Warum das Ende des Acht-Stunden-Arbeitstages richtig ist

Die Wirtschaftsweisen fordern das Ende des Acht-Stunden-Arbeitstages – und das ist für viele Branchen auch gut so. Ein Kommentar

Warum täglich acht Stunden im Büro sitzen, wenn man auch flexibel arbeiten kann? © Pana Vasquez / Unsplash.com

Die fünf Wirtschaftsweisen, ein Beratungsgremium der Bundesregierung, fordern eine Abkehr vom strikten Acht-Stunden-Tag, der für viele Arbeitnehmer*innen Normalität ist. Gegenüber der Welt am Sonntag erklärt Christoph Schmidt, Vorsitzender des Gremiums: „Firmen, die in unserer neuen digitalisierten Welt bestehen wollen, müssen agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können. Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet.“

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Das aktuelle Arbeitszeitgesetz sieht eine maximale Arbeitszeit von acht Stunden täglich vor, gefolgt von einer mindestens elfstündigen Ruhezeit. Wöchentlich dürfen maximal 48 Stunden gearbeitet werden. Nun wird die Forderung laut, die tägliche Arbeitszeit nicht auf acht Stunden zu begrenzen und die Ruhezeit von elf auf neun Stunden zu verkürzen, solange sich an die Maximalzeit von 48 Stunden gehalten wird. Diese Forderung ist, mit ein paar Einschränkungen, richtig.

Ist die Idee der Work-Life-Balance veraltet?

Unser Alltag ist wahnsinnig schnelllebig: Informationen und Neuigkeiten prasseln im Sekundentakt auf uns ein und zwingen uns teilweise zum Umdenken, zum Neudenken – sowohl im Privat- als auch im Berufsleben. Deshalb ist ein strikt geregelter Acht-Stunden-Tag für viele Branchen einfach nicht mehr zeitgemäß. Mein Mail-Account, den ich auf der Arbeit nutze, ist mit meinem Smartphone verbunden. Apps und Programme wie Slack, Trello, Dropbox, Evernote und viele weitere machen dezentrales Arbeiten nicht nur möglich, sondern auch ziemlich einfach. Einen Teil der Aufgaben, die ich im Büro mache, kann ich genauso gut, wenn nicht sogar noch besser von zu Hause oder in einem Café in Prenzlauer Berg erledigen.

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Ich finde es nicht nur praktisch, sondern auch hilfreich auf dem Weg ins Büro in der U-Bahn schon mal meine Mails zu checken. So weiß ich, worauf ich mich einzustellen habe, kann erste Fragen womöglich schon unterwegs beantworten. Wenn ich nachts eine gute Idee für einen Artikel habe, dann schreibe ich das in ein Dokument, auf das ich zu Hause und im Büro zugreifen kann. Ich halte diese Trennung von Arbeit und Privatem in vielen Bereichen einfach für schwierig. Vielleicht ist das ein Generationending, aber der Begriff Work-Life-Balance ist in meinen Augen nicht mehr gültig, denn er impliziert eine Trennung. Viele Menschen identifizieren sich jedoch stark mit ihrem Beruf, also mit der Tätigkeit, die sie oftmals mindestens 40 Stunden in der Woche ausführen. Es ist nicht zu bestreiten, dass das Arbeitsleben nun mal einen großen und wichtigen Teil des Lebens ausmacht. Work-Life-Balance behandelt beide Begriffe jedoch, als müsse man sie ganz strikt trennen. Als habe man das Arbeitsleben und das normale, private Leben. Meiner Meinung nach sind beide jedoch viel zu sehr miteinander verbunden und ineinander verschlungen, um diese Trennung wirklich durchzuführen. Denn für mich gehört Work nun mal auch zum Life.

Wir müssen flexibler denken!

Es geht mir nicht darum zu sagen, dass man sich in seinem Job aufgeben sollte, dass man immer und überall erreichbar sein sollte, immer verfügbar und auf Abruf. Ich bin aber der Überzeugung, dass man Menschen, die sich in ihrem Job wohl fühlen, die ihn gerne ausüben, nicht in ein enges Acht-Stunden-Korsett zwängen sollte, weil ein Arbeitszeitgesetz das so vorsieht. Wir müssen einfach flexibler in unserer Denkweise werden: Wenn ich am Montag länger arbeite, dann kann ich am Dienstag ja etwas später kommen. Oder wenn ich drei Tage etwas mehr zu tun habe, kann ich ja vielleicht schon am Donnerstag ins Wochenende starten. Und wenn am Freitag dann doch noch Änderungen kommen, bin ich über oben genannte Online-Dienste nicht aus der Welt und muss nicht unbedingt physisch am Schreibtisch in der Redaktion sitzen. Eine Studie über Homeoffice in Deutschland zeigt, dass es anscheinend nicht nur mir so geht: 35 Prozent der Arbeitnehmer*innen würden für mehr Flexibilität und Homeoffice ihrer aktuellen Arbeitsstelle den Rücken kehren. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mittlerweile jedes dritte Unternehmen die Möglichkeit des Von-zu-Hause-Arbeitens anbietet.

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Was mich schon immer irritiert hat: Auch in der Kreativbranche halten viele Unternehmen an dem altbekannten Nine-to-five-Tag fest. Ich kann mich doch aber nicht an den Schreibtisch setzen und sagen: So, jetzt bin ich kreativ. Und um 17 Uhr packe ich meine Sachen und höre auf kreativ zu sein. So läuft das nun mal nicht. Ein Kreativprozess kann nicht erzwungen werden, sondern braucht Zeit. Ich kenne Menschen, die morgens nach dem ersten Kaffee die besten Ideen haben, und wiederum andere haben mitten in der Nacht die Hochphase ihrer kreativen Schaffenskraft. So etwas funktioniert nun mal nicht in dem Acht-Stunden-Rahmen. Freiberufler*innen machen es vor.

Zeit zum Umdenken?

Dass diese Forderung nicht für alle Berufsfelder gelten kann, liegt auf der Hand: In Krankenhäusern muss man durch Dienstplanung sicherstellen, dass genügend Personal für die Patient*innen vor Ort ist – Blut kann man eben schlecht von zu Hause aus über eine App abnehmen. Und dass Menschen in körperlich anstrengenden Berufen, wie zum Beispiel auf dem Bau, nach einer Acht-Stunden-Schicht körperlich am Ende sind, ist offensichtlich. Außerdem bin ich mir dessen bewusst, dass einige Menschen die strikte Trennung von Arbeit und Privatem bevorzugen, dass sie gerne einen geregelten Tagesablauf haben. Dem möchte ich auch gar nicht widersprechen.

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Ich bin jedoch der Meinung, dass wir umdenken, flexibler werden und mit der Zeit gehen müssen. Selbstverständlich muss es Regelungen geben, die dafür sorgen, dass Arbeitgeber*innen ihre Arbeiternehmer*innen nicht ausnutzen. Doch eine Lockerung, eine Öffnung von starren Strukturen, an denen man oft nur festhält, weil das halt schon immer so ist, halte ich für sinnvoll. Außerdem ist der Rat der Wirtschaftsweisen ja zunächst tatsächlich nur ein Rat, eine Anregung. Schauen wir mal, wo uns das noch hinführt.