Warum Brainstorming nicht kreativer macht

Eine gemeinsame Denkrunde bringt die besten Ideen im Büro? Falsch. Warum das so ist und wie ihr effektiver arbeitet, erklären Wissenschaftler*innen aus den USA.

Zettel über Zettel: Ideensammeln in der Gruppe macht nicht kreativer. © Bastografie/Photocase.de

Mit Zettel und Stift sitzen Kolleg*innen im Kreis, werfen Gedanken in den Raum und schreiben sie nieder. Nach dem Motto „Jede Idee ist willkommen, erstmal sammeln“ kommt immer etwas zusammen. Dabei entstehen aber nicht zwangsläufig die besten Lösungen, das beweisen Neuropsycholog*innen seit Jahren.

Dass Brainstormen so beliebt ist, liegt an einem Mythos, den Alex Osborn 1942 in seinem Buch How to Think Up verbreitete: „Es ist eine freilaufende Sitzung, bei der der Leiter ein Problem vorstellt, das gelöst werden muss. Die Teilnehmer schlagen abwechselnd Ideen vor, die aufeinander aufbauen. Eine wichtige Regel ist, dass keine Idee kritisiert werden darf. Das befreit die Leute, kreativer zu denken.“

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Lange wurde also bei jeder Gelegenheit gebrainstormt, weil Unternehmen annahmen, dass Gruppen mehr Ideen finden und kreativer sind, als einzelne Mitarbeiter*innen. Gleich mehrere Studien wollten diesem Mythos auf den Grund gehen und ließen Teilnehmer*innen entweder in der Gruppe oder allein Fragestellungen bearbeiten.

Das Ergebnis: Gruppen schnitten durchweg schlechter ab. Die Proband*innen, die alleine überlegt hatten, präsentierten bis zu 40 Prozent mehr Ideen. Doch nicht nur die Quantität war dabei höher, sondern auch die Qualität. Das wurde durch eine unabhängige Jury geprüft.

Gruppenzwang am Arbeitsplatz

Die Untersuchungen konnten auch einen Zusammenhang zwischen der Performance und der Größe der Gruppen feststellen: je mehr Teilnehmer*innen, desto schlechter die Produktivität.

Für die Wissenschaftler*innen der Texas A&M University liegt das Problem zum einen in der Tendenz, sich auf einen Gedanken zu versteifen. Untersuchungsleiter Nicholas Kohn erklärt: „Man fixiert sich unterbewusst auf die Ideen anderer Leute. Das führt dazu, dass man Ideen vorschlägt, welche die deines Brainstorming-Partners imitieren. Und dadurch wird man letztendlich weniger kreativ.“

Außerdem führe Brainstorming zwangsläufig in eine Art Sackgasse. Das wahllose Sammeln von Ideen hindere daran, direkt die guten und schlechten auszusortieren – denn ohne Kritik fehlt die Selektion. Auch der unbewusste Drang zu Konformität behindere die Kreativität. Besonders für introvertierte Mitarbeiter*innen kann die geforderte Spontanität beim Brainstorming belastend sein. Sie halten sich eher zurück, die Ideenverkündung liegt dann meist bei den Extrovertierten.

Allein kommen die besten Ideen

Die Lösung zu diesem Problem ist naheliegend: Kreativität kommt, wenn man alleine arbeitet – und jeden Gedanken in Ruhe abwägen kann. Auch Steve Wozniak, Mitgründer von Apple, hat das einsame Arbeiten für sich entdeckt. Er rät Arbeitgebern: „Arbeite allein. Du wirst am ehesten revolutionäre Produkte designen, wenn du auf dich selbst gestellt bist. Und nicht in einem Team.“

Du musst dich allerdings nicht dein komplettes Arbeitsleben isolieren – es reicht, wenn du dich zurück ziehst, wenn du kreativ sein willst. Auch ein kurzer Spaziergang kann helfen, den Kopf frei zu kriegen. Sollte Gruppenarbeit nicht vermeidbar sein, weil es beispielsweise unterschiedliche Kompetenzen und Wissensstände in eurem Team gibt, arbeitet in kleinen Gruppierungen. So wird die Bereitschaft aller Teilnehmer*innen, sich am Gespräch zu beteiligen, erhöht. Dabei kann es helfen, wenn sich alle zuvor Gedanken machen und vorbereitet in die Sitzung kommen.

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Schon zu Hause kannst du das tun. Psychologe John Kounios glaubt, dass der beste Ort dafür die Dusche ist. Er erforscht Kreativität und Ablenkung an der Drexel University in Philadelphia. Seinen Erkenntnissen zufolge werden beim Duschen Hinregionen angeregt, wie man Default Mode Network nennt. Sie versetzen das Gehirn in einen Ruhezustand, ähnlich wie beim Meditieren.

„Man konzentriert sich weniger auf die Umwelt, sondern macht sich seiner inneren Gedanken bewusst“, sagt er in einem Interview. Ohne Aufgabe und Zweck können die Gedanken in alle Richtungen schweifen – das Ergebnis sind ungezwungene und kreative Ideen. Beim Brainstormen sei das anders, da läuft das Denken linear ab.

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