Vorsicht vor dem arabischen Nachbarn!

Ein in Tel Aviv lebender Palästinenser findet eine Warnung vor dem „arabischen Mieter“ in seinem Hausflur. Er veröffentlicht den Zettel auf Facebook – und erfährt überschwängliche Unterstützung seiner Nachbarn und israelischen Freunde. 

Schreenshot: @mizbala/Twitter

Warnung vor dem Araber: Ist dieser Mann ein Terrorist? Schreenshot: @mizbala/Twitter

Als Zizo am Montag von der Arbeit nach Hause kam, hing im Hausflur ein Zettel. Seit zwei Jahren wohnt er in seiner Wohnung im Zentrum Tel Avivs, nie hatte er bisher Probleme mit den Nachbarn. Nun aber las er: „Angesichts der Sicherheitssituation denke ich, wir können es uns nicht länger leisten, indifferent und tatenlos gegenüber der Tatsache zu bleiben, dass wir einen arabischen Mieter im Haus haben: Ziyad Aboul Hawa. Ich disqualifiziere ihn nicht sofort, aber ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir ihn überprüfen.“

Anschließend lud die anonyme Verfasserin – im Hebräischen lässt sich am Verb, das Geschlecht des Schreibers ablesen – die übrigen Mieter am Donnerstag zu einer Versammlung ein, um das Thema zu diskutieren.

„Ich komme und bringe Muffins mit!“

Der „arabische Mieter“, das ist Ziyad Aboul Hawa, genannt Zizo, 28 Jahre alt. Sein Vater ist Palästinenser, seine Mutter Syrerin, er wuchs in Barcelona und Jerusalem auf, wohnt seit insgesamt neun Jahren in Tel Aviv. Er arbeitet als Analyst bei einer großen Versicherungsgesellschaft, hat die israelische Staatsbürgerschaft, spricht perfekt Hebräisch und lebt mit seinem israelischen Ehemann zusammen. „Zuerst habe ich gelacht“, sagt er. „Es klang wie ein Witz.“

Er machte ein Selfie vor dem Zettel, stellte es auf Facebook und schrieb dazu: „Ich komme und bringe Muffins mit!“ Das Foto verbreitete sich sofort: Tausende Israelis klickten auf Like, hunderte teilten und kommentierten es, sprachen Zizo Mut zu und schimpften auf die Verfasserin.

Du siehst ja gar nicht aus wie ein Araber!

Derzeit werden Israel und die palästinensischen Gebiete täglich von Gewalttaten erschüttert; Palästinenser stechen auf israelische Zivilisten ein, israelische Polizisten und Soldaten erschießen palästinensische Attentäter und manchmal auch Demonstranten. Die Stimmung ist angespannt wie lange nicht mehr. „Ich glaube nicht, dass sich vorher jemand getraut hätte, so einen Zettel zu schreiben“, sagt Zizo. Fühlt er sich unsicher? „Ja. Aber ich versuche, nicht darüber nachzudenken.“

Tel Aviv gilt als linksliberale Oase, berühmt für ihr Nachtleben und ihre Gayszene. „Aber Rassisten gibt es überall, auch am liberalsten Ort der Welt“, sagt Zizo und zuckt mit den Schultern. Er weiß, wovon er spricht: Auch vor der aktuellen Gewaltwelle hatte er mit Vorurteilen zu kämpfen. Viele Israelis, erzählt er, seien überrascht, wenn sie seinen arabischen Namen hören: Er sehe ja gar nicht aus wie ein Araber, eher wie ein aschkenasischer (also europäischstämmiger) Jude! „Ich frage dann: Wie soll denn ein Araber aussehen? Sehen alle Araber gleich aus?“

Dieses Facebook-Gespräch veröffentlichte Zizo am Mittwoch auf seiner Facebook-Seite:

Anonym: Mein Bruder, die Revolution der Freude wird kommen, sobald deine Brüder die Messer ruhen lassen, bis dahin bist du aus meiner Sicht ein potentieller Terrorist.

Zizo: Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich Potential habe und machen kann, was immer ich will!

Liebe und Unterstützung

Die Zettel-Geschichte fand schließlich noch einen versöhnlichen Ausgang. Am Tag darauf hing ein zweites Schreiben im Flur: „Angesichts der Sicherheitssituation können wir es uns nicht länger leisten, indifferent und tatenlos gegenüber Verdächtigungen, Fremdenfeindlichkeit und Angst zu bleiben“, hatte der anonyme Verfasser geschrieben. „Ich lade euch zu einer Feier der Freude ein, denn wir sind alle eine Familie.“

Mehrere Nachbarn haben inzwischen bei Zizo geklingelt, sich von dem ersten Schreiben distanziert und Kuchen und Kekse vorbeigebracht. Außerdem habe er Hunderte privater Facebook-Nachrichten von Fremden bekommen, sagt Zizo, bis auf eine einzige Ausnahme positiv. „Alles, was sich aus dieser Sache ergeben hat, war Liebe und Unterstützung“, sagt er. „Die Verfasserin hat also das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte.“