Warum 2016 zumindest musikalisch ein herausragendes Jahr war

Trotz all der großen und kleinen Unfälle war 2016 ein Jahr der guten Alben, der Genre-Emanzipationen und musikalischen Überraschungen.

Musikfans hatten viel zu feiern dieses Jahr. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Jeder sehnte sich an einem Punkt das Ende dieses Jahres herbei. 2016 war voller Enttäuschungen, Empörungen und allgemeinen Unglückseligkeiten. Doch die Musik rettet uns.

2016 lässt sich nicht ohne die ganz große Emanzipation der Black Music betrachten: Im Aufblühen von Black Music lässt sich eine Spiegelung der US-amerikanischen Alltagspolitik finden, die nach wie vor mit Rassismus und systematischer Unterdrückung zu kämpfen hat. Aber auch der Rockmusik ging es nach jüngsten Schwächeanfällen etwas besser. Besonders die deutsche Musikszene konnte mit Bands wie Isolation Berlin oder Gurr dazugewinnen.

2016 wird den meisten aber wohl als Jahr der großen Verluste im Gedächtnis bleiben: Das Ableben von David Bowie, Prince, Leonard Cohen und vielen anderen schien das Ende einer Generation zu markieren, die für viele die Verkörperung der kreativen Kraft von Musik war. Einige von ihnen verabschiedeten sich mit Alben, die zu den besten ihrer Karriere zählten. 

Aber genug von älteren Herren – es folgt der Meinung purer Lust, in Listenform und subjektiv: Die ze.tt-Alben des Jahres 2016!

DIE ZEHN BESTEN ALBEN DES JAHRES:

10. Chessmaster – „I Am Chesumasuta“

Das Album des britischen DreamCatalogue Labelchefs HKE vermischte wie kein anderes Avantgarde Elektro und Synth-Pop, Futurismus und Nostalgie. „I Am Chesumasuta“ klingt als würden sich The Knife an einer utopischen Oper über Sexroboter wagen – also wie nichts, was man momentan im Elektro-Bereich hören kann.

9. chris††† – „No Lives Matter“

„No Lives Matter“ ist ein Großwerk der Sampelkunst und des nihilistischen Pop. Komplett aus fremden Songs zusammengeschnitten, wirkt das Album wie ein Kunstwerk der modernen Avantgarde. Ein Album für all diejenigen, die sich fragen, wie Spotify sich für Aliens anhören mag: laut, schräg, tanzbar, monoton, innovativ, überbordend, unvergesslich.

8. Xiu Xiu – „Plays the Music of Twin Peaks“

Die New Yorker um Jamie Stewart waren schon lange nicht mehr so gut wie hier. Ihre Interpretation von Angelo Badalamentis Soundtrack zu David Lynchs legendärer Serie ist ein schizophrener Horrortrip. Die Schönheit brechender Stimmen trifft auf den verstörenden Exzess von Gitarrenfeedback. Und über all dem: Xylophone und der Wind.

7. Preoccupations – „Preoccupations“

Die kanadische Band hieß 2015 noch Viet Cong, änderte wegen Protesten aber ihren Namen. War das letzte Album ihr „Turn on the Bright Lights“, ist Preoccupations nun „Antics“: etwas weniger Experimente, etwas mehr Hits, aber fast genauso gut. Nach wie vor zwischen Krautrock und Post-Punk, hat sich die Band einen sehr charakteristischen Sound angeeignet und bleibt die große Hoffnung des Indie-Rock.

6. Solange – „A Seat at the Table“

Beyoncé hatte einfach keine Chance, gegen das Album ihrer Schwester anzukommen. Das Neo-Soul Album operiert auf einer Stufe, auf der man sonst nur Erykah Badu vorfindet. Unfassbar gefühlvoll und dabei doch politisch aggressiv erzählt Solange Knowles vom Alltag der Unterdrückung und Ausgrenzung. Dabei klingt sie abwechselnd verträumt, wütend oder abgrundtief traurig. „Cranes in the Sky“ ist der Black Music Song des Jahres.

5. Frank Ocean – „Blonde“ // „Endless“

Gleich zwei Alben hat Ocean dieses Jahr veröffentlicht. Ein urban-modernes und ein virtuell-futuristisches. Beide von großer Zärtlichkeit und sehr persönlich. Das urbane, „Blonde“, wird von den meisten bevorzugt, obwohl „Endless“ das experimentellere und riskantere ist. Beide sind so gut, dass schon eines als Entschädigung für die lange Wartezeit gereicht hätte.

4. Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree

Beeinflusst von einem schrecklichen Verlust stellte Cave dieses Album fertig, das mit Abstand das intimste und traurigste seiner Karriere ist. Die Ironie, sonst Markenzeichen Caves, ist aus seiner Stimme gewichen. Häufig bricht sie. Dann, wie bei „Girl in Amber“, treibt einem das spontan Tränen in die Augen. Vielleicht gibt es kein Album, dessen Name so präzise der musikalischen Stimmung entspricht.

3. PJ Harvey – „The Hope Six Demolition Project“

Kein politisches Album ist dieses Jahr besser gelungen als Harveys Studie der Weltpolitik. Wütend und anklagend betrachtet sie das Geschehen im Nahen Osten, dem Orient und Amerika. Ein Meisterwerk kunstgeschichtlicher Reflektion, dass so komplex mit Gospel, Pop, Weltmusik und Rock experimentiert, dass es für viele sperrig wirkte. Tatsächlich ist es wohlmöglich ihr bis dato bestes Werk.

2. Radiohead – „A Moon Shaped Pool“

Deutlich von Thom Yorkes Scheidung beeinflusst, reduzieren Radiohead ihren gewohnt barocken Sound aufs Wesentliche. Noch nie klang die Band so, nach sommerlichen Wiesen und ruhiger Parkluft. Pathos und Dekor sind leiser Introspektion gewichen. Teilweise erinnert das Album an die frühen Ambient-Experimente von Brian Eno, ist aber doch unverkennbar ein Produkt seiner Zeit. Ein Album, das inne hält, um zu reflektieren – und wahrscheinlich grade deshalb 2016 so bitter nötig war.

1. David Bowie – „

Es erscheint unfassbar, dass David Bowie eines der besten Alben seiner Karriere als Reflektion seines eigenen Sterbens aufnehmen konnte. Voll von düsteren Symbolen und getrieben vom Jazz-Saxophon seines Kollaborateurs Donny McCaslin klingt „“ abwechselnd düster apokalyptisch oder melancholisch. Dabei kreiert es einen eigenen Mythos, eine Welt der Querverweise und Anspielungen. Es ist ein visionäres, teilweise vielleicht sogar prophetisches Album, wie es praktisch nur zwei, drei Mal in einem Jahrzehnt vorkommt.

[Außerdem bei ze.tt: Hier kannst du dir anhören, wie sich Musik in über 50 Jahren verändert hat]

DIE FÜNF ÜBERBEWERTETSTEN ALBEN DES JAHRES:

Anohni – „Hopelessness“

Das auf den ersten Blick recht schmissige Experiment, Anohnis Falsett-Gesang mit dem Sound von Hudson Mohawke and Oneohtrix Point Never zu verbinden, wirkte schon wenige Wochen nach Veröffentlichung veraltet. Die teils lächerlichen, mit Pathos vollgestopften Texte tun dabei sicher auch das ihre.

Bon Iver – „22, a Million“

Das dritte Album von Justin Vernon ist eine sperrige Mischung aus halbgaren Skizzen, monotonem Soul und Urban Pop geworden. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Ein Übergangsalbum, von dem nicht viel übrig bleibt und das eher zurück zu Peter Gabriel als nach vorne schaut. Oder: Xavier Naidoo für die, die Xavier Naidoo nicht mögen.

Beyoncé – „Lemonade“

„Lemonade“ wirkt wie ein Flickenteppich. Die zahlreichen Gäste klingen wie Schatten ihrer selbst, Klischees sind die Norm. Auf jeden „All Night“ und „Daddy Lessons“ folgen Langweiler wie „Sorry“ und „Hold Up“. Jack White klang noch nie so muffig wie auf „Don’t Hurt Yourself“ und „Freedom“ ist schon für den nächsten Tarantino-Trailer vorgemerkt. Und ja, das Video macht die Musik nicht besser!

Savages – „Adore Life“

Dass die Savages nicht die originellste Band auf dem Indie-Spielplatz sind, sollte ihnen keiner vorwerfen. Dass ihr zweites Album wie eine halbgare B-Seiten- und Demo-Sammlung wirkt aber schon. „Adore Life“ klingt gleichzeitig nach misslungenem Experiment und Stillstand. Ein Album, dem Feuer und Fokus fehlt.

James Blake – „The Colour in Anything“

James Blake ist oft gelangweilt. Er macht dann Musik, die nach Langeweile klingt. Manchmal ist die besser, manchmal langweiliger. Sein neues, viel zu langes Album erinnert an die britischen Folk-Popper der frühen 2000er – jede noch so klägliche Idee muss ausgewalzt und mit Zucker übergossen werden. Kitsch eben, aber noch langweiliger als davor.

[Außerdem bei ze.tt: Wie alles begann: „This is where Hip Hop came from“]

WAS SONST GUT WAR (alphabetische Reihenfolge)

  • 2814 – „Rain Temple“: futuristischer Trip-Hop; ein verregnetes London in ewiger Nacht
  • A Tribe Called Quest – „We got it from Here… Thank You 4 Your service“: urbaner Hip-Hop; Phife Dogs letztes Werk vor seinem Tod
  • Animal Collective – „Painting With“: psychedelischer Pop; Beach Boys als Elektro-Prog
  • Bat for Lashes – „The Bride“: gothischer Folk; ein filmisches, feministisches Trennungsalbum
  • Blank Banshee – „MEGA“: Vaportrap Konzeptalbum; Armageddon als 16Bit Videospiel
  • Blood Orange – „Freetown Sound“: urbaner Funk; Dev Hynes erstes Meisterwerk
  • Danny Brown – „Atrocity Exhibition“: dystopischer Hip-Hop; Ballard’scher Future-Jazz
  • Leonard Cohen – „You Want It Darker“: Abschiedspoesie; im Angesicht des Todes, Ruhe
  • Deakin – „Sleep Cycle“: psychedelischer Folk; 1/4el Animal Collective, auf Himbeereis
  • Death Grips – „Bottomless Pit“: Industrial Hip-Hop; niemand hasst seine Fans mehr
  • Deftones – „Gore“: muskulöser Alt-Rock; Musik für den adoleszenten Nachtspaziergang
  • Exploded View – „Exploded View“: Twin Peaks-Pop; gothische Barmusik für junge Menschen
  • Head Wound City – „A New Wave of Violence“: Post-Hardcore; herrliche Hysterie von Blood Brothers/The Locust Mitgliedern
  • Jenny Hval – „Blood Bitch“: Avantgarde; Musik als feministischer Horrorfilm
  • Isolation Berlin – „Und aus den Wolken tropft die Zeit“: Gitarrenpop; Rio Reiser in Röhrenjeans
  • Kendrick Lamar – „untitled unmastered.“: experimenteller Hip-Hop; Butterfly Messer und Jazz
  • Conor Oberst – „Ruminations“: karger Folk; Obersts bestes Album seit zehn Jahren
  • Angel Olsen – „MY WOMAN“: College-Country; die Liz Phair der neuen Generation
  • Iggy Pop – „Post Pop Depression“: Wüsten-Rock: Staubtrockenes Comeback mit Kirmes
  • Rihanna – „ANTI“: Bubblegum Pop; experimentell und feministisch, karibisch und politisch
  • Swans – „The Glowing Man“: symphonischer Rock; Musik wie Zwieback mit Zwiebeln
  • t e l e p a t h – „A“: Vaporwave; vier berückend schöne Stücke für das Geister tete-a-tete
  • Weezer – „White Album“: Power Pop; ihr erstes gutes Album der letzten 20 Jahre