Warum bin ich immer zu spät, obwohl ich mich beeile?

Das ganze Leben immer zu spät sein, obwohl man sich stets ums Gegenteil bemüht – woran kann das liegen? Und was zur Hölle tut man dagegen?

Wer ständig zu spät ist, hat es immer eilig

Immer schnell, schnell überall hin – das ist doch kein Leben! © Pixelhans / Photocase.de

Ich bin es wirklich leid. Selbst, wenn ich um 4:30 Uhr morgens aufstehe, schaffe ich es, einige Minuten zu spät zur Arbeit zu kommen. Ja, ich habe genau das probiert. Und nein, meine Arbeit fängt nicht um 5:30 Uhr an. Und es ist zwar häufig, aber eben nicht immer der ÖPNV dafür verantwortlich.

Sondern ich.

So ist es leider schon, seit ich in der Grundschule war und jeder Versuch, etwas zu ändern, war bisher nicht von Erfolg gekrönt. Ich habe deshalb schon mindestens zwei ICEs, fast einen Flug und eine Hochzeit verpasst. Und in der Folge bin ich ständig abgehetzt. Woher kommt diese verdammte Unpünktlichkeit?

Eile!
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Adrenalin-Kick?

Es existieren da viele verschiedene Thesen. Von Arroganz, Autonomiebedürfnis und Adrenalinsucht ist die Rede, von Respektlosigkeit und Rebellentum. Aber ich fühle mich weder unsicher noch meinen Mitmenschen überlegen, ich brauche keinen komischen Deadline-Kick und will auch niemandem nonverbal beweisen, was ich so ganz grundsätzlich von Autoritäten halte.

Ich bin einfach nur ständig ein wenig zu spät. Und niemanden nervt das mehr als mich.

Uhrzeit vs. Eigenzeit

Ich habe einen Zeitforscher gefragt. Dr. Marc Wittmann arbeitet am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg und teilt Menschen in zwei Gruppen ein: Uhrzeit-Orientierte und Eigenzeit-Orientierte.

„Uhrzeit-orientierte Menschen sind die pünktlichen, die mehr Eigenzeit-orientierten Menschen sind tendenziell die unpünktlichen. Eine Uhrzeit-orientierte Person versichert sich regelmäßig der Uhrzeit, ist sich dieser also laufend bewusst. Eine Eigenzeit-orientierte Person lässt sich mehr auf Tätigkeiten und Wahrnehmungen ein, ist quasi mehr absorbiert von dem, was sie tut, und sie vergisst dabei leichter die Zeit.“

Das klingt schon eher nach mir. Wenn ich auf die Uhr schaue und es ist 7:17 Uhr, dann läuft die Zeit in meinem Kopf einfach nicht weiter. Vor meinem geistigen Auge sehe ich unverändert 7:17 Uhr – auch, wenn es schon 7:27 Uhr ist.

Wie tickt die innere Uhr?

Eine Studie der Case Western Reserve Universität in Cleveland fand bereits 2010 heraus, dass Menschen verstreichende Zeit einfach sehr unterschiedlich wahrnehmen und erleben. Der Fachbegriff heißt „ICS – internal clock speed“, das Tempo der inneren Uhr. Demzufolge sind Leute, die eine langsamere innere Uhr haben, offenbar auch impulsiver als die anderen.

Kurzer Blick auf den ratzekahl leer gefressenen 500-Milliliter-Becher Erdnuss-Eis, von dem ich nur die Hälfte essen wollte – ja, kommt hin.

Doch das alles muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, sondern hat auch Vorteile: „Uhrzeit-orientierte Menschen haben eine stärkere zeitliche Planung, aber verlieren dabei womöglich an Qualität des Erlebens. Diese Qualität des Erlebens haben die Eigenzeit-orientierten Menschen, die ihre Dinge tun, wie sie es für erforderlich halten und nicht das, was die Uhrzeit diktiert“, erklärt Dr. Wittmann. Wir Zuspätkommer leben also stärker im Moment!

Dieser einfache Trick hilft

Laut diverser anderer Untersuchungen sind wir außerdem entspannter, optimistischer, kreativer und besser im Multitasking. Trotzdem sollten wir nicht aufhören, uns um Pünktlichkeit zu bemühen – sagt auch Marc Wittmann: „Nur, wenn wir auf die Zeit achten, erleben wir sie und können mit ihr planen.“

Also habe ich jetzt einen kleinen Trick eingeführt: Ich stelle mir den Wecker 20 Minuten, bevor ich los muss und drücke dann auf snoozen. Klappt ganz gut soweit.

Und falls ich trotzdem wieder zu spät komme? Dann kann ich sagen, ich sei unschuldig – niemand kann schließlich was für seine innere Uhr!

Tja!
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