Wahlforscher sagt: Geht am Sonntag wählen, sonst helft ihr der AfD

Am Sonntag wird in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt der Landtag gewählt. Die rechtspopulistische AFD ist im Höhenflug. Unterstützen Nichtwähler jetzt bei der Wahl indirekt die AfD?

© Thomas Lohnes/Getty Images

Wahlplakat der AfD in Ludwigshafen. © Thomas Lohnes/Getty Images

Wahlforscher Dr. Carl Berning
Wahlforscher Dr. Carl Berning (31) forscht zum Thema Innenpolitik an der Uni Mainz

Der Wahlforscher Dr. Carl Berning (31) beschäftigt sich an der Uni Mainz vor allem mit Innenpolitik und politischer Soziologie, aber auch mit der „Alternative für Deutschland“ (AfD). Wir haben mit ihm zu den Landtagswahlen über die AfD und die Rolle der Nichtwähler am Wahlsonntag gesprochen.

Am Wochenende ist Landtagswahl, die AfD wird als Protestpartei gegen die Bundesregierung verstanden. In Rheinlandpfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg steht die Bundesregierung aber gar nicht zur Wahl. Warum schneidet die AfD trotzdem in den Umfragen dieser Ländern derzeit so gut ab?
Das lässt sich mit der Besonderheit von Landtagswahlen erklären: Viele Wähler verstehen Landtagswahlen eher als Test-Wahl, um ihren Protest deutlich zu machen. Die AfD hat sich in den letzten zwei Jahren sehr verändert: Weg vom Euro, hin zum Thema Immigration! Die Motivation der Bürger, die AfD zu wählen, ist sehr gemischt: Zum einen gibt es hier eine Mobilisierung durch Bedrohungsgefühle, aber auch ganz normale Protest-Wähler sind bei der AfD derzeit dabei.

Gibt es ihn wirklich, diesen Durchschnitts-AfD-Wähler?
Leicht ist es für die Wissenschaft nicht, einen Durchschnitts-Typen festzulegen. Generell lässt sich jedoch sagen, dass der AfD-Wähler eher männlich ist und eher geringere Bildung hat. Meist wohnt er in eher sozial-schwachen Gegenden mit Strukturproblemen und fühlt sich von Immigration und Globalisierung bedroht.

So strukturschwach sind Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aber gar nicht. In Baden-Württemberg kommt die AfD derzeit auf 11 Prozent, in Rheinland-Pfalz auf 9 Prozent.
Zwischen der AfD in den neuen und alten Bundesländern gibt es große Unterschiede: Die Spitzenkandidaten im Westen kann man als eher bieder beschreiben – während in Ostdeutschland deutlich populistischer vorgegangen wird. Dennoch wird der Aufstieg der Partei mit teilweise zweistelligen Ergebnissen auch im Westen vor allem durch die Flüchtlings-Debatte gestützt.

Landtagswahlen sind keine beliebten Wahlen, hier ist die Wahlbeteiligung oft besonders niedrig. Der Nichtwähler, der keine Partei besonders gut findet, die AfD aber verhindern will – was macht der eigentlich?
Wenn man sich von keiner Partei angezogen fühlt, sollte man natürlich auch keine Partei wählen. Die Kehrseite ist aber, dass wenn keiner zur Wahl geht, die Parteien und die Demokratie ein Legitimationsproblem bekommen. Auch unsere aktuelle Bundesregierung ist nicht von der Mehrheit der Wahlberechtigten gewählt.

In den Neunzigern hieß es: Wer nicht wählt, wählt rechts. Kann man heute sagen: Wer nicht wählt, wählt AfD?
Das lässt sich sicher nicht eins zu eins übertragen! Zum einen ist die AfD keine rechtsextreme Partei. Klar ist aber auch: Die Wahlmotivation der potentiellen AfD-Wähler ist deutlich höher als die der Anhänger der anderen Parteien, insofern lässt sich doch sagen, dass das prozentuale Verhältnis der AfD am Wahlabend mit jedem Nichtwähler steigen wird.

Hat die aktuelle AfD mit den derzeitigen Umfragewerten ihre Glasdecke erreicht, oder kann sie bei späteren Wahlen möglicherweise noch mehr Stimmen holen?
Hier muss man beachten: Die Umfrage-Institute geben ein vereinfachtes Bild der Realität wieder. Das Wählerpotential der AfD ist regional sehr unterschiedlich: Das ist nicht nur im Osten, wo die AfD deutlich stärker ist, und Westen des Landes so zu beobachten. Teilweise starke Unterschiede gibt es auch in den Regionen der einzelnen Bundesländer: In manchen Orten Deutschlands kann das Wählerpotential der AfD sogar bei über 20 Prozent liegen – gleichzeitig gibt es auch viele Städte, in denen die AfD deutlich unbeliebter ist. Insgesamt gehe ich davon aus: Die Werte, die wir jetzt sehen, bedeuten das Ende der Fahnenstange für die Partei.

Alle Beobachter gehen derzeit davon aus, dass die AfD am Wahlsonntag in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt Wahlsiege feiern kann und in die Parlamente einzieht. Wie verändert das die Parteienlandschaft?
Das Parteiensystem sollte das aushalten. In Rheinland-Pfalz hat beispielsweise keine Partei eine Koalitionsabsicht mit der AfD. Es ist möglich, dass die Partei in den Ausschüssen mitarbeiten wird, inhaltliche Einigkeit zwischen ihr und den anderen Parteien erwarte ich nicht. Die Etablierten haben derzeit überhaupt kein Interesse, mit der AfD ins Gespräch zu kommen, stattdessen versucht man eher die AfD als radikal darzustellen, um Alleinstellungsmerkmale zu behalten.

Drei Wahlen gleichzeitig am Sonntag – da kann man schon Mal den Überblick verlieren. An welchem Bundesland kann ich den Stand der AfD in Deutschland erkennen?
Ich empfehle am Sonntag alle drei Wahlen zu verfolgen, denn es wird überall wahnsinnig spannend. Die Wähler in Sachsen-Anhalt sorgen oft für Überraschungen: Hier findet man bei Landtagswahlen stets große Schwankungen von Wahlbeteiligung und Stimmverhältnissen – gerade hier kann mit Blick auf die AfD also viel passieren. Baden-Württemberg hat ein höheres rechtspopulistisches Potential als die anderen westdeutschen Bundesländer, deshalb wird sich aus dieser Wahl weniger aus dem Stand der AfD in Gesamtdeutschland sagen können. Das Wählerpotential der AfD in Deutschland entspricht am ehesten dem der AfD in Rheinland-Pfalz. Dafür sprechen auch die meisten Umfragen.