals an genau dieser Uni studieren, kam mir damals nicht in den Sinn.

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Für einen Studienausflug während ihres Bachelorstudiums kam Kristina zum ersten Mal nach Oxford – und dachte nicht im Leben daran, dort zu studieren. © Kristina Lunz

Mir fehlten Vorbilder. Wir alle identifizieren uns mit bestimmten Gruppen wie unserer Familie oder der Dorfgemeinschaft, in der wir groß werden und wir fühlen uns diesen zugehörig. Unsere Ambitionen werden davon geprägt, was die Mitglieder dieser Gruppen erreichen. You can’t be what you can’t see.

Von London nach Oxford: Ich wollte es einfach versuchen

Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die einen bestärken und mehr an einen glauben, als man selbst. Ohne sie wäre ich auch nicht dort, wo ich heute bin. So ein Mensch war mein damaliger Freund. Er fragte mich, weshalb ich mich denn nicht für meinen Master an einer Uni in London bewerben würde, schließlich hatte ich mittlerweile auch mein Psychologie-Bachelorstudium mit Bestnoten abgeschlossen.

Weil da so Leute wie ich nicht studieren”, war meine Antwort. Er überzeugte mich doch und ich bewarb mich für internationale Politik am University College London. Ich wurde angenommen. Das Studium war oft ein Kampf: Die Megastadt London, die neue Sprache und die Selbstzweifel waren riesige Herausforderungen. In den ersten Monaten beteiligte ich mich kaum aktiv in den Vorlesungen. Was hatte ich denn auch beizutragen, meine Kommiliton*innen hatten schließlich ihre Bachelor in Cambridge, London & Co absolviert. Ich meinen an einer Durchschnitts-Uni in Deutschland.

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Sieht aus, wie in den Harry-Potter-Filmen: Die Immatrikulationsfeier in Oxford. © Kristina Lunz

Während meines Masters beschäftigten mich die Erinnerungen an meinen Wochenend-Ausflug nach Oxford. Inzwischen kannte ich Leute, die dort schon studierten. Ich fing an, mich mit ihnen zu identifizieren, schließlich waren sie nun meine Freunde und gar nicht so verkehrt. Ich entschloss mich, dass ich es versuchen wollte und feilte nächtelang an meiner Bewerbung für die beste Uni der Welt. Im März 2014 kam dann die Zusage für „Global Governance and Diplomacy“ in Verbindung mit einem Vollstipendium, das es mir erlaubte, das Angebot eines zweiten Masters anzunehmen.

Die Nachricht, dass ich nach Oxford gehen würde, war gleichzeitig eine der letzten Neuigkeiten, die mein Vater von mir bekam, bevor er Tage darauf verstarb. Ich glaube, es machte ihn sehr stolz. Ich glaube, es erinnerte ihn an seine eigene Geschichte: Er war damals das einzige Kind aus seinem Dorf, das auf eine weiterführende Schule – auf die Realschule – ging. Auf seinem Einschulungsfoto trägt er Gummistiefel. Die aus dem Stall, denn er hatte damals nur das eine Paar Schuhe.

Zwischen zwei Welten, die nichts gemein haben

Oxford ist eine Welt, die für mich von außen stets unnahbar wirkte. Dort studiert eine unverhältnismäßig hohe Zahl an Studierenden, die vorher auf Privatschulen ging: 40,8% der neuen Bachelor-Studierenden in diesem Jahr kamen von Privatschulen, obwohl lediglich 6,5% der Schulkinder im Vereinigten Königreich Privatschulen besuchen. Die westliche Oberschicht ist die Norm.

Unterhaltungen und Umgangsformen bewegen sich in Oxford auf einem Niveau, das jemandem vom Dorf fremd ist. Ich musste mich in die gesellschaftlichen Kodizes einfinden, die den Grundton der Interaktionen dort bildeten. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich nirgends jemand so richtig versteht. Weder zu Hause, noch in Oxford, denn beide Welten haben kaum Überschneidungspunkte. Wenn die eigenen Eltern studiert haben, oft sogar selbst in Oxford, dann sind einem die Gefühle der Selbstzweifel, des Nicht-Dazu-Gehörens nicht unbedingt geläufig. Für mich waren sie zuverlässige Begleiter.

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Zuhause hingegen verstand niemand so richtig, was es bedeutet, an einer Uni wie in Oxford zu studieren, mit all ihren konservativen Traditionen und Eigenheiten. Die Unsicherheiten, die kontinuierliche Angst, nicht gut genug zu sein, sich ständig beweisen zu müssen. Oder wieso man trotz Oxford-Abschluss Probleme bei der Jobsuche haben kann. Es sind meist die Kontakte, die zählen.

Auch der Familienhintergrund ist allzu oft ein entscheidender Faktor: Es sind Geschichten, wie die meines Kommilitonen, dessen Vater ihm trotz Desinteresses einen Job in der Nationalbank seines Landes verschaffte, die einem immer wieder vor Augen führen, dass die Mär der „reinen Leistungsgesellschaft“ ein Mythos ist.

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Kristina mit ihrer Familie bei ihrer Abschlussfeier in Oxford. © Kristina Lunz

Wir brauchen eine heterogenere Elite

In unserer Gesellschaft sind nicht die Intelligentesten und Kreativsten am erfolgreichsten. Sondern diejenigen, die verschiedenste Privilegien genießen, wie den Zugang zu Geld, Kultur und Informationen. Natürlich spielt der eigene Ehrgeiz eine Rolle, doch entscheidend für den Erfolg ist primär die soziale Herkunft. Sie entscheidet, wo man startet: Auf der Startlinie, fünf Meter vor den anderen oder weit abgeschieden mit zusätzlichen Gewichten an den Beinen.

Smart poor kids are less likely to graduate from college now than dumb rich kids. That’s not because of the schools, that’s because of all the advantages that are available to rich kids”, schreibt Robert Putnam über die amerikanische Gesellschaft. Auch, wenn wir uns in unserer Gesellschaft umsehen, stellen wir fest, dass diejenigen, die Macht und Erfolg auf sich vereinen, noch immer eine sehr homogene Gruppe hinsichtlich Klasse, Geschlecht und Hautfarbe sind.

 

Es gibt wenig Studierende nicht akademischer Elternhäuser an Unis wie Oxford. Es wird ihnen auch nicht leicht gemacht – die finanzielle Hürde ist eben nur eine von vielen. Aber es gibt uns dort und mich hat mein Weg stärker und resistenter gemacht. Wir müssen vielleicht härter arbeiten und sehr viel aufholen, um dort hinzukommen, aber es lohnt sich, für einen selbst und vor allem für unsere Gesellschaft. Wir brauchen eine heterogenere Gruppe an Menschen an den sogenannten „Elite“-Unis. Denn am Ende sind es leider immer und immer wieder dieselben Universitäten, die die einflussreichsten Persönlichkeiten unserer Gesellschaft hervorbringen. Das alles muss diverser werden.

Was jedoch ebenso wichtig ist: eine liebevolle und unterstützende Familie, die an einen glaubt – ich kann mich sehr glücklich schätzen, genau das zu haben.

Kristina Lunz ist Aktivistin und Kollegiatin des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben, im Rahmen dessen sie sich mit feministischer Außenpolitik befasst und aktuell in Kolumbien zum Friedensprozess arbeitet. Viele der Absolvent*innen dieses Programms wählen später selbst die diplomatische Laufbahn.