Vom Jäger, der keinen Spaß daran hat, Tiere abzuknallen

Mark Junglas sieht mehr aus wie ein Veggie-Hipster als ein Berufsjäger und Metzger aus der Eifel. Sein Image nutzt er, um sich für bewussteren Fleischkonsum einzusetzen.

Der 30-Jährige mit Bauchtasche, vielen Tattoos und dem Basecap hat eine Mission, für die er kämpft: Er will der Gesellschaft wieder deutlich machen, woher das Fleisch auf dem Teller kommt: von Lebewesen, die etwas empfinden.

Schon als Kind hat Mark viel geangelt und Bekannte beim Jagen begleitet. Mit 18 Jahren erwarb er dann selber einen Jagdschein. „Wenn ich Fleisch esse, kann ich es selber auch erlegen“, sagt er. Er machte eine Metzgerausbildung in einer kleinen Dorfschlachterei. Danach arbeitete er in der Küche der Bundeswehr.

© sallyhateswing

Zwei Jahre lang besuchte er die Lebensmitteltechnikerschule und arbeitete anschließend als Produktdesigner in einer Gewürzfirma. „Ich wollte etwas Neues machen, weil die Industrie mir voll auf die Eier gegangen ist.“ In einer zweiten Ausbildung ließ er sich zum Berufsjäger ausbilden. „Aber auch da war ich nur jemand, der für die Großen den Hampelmann macht.“ Als Mitarbeiter in einem Burger-Restaurant in Köln wurde er jeden Tag damit konfrontiert, wie viel Fleisch die Kund*innen auf dem Teller liegen lassen. „Die Leute sind alle überfüllt und sehen den Wert nicht mehr. Fleisch wird weggeworfen, als wenn es ein Salat wäre.“ Das hat ihn auf die Palme gebracht.

Alles, was verarbeitet werden kann, wird auch verarbeitet

Deswegen eröffnet er am 1. Oktober sein eigenes Ding: eine gläserne Metzgerei in einer Markthalle in Köln. Die Verbraucher*innen können dort transparent mitverfolgen, wie das Fleisch verarbeitet wird. Zu kaufen wird es nur selbst erlegtes Wild und Fleisch von Tieren geben, die draußen gelebt haben und mit regionalem Futter gefüttert wurden. Seiner Meinung nach würden Konsument*innen dauernd verarscht werden. „Wenn du ein Stück Fleisch bei Lidl oder Aldi kaufst, kannst du dir nicht mal mehr sicher sein, ob es überhaupt ein Tier war.“

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Bei ihm soll das anders werden. Er kennt alle Bäuer*innen, die ihn beliefern, persönlich. „Bei mir wird nichts versteckt, außer das Schlachten. Aber wenn ich das zeigen könnte, würde ich es gerne tun.“ Ihm ist es außerdem ein großes Anliegen, dass so viel wie möglich von dem Tier verarbeitet wird. Aus den Knochen werden Fonds gekocht und auch die Füße, der Kopf und das Fett sollen verwendet werden. Am Ende soll möglichst wenig im Abfall landen.

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Natürlich habe die Qualität auch seinen Preis. Die Tiere würden schon allein doppelt so lange brauchen, um schlachtreif zu sein. „Doch die Preise werden nicht übertrieben teuer sein.“ Sein Plädoyer: Lieber nur zweimal die Woche Fleisch essen, aber dafür bewusst.

Bewusster Konsum darf seinen Preis haben

Eigentlich sollten es laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung in der Woche nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst sein, das entspricht 16 bis 31 kg im Jahr. Doch ein*e Deutsche*r isst jährlich rund 60 Kilo Fleisch. „Vielleicht ist es für mich als Fleischhersteller dämlich, das zu sagen, aber es wird viel zu viel Fleisch gegessen. Niemand macht sich mehr Gedanken, wo das Fleisch wirklich herkommt. Fleisch ist teilweise günstiger als Hundefutter.“ Am Ende sei auch der geschmackliche Unterschied den Aufpreis bei Fleisch aus einer Metzgerei wie seiner wert. Es müsse für jede*n fair bleiben – auch die faire Bezahlung der Bäuer*innen ist ihm wichtig.

Vom Bio-Siegel hält Mark nicht viel. Die Pseudo-Bezeichnung beinhalte für ihn nur zahlreiche Auflagen zur Medikamentenverabreichung und zum Futter. Denn Bäuer*innen, die ihre Schweine in einer kleinen Herden draußen halten und mit ihrem regional produzierten Futter füttern, könnten ein solches Siegel nicht bekommen.

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Insgesamt werde kleinen Bauernhöfen das Leben unnötig schwer gemacht, weil der Staat ihre Viehhaltung erst ab einer bestimmten Anzahl an Tieren nicht mehr als Hobby sehe. „Bauern werden für verschiedene Dinge subventioniert, beispielsweise, wenn sie die Schwänze nicht kupieren. Doch mein Bauer hält nicht genügend Schweine, um diese Prämie zu erhalten.”

Tiere abschießen findet er nicht geil

Wenn Vegetarier*innen oder Fleischesser*innen ihn anprangern oder verurteilen, weil er so offen dazu steht, dass er Tiere umbringt, kann er das nicht ernst nehmen. Generell müsse er sich viel rechtfertigen. „Ich kann’s verstehen, aber ich esse halt gerne Fleisch und finde das aus meiner Sicht nicht verwerflich.“ Die Tiere, die er isst, haben in Freiheit gelebt. „So würde ich persönlich gerne sterben, um ehrlich zu sein.“ Den Tod, den das Wild in der Natur ansonsten erleben würde, sei meistens deutlich qualvoller. In der Freiheit gibt es keinen Tierarzt, der etwa einem Tier mit gebrochenem Fuß helfen kann. Das Tier verhungere in einem solchen Fall.

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Menschen hätten heute allgemein ein Problem mit dem Tod, weil er im Leben kaum präsent sei. Im Endeffekt drehe sich der der gesamte Streit nur um den Tod selber. „Kann ich es verantworten, dass ein Tier stirbt, nur damit ich es essen kann?“ Diese Frage müsse jede*r für sich selber beantworten und mit seinem*ihrem Gewissen vereinbaren.

Dem Mann aus der Eifel ist der Respekt vor den Tieren wichtig. Aber trotzdem ist er auch Jäger. Wie passt das zusammen? „Es ist nicht so, dass ich ein Tier abschieße und dann einen Ständer in der Hose habe. Es macht mir keinen Spaß, Tiere abzuknallen.“ Es gehe ihm nicht um Trophäenjagd oder den Adrenalinkick, sondern einzig und allein um die Gewinnung von Fleisch.

Wenn zum Beispiel Mangalitza-Schweine, auch Wollschweine genannt, nicht mehr gegessen werden würden, wären sie schon längst ausgestorben. Doch durch ihre Beliebtheit in der Gastronomie steigt die Zahl der Züchter*innen wieder an. Für gewisse Tierrassen bedeute daher der Konsum ihres Fleisches auch ihr Überleben. In der Industrie sei nur Platz für effiziente Hybridschweine, die schnell fett werden, und nicht für Artenschutz. Für ihn ist ein Tier aber nicht nur eine Ware oder Geldeinnahmequelle. „Natürlich hat ein Tier ein Empfinden und ein Leben, das man bis zum Tod möglichst gut halten sollte.“

Veraltete Ansichten unter Metzger*innen und Jäger*innen

Metzger*innen und Jäger*innen haben seiner Meinung nach „den Zahn der Zeit verpasst und sich mit ihrer arroganten Art selbst ins Aus geschossen.“ Die Metzger*innen würden alle pleite gehen, weil sie nicht sehen, welche Stellenwerte in der heutigen Zeit wichtig sind. Die Läden sähen aus wie aus den 1980ern. Die neue Generation von Jäger*innen würde von den Älteren meistens als Spinner belächelt, weil sie anders durch den Wald gehen. Für ihn ist Jagen kein Trophäen sammeln. In seiner Wohnung hängt nicht ein einziges Geweih. Auf einer Gesellschaftsjagd würde er vor allem durch sein Aussehen anecken.

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Beide Gruppen, Metzger*innen wie Jäger*innen, sind in seinen Augen sehr konservativ geprägt. Er distanziert sich bewusst davon, weil er sich mit vielen Gruppenmerkmalen nicht identifizieren kann. „Ich kümmere mich um mein Ding und um mein Gewissen und alles andere ist mir scheißegal. Die interessieren sich so wenig für mich, wie ich mich für sie interessiere.“

Du bist, was du isst

Ernährung hat für Mark viel mit dem Intellekt zu tun. „Ganz viele dumme Menschen interessieren sich dafür einfach nicht. Die haben vielleicht eher Probleme, dass die Kippen wieder alle sind und können sich dann beim Aldi nicht noch darum kümmern, ob es den Tieren gut gegangen ist. So weit wie sein eigener Horizont ist, so behandelt man auch die Tiere.“