Warum das vollgestopfte Bücherregal keine Penisverlängerung ist

Für manche Leser sind Bücher Freunde, keine Statussymbole. Daher geben sie mit vollen Regalen nicht an, sondern lieben das Gefühl, nach ihnen zu greifen, wenn der richtige Moment gekommen ist.

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Mehr als nur Staubfänger, sondern Freunde. © zimt_stern / Photocase.de

In der vergangenen Woche plädierte ze.tt-Redakteurin Josefine Schummeck in dem Artikel „Hört auf, mit vollen Bücherregalen anzugeben!“ für mehr Mut zur literarischen Lücke im heimischen Bücherregal. Autorin Sarah Näher von Hat On Head will nicht auf ihre Lieblinge verzichten – auch nicht auf die ungelesenen. Eine Replik.


Eines vorneweg: Bücher sind Freunde und keine Statussymbole. Nikolai Wassiljewitsch Gogols „Die toten Seelen“ ist keine Penisverlängerung, kein Ersatz für den fehlenden Ferrari und – um mal artig die weibliche Stereotypenschublade aufzuschubsen – auch kein Versuch, die nicht vorhandenen, fetten Diamantklunker an meinen Fingern oder meinem Hals wettzumachen.

Tatsächlich habe ich sage und schreibe drei Anläufe gebraucht, bis ich bei all den russischen Namen soweit durchblickte, dass ich die vollen 528 Seiten Gogols durchackern konnte. Hinterher war ich stolz wie Bolle.

Nichts ist befriedigender, als ein anstrengendes Buch bis zur letzten Seite zu lesen und hinterher zufrieden zu denken, dass es sich doch gelohnt hat. Und sei es nur wegen dieses einen Satzes, der ganz am Ende versteckt zwischen zwei Monsterabsätzen die große Erkenntnis offenbarte.

Ich liebe das.

Sich durchzubeißen, weil ich davon überzeugt bin, dass man sich nur eine Meinung bilden kann, wenn man jeden Buchstaben konzentriert umdreht. Wenn kein Punkt und kein Komma mehr unbeachtet bleibt.

Der richtige Moment

Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ habe ich noch immer nicht zu Ende gelesen. Die alte, schon etwas zerfledderte Ausgabe vom Flohmarkt steht seit rund acht Jahren in meinem Regal. Viermal habe ich bisher versucht, es zu lesen. Jedesmal musste ich feststellen, dass es noch nicht passt. Dass ich einfach nicht reinkomme in diese Geschichte.

Nervig ist das und auch irgendwie frustrierend. In meinem Kopf existiert nämlich die Vorstellung, dass dieses Buch wunderbar zu mir passen müsste. Dass ich in der Handlung eigentlich prima versinken können müsste. Tatsächlich war dies bisher nicht mal ansatzweise der Fall. So geht es mir oft. Diese Bücher stelle ich dann still zurück ins überfüllte Regal und warte auf den richtigen Moment, es erneut zu versuchen. Ich bin mir sicher: Irgendwann werde ich diese Geschichten lieben!

[Außerdem auf ze.tt: Drei Bücher über Geflüchtete, die ihr lesen solltet]

Die Aussage „Bücher sind Freunde“ ist wörtlich zu verstehen. Genauso wenig wie ich Freunde aus meinem Leben streiche, wenn ein Treffen mit ihnen mal nicht ganz so gelungen war oder wie ich amouröse Beziehungen zu Menschen beende, nur weil der erste Kuss möglicherweise etwas irritierend da ungeschickt/feucht/penetrant/etc. pp. war, sortiere ich Bücher nicht aus, nur weil es mit dem Lesen nicht auf Anhieb geklappt hat.

Es gibt nur wenig Bücher, die so richtig mies sind. Der Hauptfehler, den man beim Lesen machen kann, ist wohl eher, das falsche Buch im falschen Moment zu greifen. Wenn ich bis zur Haarspitze verliebt bin und die Gedanken wahnwitzig Achterbahn fahren, möchte ich mich nicht mit der todtraurigen „Anna Karenina“ beschäftigen. Ein Spitzenbuch übrigens – im richtigen Moment.

Das rastlose Gemüt

Bücher ungelesen ins Regal zu stellen, hat also nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass ich mit meinem bahnbrechenden Intellekt angeben will, sondern vielmehr damit, dass ich die Gewissheit schätze, mich vor meiner Regelreihe jederzeit nur etwas nach oben links recken zu müssen, um zu meinem verblichenen Kundera-Exemplar zu gelangen.

Nur für den Fall, dass mir der Sinn plötzlich nicht mehr nach der 50 Cent-Liebesschnulze steht, die ich gerade lese. Das beruhigt mein rastloses Gemüt ungemein. Ein paar Meter entfernt von Dutzenden verschiedenen Geschichten, die mich jederzeit in eine völlig andere Welt entführen können.

Und dann all die schönen, alten Bücher meiner verstorbenen Stiefoma! Auch wenn mich bislang noch nicht das dringende Bedürfnis befiel, die vollständige Werksammlung Schillers oder Goethes in einem Rutsch durchzulesen, gefällt es mir doch, im Bett liegend mit trägem Blick auf die verschnörkelten Ledereinbände zu blicken und mir vorzustellen, wie die bebrillte, grauhaarige Dame auf ihrer zerschlissenen Couch saß und in besagten Schinken las.

Flucht vor der Welt

Was ich mich allerdings nun ersthaft frage: Wieso fühlt man sich von einem vollen Bücherregal eingeschüchtert? Und was bedeutet das für mich, die mehr Bücher besitzt als Angela Merkel Hosenanzüge? Muss ich fortan meine geliebten Wälzer unter dem Bett verstecken, damit sich der Besuch nicht minderwertig fühlt oder mich gar der geisteswissenschaftlichen Protzerei bezichtigt?

Wie kommt man überhaupt darauf, ein volles Bücherregal zum Anlass für Unsicherheiten zu nehmen? Ich für meinen Teil habe weder meine Literatursammlung noch das Turbostaat-Poster in meiner Küche nach dem Kriterium der Außenwirkung gewählt. Wenn ich so darüber nachdenke, gilt das vermutlich für die wenigsten Menschen, die ich kenne.

Also liebe Josefine Schummeck, keine Angst. Ein pralles Bücherregal ist nicht dafür da, Dich zu verunsichern oder meine enorme Klug- und Belesenheit zu beweisen, sondern eher ein Indiz dafür, dass ich gerne jederzeit die Möglichkeit habe, mittels ein paar Buchseiten aus dieser Welt zu entfliehen.

In diesem Sinne: Fröhliches Lesen allseits!