Warum bleiben so viele Menschen aus Gewohnheit in einer Beziehung?

Lange Beziehungen sind der Beweis wahrer Liebe und verloren geglaubter Beständigkeit. Angeblich.

"Wäre es mit 'nem anderen nicht besser?“ © Tamara Menzi | Unsplash

Wir sitzen draußen und die Sonne scheint. Zu dritt hatten wir uns auf die letzte freie Bank gequetscht. Ich ignoriere, dass mein Hintern halb im Freien hängt und ich mich eigentlich alleine mit Sonja treffen wollte. Ein Kellner kommt, um unsere Bestellung aufzunehmen.

Sonja* ergreift das Wort: „Wir hätten gerne zwei Sojamilchkaffee und zwei Wasser. Ach, und könnten Sie bitte die Kekse weglassen?“ Dabei pikst sie Ben*, der Kuhmilch prima verträgt, in den Bauch. Er lächelt verlegen und nuschelt irgendwas Zustimmendes. In mir steigt ein Gefühl auf, das ich sonst nur beim Anblick von verlotterten Straßenhunden und Boris Becker empfinde. „Und für Sie?“ Ein Spaceshuttle, sofort. „Einen schwarzen Kaffee, bitte.“

Lange Beziehungen strahlen Beständigkeit aus

Während ich versuche, nicht von der Bank zu fallen, denke ich über Benja – so lautet ihr geheimer Spitzname – nach. Als Sonja noch single war, bestand ihre Welt aus lauter Fragezeichen, die sie durch viele Partys zu kompensieren versuchte. Ich wusste, dass ihre Feierwut unter anderem daher rührte, dass sie nicht so gut alleine sein konnte. Umso mehr freute ich mich für sie, als sie irgendwann Ben kennenlernte. Mit seiner ruhigen und zurückhaltenden Art schien er ihr perfektes Gegenstück zu sein. Die beiden strahlten eine angenehme Ruhe aus, ohne langweilig zu wirken.

In meinem Freundeskreis avancierte Sonjas Beziehung immer mehr zum kollektiven Ideal. Selbst in der Einrichtung ihrer gemeinsamen Wohnung fanden wir Beweise dafür, dass ihre Interessen und Ansichten zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen waren, ohne irritierend zu wirken. Über Sonjas Vintage-Sessel thronte sein Surfboard, neben seiner Gitarre fand ihr Hockeyschläger Platz. Nach außen hin stellte Benja das Paradebeispiel eines Lebensweges dar, der immer noch als Nonplusultra im Menschen verankert ist.

Ich war der festen Überzeugung, dass Sonja durch ihr Ankommen glücklich war. Ihre Suche hatte ein Ende und sie konnte sich auf den Lorbeeren, sämtliche gesellschaftliche Erwartungen erfüllt zu haben, ausruhen. Die Fassade bekam erst dann Risse, als sie mir bei einem unserer selten gewordenen Abenden zu zweit anvertraute, wie es wirklich um ihr Seelenheil stand.

Gewohnheit lässt eine andere Liebe entstehen

Bei einem Wein zu viel verrät mir Sonja, dass sie sich seit Längerem in ihrer Beziehung langweilt. Sie und Ben hätten sich eigentlich nicht mehr viel zu erzählen, trotzdem hoffe sie, dass er ihr bald einen Antrag mache. Meinen verblüfften Gesichtsausdruck ignoriert sie. Als ich sie auf eine latente Disharmonie ihrer Aussagen hinweise, quittiert sie dies mit: „Wird mit ’nem anderen nicht besser sein.“

Ihre Abgeklärtheit schockiert mich und ich frage sie, wieso sie Ben nicht einfach verlässt, wenn sie so unglücklich in ihrer Beziehung ist. Ein paar Sekunden vergehen, in denen sie mich mustert, als wäre ich ein Alien. Beinahe zickig stellt sie dann klar, dass eine Trennung natürlich nicht infrage komme. Immerhin seien sie und Ben seit einer gefühlten Ewigkeit ein Paar.

Ich will widersprechen, weil ich das nicht als alleinigen Grund akzeptieren will, aber sie unterbricht mich. Ja, es stimmt. Irgendwann lasse die Verliebtheit nach und sie habe in ihrem Kopf auch mal mit dem Gedanken gespielt, einen Neuanfang zu wagen. Jedoch überwog jedes Mal die Erkenntnis, dass Ben im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden sei. Er kenne all ihre Makel und umgekehrt. Sie hätten sich zu sehr aufeinander eigespielt, als dass sie sich vorstellen könnte, ohne ihn die Person zu sein, die sie jetzt ist.

Lieber alte Strukturen erhalten, als einen Neuanfang wagen

Dieses Argument konnte ich nachvollziehen. Ich realisierte, dass sich Sonjas Leben auf einer anderen Ebene abspielte als meines. In meinem Universum aus flüchtigen Bekanntschaften machte es Sinn, schlecht laufende Dinge sofort abzuschließen. Für Sonja hingegen war Ben ein Grundpfeiler ihres Lebens geworden. Sie hatte ihr gesamtes Leben auf ihre Beziehung ausgerichtet und konnte faktisch nicht mehr zurück.

An einem hakendem Konzept trotzdem festzuhalten, machte aus Sonjas Perspektive Sinn, weil das, was auf eine Trennung folgen würde, schlicht und ergreifend unbequemer wäre als der Status quo. Sie weiß, wenn sie Ben verlassen würde, hätte das einen Neuanfang zur Folge. Sonja müsste sämtliche sozialen Konstrukte reprogrammieren und Entscheidungen revidieren, die sie auf Basis ihrer Beziehung getroffen hatte. Der abrupte Verlust aller gewohnten Strukturen würde den freien Fall ins Nichts bedeuten. Als Sonja ihren Wein austrinkt und sich von mir verabschiedet, flüstert sie mir noch ins Ohr: „Übrigens, Ben und ich versuchen gerade, ein Kind zu kriegen.“

Auf dem Nachhauseweg resümiere ich: Auch wenn es mir schwer fällt, ihre Entscheidung nachzuvollziehen, liegt Sonja mit ihrer traditionellen Einstellung voll im Trend. Zwar liegt die Geburtenrate in Deutschland immer noch unter dem EU-Schnitt, jedoch ist der Wert zurzeit auf dem höchsten Stand seit knapp 30 Jahren.

* Namen geändert