Vorlesungen sind verschwendete Lebenszeit

Die zentrale Veranstaltung an Universitäten ist eine Farce. Lehrende posen für ihr akademisches Ego und die Studierenden gaukeln sich vor, sie würden etwas lernen. Am Ende schlafen alle. Ein Kommentar.

Nicht selten sind Hörsäle rappelvoll. © Thomas Lohnes/Getty Images

Trance. Leere, abgestumpfte Blicke glotzen verloren ins Nirgendwo. Im Hintergrund plätschert das sonore Mantra einer emotionslosen Stimme, deren einschläfernder Wirkung sich niemand entziehen kann.

Was nach dem Treffen einer religiösen Sekte klingt, soll in Wahrheit die Krone wissenschaftlicher Didaktik sein: Werte Damen und Herren, willkommen in der Universität, willkommen in der Vorlesung.

Es ist unglaublich, was sich täglich in den Elitehäusern der Wissenschaft abspielt. Die Spitze jugendlicher Wissbegierde drängt in die Hörsäle, um gemeinsam mit den begabtesten Forscher*innen und Wissenschaftler*innen unseres Landes in neue Sphären der Erkenntnis vorzustoßen. So viel Intelligenz in einem Hörsaal. Was kann da noch schief gehen? Offenbar alles.

Seit Jahrzehnten, nein, Jahrhunderten sind sich alle einig, dass die optimale Methode, Wissen von einem Menschen auf einen anderen zu transferieren, die Vorlesung sei. Die Alten plaudern aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsfundus. Die eifrige Jugend krakelt fleißig mit und wird ähnlich schlau wie die Dozierenden. Das ist die Theorie.

In der harten Wirklichkeit verzweifeln die Lernwilligen an einem Bombardement aus Powerpoint-Folien, vorgetragen in quälender Monotonie. Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, bei Abwechslung aktiv zu werden. Da die in so ziemlich jeder Vorlesung fehlt, begibt sich das studentische Denkorgan nach recht kurzer Zeit in einen komatösen, passiven Zustand.

„Das ist klausurrelevant“

Die Studierenden lernen schnell, im Hörsaal nur noch bei überlebenswichtigen Reizen – „das ist klausurrelevant“, „hier die Adresse für die Slides“, „die Altklausuren gibt es unter diesem Link“ – hochzuschrecken. Am Ende des Semesters pfeifen sie sich in einem Akt der Gewalt einfach das Skript, die Folien, die Altklausuren und Wikipedia rein, um danach alles schnellstmöglich wieder zu vergessen. Das sogenannte Bulimielernen ist inzwischen ein universitärer Ritus.

Manch einer gibt die Schuld an der Misere den Studierenden. Geht es nach Prof. Dr. Axel Meyer, Dozent für Evolutionsbiologie an der Uni Konstanz, liegt das Problem bei der liederlichen Einstellung der heutigen Jugend, wie er in der FAZ schrieb. Sie ließe sich zu einfach ablenken, hätte kein Rückgrat und zu viele Smartphones. Doch selbst die vorbildlichen, analogen älteren Semester driften in der Vorlesung des Entertainment-Pros Meyer in Richtung Fantasiewelt ab (bei 2:07 und 6:00) – dabei ist das Thema seines Vortrags eigentlich hochinteressant.

Die Erklärung für die Farce namens Vorlesung ist eine andere: Wir Menschen sind nicht dafür geschaffen, über 90 Minuten und länger der immer gleichen Person zuzuhören. Um das zu beweisen, wird gerne die Lernpyramide des US-Amerikaners Edgar Dale herangezogen. Ihr zufolge behalten wir bei passiven Tätigkeiten wie Zuhören deutlich weniger als bei aktiven. Leider ist die Pyramide Quatsch. Dale entwarf sie ohne wissenschaftliche Grundlage.

Evidenzbasierte Forschung zum Thema gibt es trotzdem. In einer Auswertung von 225 Studien stellte der Biologe Scott Freeman fest: Vorlesungen sind für die Tonne. Student*innen, die Vorlesungen erdulden mussten, versagten in Prüfungen weitaus häufiger.

Der Verstand hat sich längst verabschiedet

Dennoch halten Dozent*innen weltweit an Vorlesungen fest. Dafür bleiben eigentlich nur zwei Erklärungen: Ihnen ist es egal, ob die Studierenden in der Vorlesung etwas lernen – oder sie sind didaktisch inkompetent. Wie sonst lässt sich erklären, dass sie hunderte Menschen gleichzeitig in den Schlaf plaudern? Fallen ihnen die glasigen Blicke nicht auf, die ihnen entgegen starren?

Das Problem ist: Dozent*innen werden mit einem Forschungs- und einem Lehrauftrag angestellt. Oftmals interessiert sie nur ersteres. Das Dozieren ist für sie nur ein ärgerliches Anhängsel für das sie meist nicht einmal ausgebildet werden. Während angehende Lehrerkräfte an Schulen etwa einen pädagogischen Spießrutenlauf in einem anderthalbjährigen Referendariat über sich ergehen lassen müssen, fehlt dergleichen für Dozent*innen völlig.

Bleibt die Frage, warum sich Studierende das antun und weiterhin brav ihre Vorlesungen besuchen, oft mehrere hintereinander, obwohl sich der Verstand schon in der ersten verabschiedet hat. Wozu diese masochistische Betäubungsorgie? Fast scheint es, als ob das schlechte Gewissen sie in die Vorlesung treibt.

Möglich ist aber auch, dass sich während einer Vorlesung wunderbar all die Sachen erledigen lassen, die zu Hause mangels Bock auf der Strecke bleiben: Bafög beantragen, Krankenkassen und Ämtern anschreiben, für Hausarbeiten recherchieren, Urlaube planen. Zudem gewinnt man durch Vorlesungen ja dann doch die eine oder andere Fähigkeit. Man entwickelt zum Beispiel das enorm praktische Gefühl zu wissen, wann jemand zu Ende geschwafelt hat, ohne ihr*ihm je zugehört zu haben.

Außerdem auf ze.tt