Warum das Hobby ausstirbt

Das Hobby passt nicht mehr in unsere Gegenwart. Wir haben verlernt, etwas nebenher zu machen. Warum das Ende von elektrischen Eisenbahnen und Briefmarkensammlungen uns alle angeht.

Hobbys mutieren zu Statussymbolen. Quelle: StockSnap / CC0


In der neunten Klasse lernte ich, dass in einen Lebenslauf unbedingt auch Angaben zu meinen Hobbys gehörten. Ich schrieb wahrscheinlich Musik, Fußball und Bücher. Auch zehn Jahre später kicke und lese ich noch, aber als Hobbys würde ich es nicht bezeichnen – und ganz sicher nicht in eine Bewerbung schreiben. Denn das Hobby ist altmodisch geworden. Ich habe seit Jahren niemanden unter vierzig von seinen Hobbys erzählen hören. Hobbys sind so uncool wie das Wort uncool. Still und heimlich haben sie sich aus unserer Freizeit gestohlen. Wie kam es dazu?

Das Verschwinden der Hobbys geht mit dem Wandel der Arbeitswelt einher. Hobbys sind geschichtlich ein Phänomen der Freizeit. Und Freizeit gibt es nur als Gegenspieler der Arbeitszeit. Von der spricht man meist erst ab Beginn des industriellen Zeitalters. Die Arbeit folgte dem Takt der Maschinen und der war zu schnell und zu ausdauernd für die Fabrikarbeiter*innen. Krankheiten und Erschöpfung sorgten für eine Schwächung der Produktivität, weshalb ihnen nach und nach mehr Freizeit zugestanden wurde. Alles gut also? Nein. Das sogenannte Freizeitproblem war ein viel diskutiertes Thema seit Ende des 19. Jahrhunderts. Tagsüber kontrollierten die Chef*innen ihre Arbeitnehmer*innen. Für den Feierabend aber fehlten als sinnvoll erachtete Beschäftigungen für die Massen.

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Freizeit = Konsumzeit

Der Kapitalismus fand wie immer eine Lösung: Freizeit wurde zur Konsumzeit. Auch die meisten Hobbys sind Erfindungen der Freizeitindustrie. Vom Wanderschuh über Staffeleien bis zum Briefmarkenalbum – als Einstieg in ein Hobby genügt meist schon der Kauf einer Ausrüstung. Aber anders als etwa teure Reisen oder breite Fernseher diente das Hobby in der Regel nicht dazu, den sozialen Status zu demonstrieren. Im Gegenteil: Hobbys wurden nicht selten allein oder nur in eingeweihten Gruppen betrieben. Das Wort Hobbykeller deutet darauf hin. Es musste sich verstecken: denn im Hobby steckt etwas Subversives, eine unschuldige Sinnlosigkeit. Es lässt sich auf den Konsum ein und stützt damit die Wirtschaft.

Aber es entzieht sich jeder weiteren Forderung, Freizeit vernünftig zu nutzen. Denn das Hobby folgt keinem höheren Zweck außer sich selbst. Es scheint eng verwandt mit dem kindlichen Spielen zu sein. Selbst das Wort kommt ursprünglich von der englischen Bezeichnung für das Spielzeug Steckenpferd. Das Hobby trägt seine Nutzer*innen keinem höheren Ziel entgegen, es bleibt auf der Stelle stehen. Tagsüber mehren Angestellte den Profit ihres Unternehmens, abends schauen sie einer Lok beim Kreiseln zu.

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Angestellte? Ja, ein weiteres Zeichen, dass das Hobby seinem Ende zugeht, ist die zutiefst männliche Konnotation. Typische Beispiele wie Fischen, Modellbau oder der Schützenverein sind alle Männerdomänen. Der Grund ist simpel. Bis heute verbringen mehr Frauen Zeit mit Kindererziehung und Hausarbeit. Männer dagegen verrichteten traditionell mehr Lohnarbeit, demnach hatten sie auch mehr klar von Arbeit getrennte Freizeit. Aber auch das ändert sich. Es heißt, die Zeit der Männer sei vorbei. Sicher jedenfalls geht die Zeit ihrer Spielerei zu Ende.

Keine klaren Grenzen mehr

Denn die Sphären Arbeit und Freizeit vermischen sich zunehmend. Immer mehr Freiberufler*innen beenden ihr Tagwerk je nach Auftragslage – mal gegen Mittag, mal um Mitternacht. Aber auch regulär Angestellten fällt die Trennung von Arbeit und Freizeit schwer. Und zwar nicht nur wegen der weit verbreiteten Forderung, ständig erreichbar zu sein. In Stellenausschreibungen werden nicht mehr nur qualifizierte Arbeitnehmer*innen gesucht, sondern vollständige Menschen, die sich mit ihrer ganzen Individualität für das Unternehmen einsetzen.

Deswegen schreibt heute niemand mehr seine Hobbys in den Lebenslauf: Weil das Hobby die Grenze der eigenen Verfügbarkeit markierte. Aber diese Grenze ist niedergerissen. Die 1968er haben das Private politisiert. Nun wird es abgeschafft. Das Büro verwandelte sich dafür in einen halbprivaten Raum. Es heißt auf dem Google Campus gebe es nicht nur Schwimmbäder, Übernachtungsmöglichkeiten und einen Beach-Volleyball-Platz, sondern auch kostenlose Wäschereien. Selbst der dreckige Schlüpfer braucht nicht mehr zu Hause gewechselt werden.

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Binge-Watching erhöht den Marktwert

„Aber es gibt doch noch Hobbys!“, mögen nun einige einwenden. Schließlich treiben heute immer noch alle Sport, hören Musik und lesen Bücher. Aber sind das noch Hobbys? Nein, dafür ist Freizeit im digitalen Zeitalter zu wichtig für unser Selbstbild. Sie richtet sich fast immer nach außen. Raus aus dem Keller und in die Öffentlichkeit: Vormals arglose Jogger*innen präsentieren ihren Marathon-Rekord auf Facebook. Videospieler*innen streamen ihre Games. Das Longboard avancierte zum Statussymbol dynamischer Endzwanzigjähriger. Selbst lasterhaftes Netflix Binge-Watching gilt als Ausweis der Zugehörigkeit zur kosmopolitischen Bildungselite. Wir sind, was wir tun. Und wir tun eine Menge, um besser zu werden. Langsam verlernen wir die Freude daran, etwas einfach nur so oder nebenbei zu verfolgen. Unser Marktwert bemisst sich nicht mehr allein nach unseren Fähigkeiten. Sondern nach unserem Ich. Und das kennt keinen Feierabend.