Von Null auf Fan? So geht Pokémon Go für Newbies

Unser New Yorker Autor war bisher kein Pokémon-Fan. Dann hat er Pokémon GO heruntergeladen und ist mit der App durch den Central Park gelaufen. Drei Stunden genügten, um ihn für das Spiel zu begeistern.

© Drew Angerer/Getty Images

Auf Monsterjagd in New York. © Drew Angerer/Getty Images

Zu Beginn muss ich ein Geständnis ablegen: Ich bin 1981 geboren, also ein Gerade-noch-so-Millennial. Deshalb zerren in Sachen Pokémon Go zwei starke Kräfte an mir. Da ist zum einen meine angeblich generationentypische FOMO, die „Fear Of Missing Out“. Andererseits waren mir Pikachu und seine Freunde bisher herzlich egal. Als vor genau zwanzig Jahren die erste Auflage von Pokémon in Japan erschien, war ich mit fünfzehn zwar gerade so halbwegs Benjamin Blümchen entwachsen (Jungs-Kindheit auf dem Land, andere Geschichte), aber den Hype um die Taschenmonster habe ich trotzdem übersprungen, als sie 1999 auch in Europa auf den Markt kamen.

Seit 7. Juli steht nun Pokémon Go im US-App-Store. Das Augmented-Reality-Spiel landete aus dem Stand auf Platz eins der App-Charts. Nintendos Aktienkurs ging durch die Decke und keine Webseite, die was auf sich hält, kommt seitdem um eine ausführliche Beschreibung des Phänomens herum. Geschrieben wird darüber, dass „die Jugend“ sich künftig sicher dank des Spiels mehr bewegen wird, dass Pokémon Go neue Raubüberfälle ermöglicht, oder dass die Verkehrsbehörde von Texas schlicht postet: „Bitte, Leute, sorgt nicht dafür, dass wir vor Pokémon Go am Steuer warnen müssen!“

Wenn selbst die Polizei sich so schnell zu einem Game äußert, dann muss es doch auch für mich möglich sein, einen Zugang zu finden. Ich fasse einen Beschluss: Ich gebe mir 24 Stunden, um Pokémon Go zu testen und so doch noch dem Hype um die Hosentaschenmonster zu verfallen. Ich lade das Spiel auf mein Smartphone herunter und frage zusätzlich im Freundeskreis bei Facebook nach, ob mir jemand Hardcore-Fans vermitteln kann.

Sofort nach der Installation gibt’s einen kleinen Minuspunkt: Das Programm will meine Gmail-Adresse für den Login. In den Nutzungsbedingungen versteckt sich eine problematische Datenfreigabe. Im Laufe des Tages wird mich das immer wieder nerven. Sicher ein halbes Dutzend Mal will die App, dass ich mich mit der Mailadresse einlogge. Ich nehme eine eigens für solche Zwecke eingerichtete Spam-Mail-Adresse und bin kurz darauf drin.

Der Blick auf New York mit Pokémon Go. Screenshot: Christian Fahrenbach
Der Blick auf New York mit Pokémon Go. Screenshot: Christian Fahrenbach

Ich darf meinen Trainer-Avatar gestalten, Haar- und Augenfarbe, ein paar Styles fürs Shirt und ein Design für Socken und Rucksack auswählen. Schließlich noch ein Name. Ich nehme alle meine Vorurteile über Japan zusammen (ungefähr drei) und lasse mir irgendwas einfallen, das auf -san endet. Kamerazugriff erlauben und los geht’s. Keine zwei Sekunden später hockt das erste Pokémon in meiner Wohnung.

Das Spiel schlägt vor, ich solle mit einem Pokéball darauf zu zielen. Ich drücke auf den Screen und es passiert: nichts. Ich lerne, dass es stattdessen eher einen Schwung braucht, eine Art Wurfbewegung. Siehe da, ich fange mein erstes Pokémon. Stark. Der Screen springt auf eine Straßenkarte meiner Umgebung und ich erfahre, dass rund um mich herum die Hölle los ist, überall glitzert und blinkt es. Ich entschließe mich ganz im Sinne der Erfinder, das Spiel für Bewegung an der frischen Luft zu nutzen. Laufschuhe an und auf in den Central Park.

Schon auf dem Weg dorthin vibriert die Straßenkarte. Ein zweites Pokémon ist in der Nähe. Das Spiel schaltet in den Kamera-Modus und ich merke, dass ich mich draußen schon Mal deutlich bekloppter fühle, das Handy durch die Gegend zu schwenken, nur um zu sehen, wo sich die Figur verbirgt. Sie hockt zum Glück direkt vor mir, ich werfe sie mit dem Ball ab und gehe weiter – schaue mich vorher aber um, ob mich wohl jemand beobachtet hat. Ich komme an Leuten vorbei, die ebenfalls auf ihre Smartphones starren und gehe fest davon aus, dass auch sie in Monstermission unterwegs sind. Ich lächle sie geheimniskrämerisch an, aber niemand schaut vom Screen auf.

Schließlich komme ich im Park an und beginne mit meiner üblichen Runde um einen Teich in dessen Mitte. Ich habe die Hoffnung, ein Wassermonster meiner Sammlung hinzufügen zu können, denn ich hatte gelesen, dass die genau dort zu finden seien. Ein völlig alberner Sammlertrieb ist erwacht.

Ich fange ein weiteres Monster und nach einem Viertel der Runde um den Teich komme ich an einem Ort mit Sonderfunktion vorbei, einem „Pokéstop“. Hier bekomme ich zum Beispiel neue Bälle zum Abwerfen der Monster, aber ich kann wohl auch ein „Lockmodul“ so einstellen, dass es Monster anzieht. Ob ich die dann mit anderen teilen muss? Ich blicke mich um und sehe eine Frau. Sie starrt auf ihr Handy. Ich starre auf sie. Und ich bin sicher, dass sie auch auf Monster wartet. Ganze Arbeit, Nintendo! Keine zwanzig Minuten und schon misstraue ich meinen Mitmenschen.

Ein Quapsel! Screenshot: Christian Fahrenbach
Ein Quapsel! Screenshot: Christian Fahrenbach

Ich laufe also weiter und sehe plötzlich eine Familie aufs Wasser blicken. Der Teenager der Gruppe blickt durch sein Handy. Ob die wohl eines der Wasser-Pokémon…? Ich folge ihren Blicken – und sehe einen Fisch. Also einen Echten. Anfänger.

Wieder ein paar hundert Meter weiter fange ich weitere Monster und steige sogar in Level zwei auf. Keine schlechte Lernkurve also, das Spiel hält einen gut bei Laune. Kurz vor meiner Wohnung stutze ich, denn vor meinem Haus steht eine riesige Aufblasmaus. Die hat aber nichts mit dem Spiel zu tun, sondern gehört den Gewerkschaftsdemonstranten, die gegen die Bedingungen auf der Baustelle beim Hochhaus gegenüber protestieren.

Wieder daheim, beende ich mein erstes Pokémon-Experiment, will jetzt aber die Meinung eines Profis erfahren. Edward hat mir geantwortet, der Freund eines Freundes. Sein Trainer-Avatar ist bereits auf Level 14. Ich frage ihn im Chat, was ihn am Spiel fasziniert: „Für mich ist damit ein Kindheitstraum zum Leben erwacht. Ich bin mit Pokémon seit der Grundschule aufgewachsen. Ich war fasziniert von allem, was in diesem Kosmos entstand. Durch das Spiel habe ich gelernt, dass ich mir im Leben aussuchen kann, was mir gefällt und was meine Persönlichkeit widerspiegelt. Es gibt kein falsches Pokémon. Alles ist subjektiv.“

„Jede Generation hat ihr eigene Fantasiewelt“, schreibt er weiter. „Manche Leute denken darüber nach, mit welchem Ninja Turtle sie sich am meisten identifizieren können. Welche Thundercat würden sie aussuchen, um an ihrer Seite zu kämpfen? Transformers, Star Trek, Star Wars, Harry Potter, Magic. Es ist immer das gleiche Phänomen. Dass ich jetzt Pokémon in Augmented Reality sehen kann, ist für mich ein echter Nostalgierausch.“

Der Mann ist der perfekte Verkäufer! Ich will wissen, ob er sich seit vier Tagen mehr bewegt. Er lacht. „Ich laufe tatsächlich mehr herum als sonst. Anstatt mit dem Bus oder der U-Bahn nach der Arbeit heimzufahren, gehe ich zu Fuß. Das ist fast eine Stunde. Aber dadurch, dass ich mich auf die App konzentriere, sind es eigentlich eher zwei oder drei Stunden. Die App hat dafür gesorgt, dass ich Teile von Chicago entdeckt habe, in denen ich noch nie war. Und sie hat mir Bauwerke gezeigt, von denen ich keine Ahnung hatte, dass es sie überhaupt gibt.“

Es würden sich außerdem unerwartete Kameradschaften mit anderen Spielern entwickeln, erzählt Edward. Als er neulich im Theater kellnerte, fiel ihm während der Pause ein junges Pärchen auf, das versuchte, ein paar Pokémon zu fangen. Sie seien sofort ins Gespräch gekommen. Ich muss lachen, anscheinend bin ich nicht der Einzige, der dank des Spiels seine Mitmenschen mit anderen Augen sieht.

Als ich meinen Chat mit Edward beende, frage ich mich, was von meinem kleinen Experiment bleibt. Ich finde es bemerkenswert, wie das Spiel den Blick auf meine Umgebung verändert. Ich habe mich mehr umgeschaut und mich mehr als üblich gefragt, was die Menschen um mich herum wohl gerade beschäftigt. Neben dem ganzen Monsterkram finde ich das ehrlich gesagt ganz schön. 24 Stunden wollte ich mir geben, aber schon nach dreien ist mir klar: Die App bleibt.