Warum „Begeisterungsfähigkeit“ nichts in Stellenanzeigen verloren hat

Ob Job im Großkonzern oder Start-up: Keine Stellenausschreibung scheint ohne „Begeisterungsfähigkeit“ auszukommen. Warum sich unsere Autorin wünscht, dass dieser Punkt aus Jobprofilen verschwindet.

"This is so much fun!" Unsplash I CC0-Lizenz

Als ich ein Kind war, hatten wir Wandertage. Am Tag vorher verteilte unser Lehrer Zettel, auf denen stand, was wir mitbringen sollten. Neben Wanderschuhen, Regenjacken und einer Jause stand auch immer „gute Laune“ auf der Liste. Ha ha, so lustig. Flash Forward: Aus der kleinen Grundschul-Ana ist eine erwachsene Frau geworden, die „gute Laune“ maximal auf Bürobedarfsbestellungen schreibt, wenn sie besonders lustig sein will.

Mitzubringen-Listen lese ich aber immer noch hin und wieder. Nur dass jetzt nicht mehr die Überschrift „Wandertag der 2b“ darübersteht, sondern „Stellenanzeige“. Unter all den notwendigen Hard Skills reihen sich die üblichen sozialen Kompetenzen, die der*die ideale Jobkandidat*in mitbringen soll. Und genauso wie bei den Wandertagslisten steht auch hier die gute Laune. So wie ich ist aber auch sie erwachsen geworden und nennt sich jetzt „Begeisterungsfähigkeit“.

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Grundsätzlich verstehe ich, woher das Bedürfnis kommt, jemanden einzustellen, der*die sich begeistern lässt. Das tun alle, die schon mal in einem Bürojob gearbeitet und die typischen Abläufe in Unternehmen kennengelernt haben. Skepsis der Kolleg*innen, Unverständnis der Vorgesetzten, die Hierarchien im Unternehmen und Bürokratie in den Prozessen zerreiben die Anfangsbegeisterung jeder Idee. Am Ende bleibt nur noch der Wunsch, das vermaledeite Projekt irgendwie abzuschließen.

Wenn man in der Rolle der Person ist, die die neue Idee gehabt hat, hat man sich irgendwann gewünscht, dass die kritischen Kommentare, die Nachfragen, kurzum „das Verhindern“ aufhören und die Leute ein wenig mehr Begeisterung zeigen würden. Aber wäre die Lösung wirklich, dass alle um einen herum gehypt wären und einen ständig anspornten?

Angenommen, man würde plötzlich in einem Unternehmen arbeiten, in dem alle Kolleg*innen Glücksbärchis sind. Sie wären immer total beseelt von der Vision des Unternehmens und jedes Plans, der entsteht. All die guten, tollen Ideen, die sonst einen kläglichen Erschöpfungstod in den Meetingmarathons gestorben wären, würden mit Leichtigkeit in die Realität getragen, auf Wolken der Begeisterung. Klingt doch erst mal cool.

Wenn alle begeistert wären, wäre alles gut?

Auf derselben heißen Luft würden aber auch all die bescheuerten Vorschläge und Fantasien, die unweigerlich in Unternehmen aufkommen, verwirklicht. Bei all den Rufen nach Begeisterungsfähigkeit vergisst man zu leicht: Wenn alle beschäftigt damit sind, möglichst begeistert die nächste Kopfgeburt abzufeiern, ist niemand da, der kritisch mitdenkt. Der auch mal unbequeme Fragen stellt. Ist das minimalistische Produktdesign wirklich modern oder einfach nur affig? Ist Arbeiten auf Abruf wirklich notwendig? Verkaufen wir wirklich, was die Kund*innen gerne hätten?

Die treibende Kraft hinter dem Nachfragen, das kritische Denken, hab ich noch in keiner Stellenausschreibung gelesen. Es scheint fast so, als hätten Unternehmen kein Interesse daran, dass Entscheidungen von allen Beteiligten durchdacht und auch abgeklopft werden. Personen, die mitdenken und nachfragen nennt man dann gerne Querulanten oder wenn es ganz hart wird Verhinderer. Dabei scheint man nicht zu sehen (wollen), dass das Abtasten und Testen von Ideen kein Zerstören ist.

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Klar, es ist anstrengend. Es ist lästig. Manchmal treibt es einen fast zur Weißglut seine ursprüngliche Idee zum gefühlt tausendsten Mal abändern zu müssen. Aber gute Ideen überstehen diesen Prozess. Die richtig guten werden dadurch sogar stärker und besser.

Ich wünsche mir, dass Begeisterungsfähigkeit aus den Anforderungsprofilen in Stellenanzeigen verschwindet. Nicht weil ich ein sauertöpfischer Miesepeter bin, sondern weil ich glaube, dass kritisches Denken auf allen Ebenen Vorteile bringt. Es verbessert das Endprodukt. Aber es motiviert auch die Mitarbeiter*innen, indem es ihnen Mitspracherecht gibt. Statt sich selbst zur ständigen Begeisterungsfähigkeit zu geißeln, können sie einfach nur ihren Job machen und ihre professionelle Meinung einbringen.

Natürlich hat sich mein Klassenlehrer gewünscht, dass die Höllenbrut von 25 Kindern, die hinter ihm einen verfluchten Berg hochtrottet, nicht missmutig ist. Unternehmen sollten aber andere Erwartungen an ihre Mitarbeiter*innen haben, als Herr Hörhager an die 2b.