Wahlplakate: Liebe Parteien, was denkt ihr euch dabei?

Sie sind wieder da! Die fragwürdigen Meisterwerke semi-kreativer Layoutkunst. Die Brainstorming-Ergebnisse deutscher Texterschmieden. Die Rede ist von Wahlplakaten, die derzeit Berlin zuspammen. Denn die Hauptstadt wählt am 18. September 2016 ein neues Abgeordnetenhaus.

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Berliner Wahlplakate © ze.tt

Liebe Berliner Parteien, dies ist ein Service-Artikel für euch. Wahrscheinlich fehlt euch nach jedem Wahlgang einfach die Zeit, mal gründlich nachzubesprechen, womit ihr unschuldige Laternenmasten da so tapeziert. Aber keine Sorge: Die Autorin dieses Textes ist für euch rausgegangen und hat sich eure Werbekunstwerke angeschaut.

Bei jedem Plakat habe ich mir überlegt: Was lief hier gut, was nicht so gut, was wurde vergessen, Pros, Cons, Verbesserungsvorschläge. Was mich dazu in besonderem Maße qualifiziert? Ein halbfertiges Philosophie-Studium natürlich. Kurzum: Ich präsentiere die große Berliner Wahlplakatskritik 2016.

Die Grünen

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Pro: Die Grünen punkten in diesem Jahr mit besonders weltbewegenden Themen. Es geht um Leben und Tod, die Höhen und Tiefen des Lebens in der Großstadt. Fahrradparkplätze und Grünflächen. Daumen hoch dafür.

Con: Farblich sind die Plakate ein bisschen eintönig, grün in grün, da hätte man sich schon ein bisschen mehr Mühe geben können.

Verbesserungsvorschlag: Die Grünen haben zwar schon quasi alle wichtigen Brennpunkte in Berlin benannt, mir sind trotzdem noch ein paar eingefallen. „Wo soll ich hier nur mein Handy (mit Ökostrom) aufladen?“ (Foto: Frau sitzt ratlos mit Handy in U-Bahn). „Entkoffeinierter Soja-Latte mit Pumpkin Spice Flavor für alle Eltern-Kind-Turnvereine“ (Foto: Espressobar an Sporthallen-Seitenlinie beim Kinderturnen). Vielleicht lassen sich ja nachträglich noch ein paar Plakate drucken?

CDU

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Pro: Beim CDU-Wahlplakat gefällt mir besonders das Motiv. Was sich der*die Macher*in dabei wohl gedacht hat? „Oooh, wie süß, ein Babyhippo… Moment. Hippo… Zoo… Familie… CDU-Plakat!“ Logisch. Oder sollen die Hippos eigentlich CDU-Politiker symbolisieren? Hm.

Con: Semi-fetzige Werbesprüche. Auf der einen Seite: „Starkes Berlin“. „Stark“ ist ein recht schwammiges Werbe-Adjektiv, das besser zu Deos, Binden und Unfallversicherungen passt. Ernsthaft, liebe CDU, zu Berlin ist euch kein kantigeres Wort eingefallen?

Auf der anderen Seite: „Mehr Zeit für Familie“. Der Spruch verwirrt in Zusammenhang mit dem Bild. Soll jede*r so viel Zeit für seine*ihre Familie haben, wie die Hippos im Zoo? Oder genug Zeit, mit der Familie in den Zoo zu gehen? Aber man geht ja nicht jeden Tag in den Zoo, ist ja immer dasselbe da. Soll man also nur einmal in der Woche/Monat/Jahr/Jahrzehnt Zeit mit der Familie verbringen? Also so oft, wie man halt in den Zoo gehen würde? Will die CDU also eigentlich, dass man weniger Zeit mit der Familie verbringt? Und stattdessen mehr arbeitet?

Verbesserungsvorschlag: Der CDU geht es bei ihrem Plakat scheinbar um den Niedlichkeitsfaktor. (Bei jeder Wahl von außerordentlicher Relevanz. Es gewinnt schließlich immer der*die süßeste Kandidat*in.) Deshalb die Hippos. Weil Hippos = süß. Warum also nicht einfach als Werbespruch „Wir finden Hippos süß“ verwenden? Frisch, frech und gnadenlos süß.

Die Linke

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Pro: Layoutmäßig habe ich nichts zu meckern, eine irgendwie flashige Kombination aus Schwarzweiß-Fotos und poppigen Schriftzügen – erste Sahne.

Con: „Gutmenschen – mehr davon“. Ja. Was soll ich dazu sagen? Sind quasi alle, die die Linke wählen, Gutmenschen, weshalb es mehr davon braucht, bzw. die Linke mehr davon braucht? Oder sind alle Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, Gutmenschen? Wer oder was ist überhaupt ein Gutmensch? Und gibt es Bösmenschen? Und wenn ja, wie viele? Und in welche Kategorie würden die meisten Mitglieder der Linkspartei Sahra Wagenknecht seit ihren … heiklen Äußerungen zur Flüchtlingsdebatte einordnen?

Sowohl mit dem Spruch „Gutmenschen – mehr davon“ als auch mit „Mietrebellin – Oma Anni bleibt“, reitet die Linke auf der wilden Das-Leben-ist-schwarzweiß-Populismuswelle. Klar, Wahlplakate sind nicht der richtige Ort, um sich differenziert mit Themen auseinanderzusetzen. Aber die Sprüche der Linken suggerieren eine so krasse oberschullehrermäßige Wir-sind-die-Guten-Ällerbätsch-Haltung, dass ich jedes Mal am liebsten den Rotstift zücken und einen Kommentar hinterlassen möchte.

Verbesserungsvorschlag: Gregor Gysi das Texteschreiben für die Wahlplakate überlassen. Oder überall Videoleinwände aufbauen und Gysi-Reden abspielen.

AfD

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Pro: Für AfD-Wahlplakate musste ich bis nach Mariendorf radeln. Hat sich aber gelohnt, denn die AfD punktet mit markigen Sprüchen, die nicht so schwammig um den heißen Brei herum reden. Zum Beispiel „Mehr Mitsprache der Bürger durch Volksentscheide“ oder „Polizei und Justiz stärken gegen Banden und Extremisten“.

Con: Ja. Wo soll ich da anfangen? Solange die AfD Beatrix von Storch nicht verbietet, einen Twitter-Account zu betreiben, möchte ich mich nicht ernsthaft mit der nationalkonservativen Partei auseinandersetzen.

Verbesserungsvorschlag: Beatrix von Storch die Twitter-Zulassung entziehen. 

Die Piraten

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Pro: Die Piraten schaffen es, auf ihren Plakaten eine Portrait-Text-Kombination zu zeigen, bei der ich beim Anschauen nicht sofort in einen komatösen Desinteresseschlaf verfallen bin. Applaus also schon mal dafür.

Con: Die Piraten teilen sich dieselbe Parteifarbe mit der neuen Partei Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Kurz: Alfa), nämlich Orange. Alfa, das ist die Partei von Bernd Lucke, der das AfD-Monster erschaffen hat und dann wie ein ungeliebtes Spielzeug an die Wand geworfen hat. Das Doppel-Orange könnte jedenfalls unaufmerksame Wahlplakatbetrachter*innen verwirren.

Verbesserungsvorschlag: Liebe Piraten, vielleicht eine peppigere Farbe? Neon-Orange? Oder Orange mit bunten Glitzersteinen?

SPD

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Pro: SPD-Taktik: Alle guten Dinge sind bunt.

Con: Inhaltlich bleibt bei diesen SPD-Wahlplakaten leider einiges im Argen. Sie orientieren sich alle an dem Satzschema „Berlin bleibt X“. Es geht also um das Bewahren von Werten und Eigenschaften. Dinge, die jetzt schon sind und auch in Zukunft so bleiben sollen. Das klingt jetzt erstmal eher nach CDU, aber what’s the difference anyway, right? Für X setzt die Berliner SPD jetzt die Worte „fleißig“, „bezahlbar“ und „sozial“ ein. Berlin soll also fleißig, bezahlbar und sozial bleiben. Mit Betonung auf „bleiben“. Ich lasse den Lesern und Leserinnen an dieser Stelle kurz Zeit, den Groschen fallen zu lassen und dann herzlich zu lachen. Bitte jetzt.

Verbesserungsvorschlag: Den Spruch ändern. Ein kurzes Brainstorming ergab folgendes Ergebnis: „Berlin ist faul, teuer und asi. Wir versuchen, es zumindest nicht noch schlimmer zu machen.“

FDP

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Pro: Die FDP Grafikdesigner*innen haben für dieses schicke Wahlplakat mal so richtig tief in die Photoshop-Special-Effect-Tasche gegriffen. Mit bunten Farben und zackigen Formen und so. Wahnsinn. Hätten sie dieses Photoshop-Knowhow schon vor drei Jahren gehabt, wären sie bestimmt in den Bundestag eingezogen!

Con: Bei dem Wort „Forschrittbeschleunigerin“ müssten sich allen Berliner*innen die Nackenhaare aufstellen. Was bedeutet Fortschritt für Berlin? Mehr Touris und Investoren, mehr Hipster-Coffeeshops und Airbnb-Appartements? Und wo ist eigentlich das FDP-Keyword „Freiheit“ hin? Das darf doch sonst nie fehlen!

Verbesserungsvorschlag: Vielleicht in die Ecke noch einen Adler reinphotoshoppen und als Text groß „Land of the Free, Home of the Brave“ drauf schreiben. Eventuell vorher noch kurz mit Donald Trump abklären.

Die Partei

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Pro: Ich bin sprachlos vor Begeisterung. Die Satirepartei Die PARTEI überzeugt durch durchdachte Layoutkunst. Schlicht, fetzig, am Zahn der Zeit und ein philosophischer Spruch zum Grübeln. Note eins mit Sternchen.

Con: Bislang nur sehr dünne Streuungsdichte. (Vielleicht nehmen sich zu viele die Plakate als Erinnerung mit nach Hause?)

Verbesserungsvorschlag: Gebt uns mehr!