Warum das Ende einer Freundschaft härter sein kann als das Ende einer Beziehung

Von Freund*innen nehmen wir an, dass sie uns länger als Partner*innen begleiten. Wenn eine Freundschaft dann doch in die Brüche geht, ist das eine ganz besondere Art des Liebeskummers.

Wenn sich Freunde trennen, wiegt das oft schwerer als die Trennung von dem*der Ex. © Timmzie/Photocase

L. hat Mühe, mir zu erklären, was genau passiert ist. Denn L. versteht es einfach selber nicht genau. Sie und C. waren jahrelang gute Freundinnen gewesen. Freundinnen von der Sorte, die man sofort anruft, wenn was ist. Freundinnen von der Sorte, die einem aus Verlegenheit Kekse backen, wenn ihnen ausnahmsweise die Wörter ausgehen.

Eine Freundschaft, so L., in der man sich noch die verborgensten Sehnsüchte offenbart – selbst die, die man sich selber kaum eingesteht. Aber nun ist es aus. Seit zwei Jahren schon. Doch L. versteht es immer noch nicht und kommt über die Trennung von C. nicht hinweg.

Aus und vorbei

Ob es ein bestimmtes Ereignis gegeben hat, dass ihre Freundin C. und sie auseinandergebracht hat, will ich von L. wissen. Aber sie verneint. „Es ging los mit Vorwürfen. Wie zu Teenie-Zeiten: ‚Du hast mich nicht angerufen, als ich durch die Klausur gefallen bin.‘ – ‚Aber ich hab dir auf die Mailbox gesprochen.‘ Ständig. Und dann hatten wir eine Aussprache, aber Wochen später ging es wieder los.”

Und dieser Vorwürfe-Pingpong habe ihr irgendwann ein so dauerhaft schlechtes Gewissen bereitet, dass sie einfach nicht mehr gekonnt hätte. Und sie bekam den Eindruck, dass S. eben auch nicht mehr gewollt hätte. „Und seitdem sind wir auseinander”, seufzt L. und muss etwas grinsen als sie merkt, dass sie über C. redet wie über eine*n Ex.

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„Das ist jetzt zwar schon zwei Jahre her, aber während der Zeit ging auch meine Beziehung in die Brüche. Und ich muss gestehen, dass ich C. mehr vermisse als meinen Ex. Ich vermisse sie jetzt. Und ich werde sie auch weiterhin vermissen. Das bleibt”, erklärt L. und ich frage mich, wie es kommt, dass manche Freundschaften eine so tiefe Scharte in unser Leben schlagen. Auf der anderen Seite hinterlassen manche romantische Beziehungen, selbst wenn sie lange gedauert haben, kaum Wunden.

Liebe und Projektion

Laut der Psychologin Daniela Scholz liegt das am Selbstbild, das uns eine Freundschaft vermittelt. Denn innige Freundschaften geben uns eher das Gefühl, als Person gemocht zu werden. Und eben nicht als jemand, in den man sich auch aus optischen Gründen verliebt hat. Wenn die Freundschaft in die Brüche geht, hätten wir folgerichtig auch eher das Gefühl, uns selbst verloren zu haben.

Wer das verstehen will, muss sich klarmachen, dass in Liebesbeziehungen viel idealisiert und projiziert wird. Einer Liebesbeziehung liegen nicht nur Wünsche darüber zugrunde, was die Beziehung als solche einem geben soll, sondern auch eine ideale Vorstellung des*der Partner*in. Und wenn der *die den Wünschen nicht entspricht, wird im Zweifel an der Idealvorstellung rumgedoktert. In Freundschaften sei das anders, meint die Psychologin. Man werde eher um seiner selbst Willen gemocht. Die Idealvorstellung spielt keine Rolle: „Macken dürfen bleiben”.

Liebes-Aus und Freundschaftsende

Aus diesen Gründen kann auch das Ende einer romantischen Beziehung nach anfänglicher Trauer als Erleichterung empfunden werden. Endlich ist die Anstrengung vorbei. Aber ein Freundschaftsende kann im Vergleich als wahre Ablehnung empfunden werden. Als Ablehnung des Selbst, des Ich, des Menschen als solchen.

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Nach einem Liebes-Aus könne man immer noch so tun, als hätte das nichts mit einem selbst zu tun. Das sieht man exemplarisch an dem Satz: „Das hat nichts mit dir zu tun, aber …” Und den Versicherungen bei Trennungsgesprächen, die andere Person eigentlich wunderbar zu finden, nur eben leider nicht mehr zusammen sein zu können. Freundschaften hören nie so auf. Wenn Freundschaften enden, heißt es, selbst wenn es nicht ausgesprochen wird: Der Grund, warum es aus ist, der bist du. Und das schmerzt.

Trennungsschmerz

Wie schmerzhaft diese Ablehnung erfahren wird, kann man auch an der Exfreundschaft von B. und U. sehen. Die beiden waren beste Freunde, bis U. die Freundschaft einfach aufgekündigt hat, wie es B. heute nennt. „Er meinte, er könne mit meinen Lebensentscheidungen nichts mehr anfangen. Wir wären zu unterschiedlich geworden, ihn würde das belasten.” B. ist immer noch gekränkt, obwohl die Trennung nun auch schon eine Weile her ist: „Meiner Ex hätte ich so einen Spruch noch durchgehen lassen, aber nicht U.!”

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Auch in diesem Fall spielen die Erwartungen an Beziehungen und die Wahrnehmung des eigenen Ich eine entscheidende Rolle, meint Daniela Scholz. An romantische Beziehungen stellen wir in der Regel ziemlich hohe Erwartungen. Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt und unsere Bedürfnisse enttäuscht werden, können wir ganz schön unangenehm werden. Betrug, Raserei, Vorwürfe. Aber da es in Freundschaften in der Regel solche hohen Erwartungen nicht gebe, erlebten Freund*innen diese hässliche Seite an uns nur mittelbar. Und, das ist das Entscheidende, sie bleiben bei uns auch trotz dieser dunklen Seite. Wenn sie dann allerdings doch gehen, dann ist das der große Keulenschlag auf das Ich, der uns nachhaltig kippeln lässt. Denn dann sind definitiv wir selbst gemeint.

Und deswegen kann einen die Abfuhr eines*r Freund*in auch so von den Beinen holen. Nicht zwangsläufig und auch nicht in jedem Fall. Aber wer einen solchen Ich-Tritt schon einmal erlebt hat, wird wissen, wie einschneidend eine Freundschaftstrennung sein kann. Aber dieses Wissen kann auch helfen. Dann nämlich, wenn man sich klarmacht, dass zu einer solchen Trennung auch Trauer gehört. Und dass man sich dafür Zeit nehmen muss. Auch wenn sie nicht alle Wunden heilt.

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