Wann ist ein Ereignis wichtig genug, um in die Schulbücher zu kommen?

Am 11. September 2001 erschütterten vier Terroranschläge die USA. Es ist ein Tag, der die Welt verändert, ein Tag, der in die Geschichte eingeht. Aber wer entscheidet eigentlich, was in die Geschichtsbücher kommt?

© Spencer Platt/Getty Images

Ein Tag, der in die Geschichtsbücher einging. © Spencer Platt/Getty Images

Noch nie konnte man einen Terrorakt live im Fernsehen miterleben. Das Bild des Flugzeugs, das am 11. September 2001 um 9:03 Uhr in den Südturm des World Trade Centers einschlägt, brennt sich tief in das kollektive Weltgedächtnis. Die Anschläge, bei denen fast 3.000 Menschen ums Leben kommen, läuten einen Paradigmenwechsel ein. Sie verändern internationale Beziehungen, ziehen einen Graben zwischen individueller Freiheit und kollektiver Sicherheit. Länder verschärfen innen- und sicherheitspolitische Maßnahmen. Die Terrorismusangst kommt in der westlichen Welt an.

Heute steht der Terroranschlag und dessen Folgen in den Schulbüchern, Kinder und Jugendliche lernen darüber im Geschichts-, Politik- oder Sozialkundeunterricht. Terrorismus ist zum eigenen Thema geworden. „Was ist Terrorismus?“, oder „Verwundbarkeit der Demokratie und Terrorismusbekämpfung“ lauten zum Beispiel die Überschriften der jeweiligen Kapitel. Fragen wie: „Warum gibt es eigentlich Terrorismus?“ oder „Wie reagierst du auf Nachrichten von Terroranschlägen?“ sollen Analyse- und Urteilskompetenz der Schüler*innen fördern.

Das Vorzeigebeispiel zum Thema: die Anschläge von 9/11. Aber wie schafft es ein Ereignis eigentlich in die Geschichtsbücher unserer Schulen, und wer entscheidet das?

So wird Geschichte gemacht

© Wikipedia | CC BY-SA 3.0
Der Berliner Mauerfall im Jahr 1989. © Wikipedia | CC BY-SA 3.0

In einem abgedunkelten Raum sitzt eine Gruppe Senior*innen um einen runden Tisch. Bei Zigarren und klassischer Musik debattieren die Expert*innen über die Bedeutung von Ereignissen und darüber, wie sie Geschehenes formulieren und am besten aufbereiten. In langen Diskussionsrunden tauschen sie Erfahrungen aus und protokollieren sie für die Nachwelt. Die ergrauten Herren und Damen schreiben gerade Geschichte.

Leider nein. So romantisch wie in meiner Vorstellung ist es nicht. Der Inhalt der Schul-Geschichtsbücher ist das Ergebnis eines langen, bürokratischen Prozesses, der um viele Ecken geht. Ob ein Ereignis in einem Schulbuch landet, hängt nicht vom Geschehenen selbst ab. Hinter jedem Schulbuch steht ein Lehrplan. Er ist die Richtlinie für die Lehrkräfte, er schreibt ihnen vor, was sie den Schüler*innen beibringen müssen. Und den Lehrplan gibt es für jedes Schulfach, jede Schulform und -stufe.

Und obendrauf – da Bildungspolitik Sache der Bundesländer ist – in 16 zusätzlichen Ausführungen. Die Lehrpläne werden von entsprechenden Lehrplankommissionen entworfen, die sich in der Regel aus erfahrenen Fach-Lehrer*innen, Expert*innen, Wissenschaftler*innen und Didaktiker*innen zusammensetzen. Damit am Ende der Schulzeit alle Schüler*innen auf dem selben Bildungsniveau sind, sollen die Lehrpläne sich zumindest ähneln.

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Diese Kommissionen müssen sich einerseits an Vorgaben halten. Wurde zum Beispiel festgestellt, dass es bei den Schüler*innen gewisse Defizite bei den Kenntnissen über die Geschichte der DDR gibt, müssen entsprechende Inhalte in den neuen Lehrplan eingearbeitet werden. Andererseits haben die Kommissionen auch Freiräume, um auf Dinge einzugehen, die vielleicht nur in ihrem Bundesland von Interesse sind, zum Beispiel die Regionalgeschichte.

Nach einem ersten Entwurf muss der Lehrplan in die „breite und öffentliche Anhörungsphase“. Schulen, Interessenverbände, Landtage dürfen kritisieren, meckern und Verbesserungsvorschläge einbringen. Das kann unter Umständen auch mal ein Jahr dauern. „Erfahrungsgemäß hält so ein Lehrplan dann sieben bis zehn Jahre, manchmal länger, manchmal kürzer. Je nachdem, um welches Fach es sich handelt“, sagt Christine Keitz, Redaktionsleiterin Geschichte des Cornelsen Verlags. Durch diese Flexibilität lässt sich ganz gut auf bestimmte Entwicklungen im Weltgeschehen eingehen. Alle Lehrpläne sind online einsehbar und fallen unterschiedlich präzise aus.

Schulbuchtexte werden von Lehrer*innen geschrieben

Aldrin auf dem Mond. © Gemeinfrei

Steht ein Lehrplan einmal fest, dürfen die Bildungsmedienverlage wie Klett oder Cornelsen ran. Sie müssen alles, was darin enthalten ist, im Buch umsetzen. Tun sie das nicht oder nur unzureichend, darf es nicht veröffentlicht werden. Wie genau ein Thema aufgearbeitet wird, hängt davon ab, wie konkret es der Lehrplan vorgibt. Alles andere liegt im Ermessen des Verlages.

Verfasst werden die Buchbeiträge von Teams aus Autor*innen. Sie bestehen aus Lehrer*innen, die das Fach in der jeweiligen Schulstufe und Schulform unterrichten, aus Didaktiker*innen und Redakteur*innen des Verlags. Die Lehrer*innen, die gerne schreiben und als Autor*innen arbeiten möchten, kooperieren dafür mit den Bildungsmedienverlagen. Sie bekommen auch ein kleines Honorar, je nach dem wie gut sich das Buch verkauft.

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Im Lehrplan Geschichte für die zehnte Klasse Gymnasium in Bayern steht beispielsweise der Lernbereich: „Chancen und Herausforderungen einer globalisierten Welt (ca. 10 Stunden)“. Es werden folgende Kompetenzen erwartet:

„Die Schülerinnen und Schüler nutzen ihre Kenntnisse über Erscheinungsformen und Motive des modernen Terrorismus, um das Bedrohungspotenzial des Terrors für Staat und Gesellschaft zu diskutieren. Die Schülerinnen und Schüler gliedern den Zeitraum anhand der folgenden Daten und Begriffe sicher und reflektiert: 1963 deutsch-französischer Freundschaftsvertrag, 1992 Vertrag von Maastricht, 11. September 2001 Anschlag auf das World Trade Center in New York; UNO, Europäische Integration, Osterweiterung der EU, Terrorismus, Globalisierung.“

Genaues Prüfverfahren

Von den Schüler*innen wird demnach erwartet, diese Ereignisse zumindest zeitgeschichtlich einordnen zu können. Im Lehrplan stehen keine genaueren Vorgaben, der Verlag darf also selbst entscheiden, wie intensiv er das Thema 9/11 in seinen Geschichtsbüchern behandeln möchte. Ihm steht frei, die Anschläge und deren politische Folgen einem vorgegebenen Themenbereich (zum Beispiel „Bedrohungen der modernen Welt“) zuzuordnen. Die Lehrkraft kann sich auch dafür entscheiden, sich mit der Klasse im Sinne des kritischen Geschichtsbewusstseins eine ganze Stunde lang mit Verschwörungstheorien um die Anschläge auseinanderzusetzen.

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Gibt es einen ersten Entwurf des neuen Schulbuches, muss es durch das Genehmigungsverfahren. Unabhängige Gutachter*innen – speziell geschulte Lehrkräfte, die vom jeweiligen Kultusministerium bestellt wurden – prüfen penibel sachliche und didaktische Aspekte und ob das Buch lehrplankonform ist. Die Lernmittel müssen jedenfalls den „neuesten, gesicherten Stand der Fachwissenschaft“ berücksichtigen. Geben sie grünes Licht, kann das Buch vervielfältigt und veröffentlicht werden. Geben sie keines, heißt es nachbessern und vervollständigen – und das selbst bei den kleinsten Fehlern.

Der Verlag muss nicht auf einen neuen Lehrplan warten, um ein neues Schulbuch zu veröffentlichen. Er muss sich bei jeder Veröffentlichung trotzdem an den bestehenden Lehrplan halten und samt Genehmigungsverfahren ein bis zwei Jahre Vorlaufzeit berücksichtigen. Bedeutende historische Ereignisse, wie es der 11. September 2001 war, landen dafür aber relativ schnell mal im Online-Auftritt der Verlage.

Warum nicht gleich Wikipedia?

Martin Luther Kings Rede „I Have a Dream“ am 28. August 1963 in Washington. © Gemeinfrei

Auf Wikipedia steht sehr schnell sehr viel. „Die Plattform ist ein Nachschlagewerk, das keine didaktisch aufbereitete Sprache verwendet. In den Schulbüchern hingegen wusste der Autor vorher, für welche Schulstufe und somit für welches Alter er den Beitrag schreibt“, sagt Ilas Körner-Wellershaus, Leiter des Klett-Verlags.

Auf Wikipedia steht zwar ein langer Artikel über die Vorfälle von 9/11, der wurde allerdings von Erwachsenen für Erwachsene geschrieben. Für Schüler*innen wird das Thema in den Schulbüchern hingegen altersadequat und knapper aufbereitet.

Dass der Weg der Informationen ins Buch lang und bürokratisch ist, ergibt jedenfalls Sinn. Es ist doch beruhigend, dass das Wissen, das an unsere Kinder weitergegeben wird, doppelt und dreifach geprüft ist – und der Inhalt eines Schulbuchs eben nicht einfach von Senior*innen beim Kaffeekränzchen beschlossen wird.