Warum der Women’s March on Washington das Beeindruckendste war, was ich je erlebt habe

Kristina Lunz lebt noch nicht lange in den USA. Am Samstag erlebte sie allerdings ein Land, das sich nicht an einem Populisten als Präsidenten messen lassen will – und gegen ihn und seine Aussagen aufsteht. Für ze.tt schildert sie ihre Eindrücke vom Women’s March on Washington.

Um zwei Uhr morgens klingelt mein Wecker in Brooklyn, New York City. Kurz darauf mache ich mich auf den Weg, um mit einem Bus nach Washington zu reisen. Es ist einer von circa 1.200, die an diesem Samstag in die Hauptstadt der USA fahren. Zu diesem Zeitpunkt hoffe ich, dass der Women’s March on Washington groß werden wird. Ich ahne nicht, dass viele viele Menschen kurz darauf in der Stadt, in der am Tag zuvor ein Populist ins Präsidentenamt eingeführt wurde, Geschichte schreiben werden.

Auf dem Weg zu meinem Bus lerne ich Kelly und Grace kennen. Zwei junge Frauen mit buntbemalten Pappschildern, die mir schnell ihren Grund für die Teilnahme am March erzählen: „Es ist eine historisch wichtige Zeit und ich hoffe, dass wir in Rekordzahlen auflaufen und sie unsere Stimmen hören werden“, erklärt mir Grace.

Überall Frauen mit Plakaten und pinken Pussy Hats

Sie habe es satt, dass die Rechte von Frauen und deren Schutz ständig eingeschränkt sowie vernachlässigt würden. „Ich protestiere heute weil ich mich solidarisch zeigen möchte mit Women of Colour, Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden, und all denjenigen, die vielleicht nicht die Kraft haben, gegen Leute wie Trump aufzustehen“, sagt Kelly.

Schon an der Penn Station in New York City, wo viele der Busse Richtung D.C. abfahren, sind sie nun überall zu sehen: Frauen mit Plakaten und pinken Pussy Hats, einem der Zeichen des Protests. Am Tag zuvor sollen Trump-Befürworter*innen nur 200 Busse gebucht haben, um an der Amtseinführung teilnehmen zu können. Die Bilder mit den halbleeren Rängen vor dem Kapitol kennt nun die ganze Welt. Am 21. Januar, am Tag des Women’s March on Washington, sollten es Hunderttausende werden.

Michael Moore, Scarlett Johansson, Alicia Keys und viele mehr halten Reden

In Washington herrscht eine ausgelassene Stimmung, obwohl uns in der U-Bahn kaum Platz zum Atmen bleibt. Erste „this is what democracy looks like“- Sprechchöre hallen durch die Wagons. Frauen, Männer, Kinder und ältere Menschen aller Hautfarben protestieren heute gemeinsam gegen einen steigenden Populismus, der durch Donald Trump, einem Rassisten und Frauenverachter, verkörpert wird. Es soll einer der friedlichsten Protestmärsche werden, die ich je erlebt habe. Es ist ein intersektioneller Marsch. Denn er erkennt, dass eine Form von Diskriminierung wie Rassismus durch andere Formen, wie Sexismus oder Homophobie, verstärkt wird. Und es ist ein Protestmarsch, der ausschließlich von mehrheitlichen nicht-weißen Frauen organisiert wurde.

Das ist wichtig, denn unsere Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, Frauen seit Jahrtausenden bewusst zu unterdrücken; vor allem nicht-weiße Frauen. Die Organisation des Marches war der erste Akt des Widerstandes, den wir an diesem Tag erleben dürfen. Angela Davis, eine der bekanntesten Bürgerrechtler*innen der USA, die an diesem historischen Tag auch eine bewegende Rede vor Hunderttausenden halten wird, schreibt in ihrem Buch „Freedom is a Constant Struggle“: „Das ist das 21. Jahrhundert und inzwischen sollten wir gelernt haben, dass Führung kein männliches Privileg ist. Es waren von jeher die Frauen, die die Bewegung der Schwarzen organisierten.“

[Außerdem auf ze.tt: Hunderttausende bereiten sich auf Demo nach Trump-Antritt vor]

Halb zehn laufen meine Begleiterinnen und ich Richtung Independence Avenue, wo ab zehn Uhr Redner*innen auf der Bühne sein werden: Angela Davis, die Frauenrechtlerin und Autorin Gloria Steinem, der Filmemacher Michael Moore, die Schauspielerin Scarlett Johansson, Alicia Keys sowie die sechsjährige Sophie Cruz. Sie ist eine Aktivistin, die sich für die Rechte von Immigrant*innen einsetzt. Die Stimmung ist ausgelassen und friedlich. Hoffnung auf Veränderung treibt die Aktivist*innen an. Jordan und Na’ilah erzählen mir, warum sie heute hier sind:

Jordan und Na’ilah. © Kristina Lunz

„Wir marschieren mit, denn es ist wichtig, sich bei Bewegungen zu engagieren, die jene Machtstrukturen bekämpfen wollen, die andere Menschen unterdrücken. Für uns ist der March heute sowohl ermutigend, als auch lehrreich. Hier sind so viele Menschen, die in ihrem täglichen Leben unterdrückt werden und Opfer von Hass und Engstirnigkeit sind, eben jener Hass und jener Fanatismus, der Trump zum Präsidenten machten. Es ist ein wunderbares Gefühl, die vielen Menschen hier zu sehen, die alle gemeinsam gegen diesen Hass und Diskriminierung ein Zeichen setzen wollen.“

Wir haben Mühe, zur Bühne zu kommen. Später erfahre ich, dass viel mehr Menschen kamen als erwartet wurden und die Organisatorinnen die Route des Marches umleiten mussten. Stundenlang ist das Telefonnetz gestört. Dennoch weiß die ganze Welt, was gerade in Washington passiert. Luftaufnahmen und Liveübertragungen des Marches werden verbreitet. Es soll der Beginn einer Bewegung werden. „Power to the people“ rufen die Teilnehmer*innen, die an uns vorbeiziehen.

Ich halte inne und suche Blickkontakt mit Demonstrant*innen, deren Augen voller Entschlossenheit, Widerstand und Hoffnung sind. „Pussies united, cannot be divided“ und „Black lives matter“ rufen Gruppen von ihnen. Das ist Politik und Leidenschaft. Ich habe Gänsehaut und verspüre sehr viel Dankbarkeit und Liebe für die Menschen in einem Land, das mir noch etwas fremd ist.

Pussies united, cannot be divided“

Die wenigsten von uns gehören einer weißen, männlichen, heterosexuellen und reichen „Elite“ an. Wir sind somit alle betroffen, wenn Populist*innen und Nationalist*innen wie Trump eine Wahl gewinnen. Manche mehr und zu lebensgefährlichen Ausmaßen und manche weniger. Und heute halten wir alle zusammen. Trumps Sieg hat bereits für viele eine Zunahme an Gewalt und Angst bedeutet, ist für Opfer sexualisierter Gewalt traumatisierend und für manch andere ein Weckruf gewesen. „Trump hat mich zum Aktivisten gemacht“, lese ich auf einem der Poster.

„Wir sind hier um ‘nasty’ zu sein“

Väter tragen ihre Töchter auf den Schultern, junge Menschen schieben die Rollstühle von älteren durch die Massen. „Her body, her choice“, rufen die Männer. „My body, my choice“, antworten die Mädchen und Frauen. Sprechchöre, die ich sonst nur von bekennenden Feminist*innen kenne, sind hier Konsens. Wir lassen uns nicht den Mund verbieten, wir agieren mit Respekt, Liebe und entschlossenem Widerstand. Millionen von uns.

2.865.075″

Als die Schauspielerin Ashley Judd den Massen „wir sind hier um respektiert zu werden, wir sind hier um ‘nasty’ zu sein“ zuruft und diese mit lautstarkem Applaus antworten, komme ich endlich an der Bühne an. Als ‘nasty’ bezeichnete Donald Trump im Wahlkampf seine Kontrahentin Hillary Clinton und seitdem schreiben sich viele Frauen diese Eigenschaft zugleich als Kompliment, als auch als Kampfansage zu. Daran, dass Clinton mit einem Vorsprung von knapp unter 3 Millionen Stimmen den ‘popular vote’ im Wahlkampf gewann, wird man an diesem Tage auch erinnert. Auf vielen Schildern ist die Zahl „2.865.075“ zu lesen.

Neben mir in der Masse steht Zahrah, sie grinst freundlich, trägt einen Blumenkranz auf ihrem Kopftuch und ein Poster in ihren Händen. „Unapologetic Muslim“ ist darauf zu lesen. Sie sagt: „Ich bin hier, weil ich stolz bin, Muslima zu sein und ich mich nicht dafür entschuldigen muss.“

Zahrah. © Kristina Lunz

Scarlett Johansson hält eine bewegende Rede, in der sie sich für Planned Parenthood ausspricht. Ein medizinischer Dienstleister für sexuelle Gesundheit, der Frauen dabei hilft, autonome Entscheidungen über deren eigenen Körper zu treffen. Trump will Planned Parenthood Gelder streichen, wodurch die Gesundheit vieler Frauen – vor allem armer – auf dem Spiel stehen würde.

„Geschichte kann nicht einfach gelöscht werden wie Internetseiten“, ruft Angela Davis den Menschen zu. Damit bezieht sie sich darauf, dass am Tag der Amtseinführung von Trump viele Themen von der Internetseite der Regierung gelöscht wurden, die während Obamas Präsidentschaft dort einen prominenten Platz hatten: Klimawandel oder Bürgerrechte zum Beispiel, für die Amerikas schwarze Bevölkerung bis Mitte der 1960er Jahre so bitter kämpfen mussten.

Alicia Keys singt „no hate, no bigotry, no Muslim registry“. Die Worte der kleinen Sophie Cruz, die bereits von Nicht-mehr-Präsident Obama als Anerkennung für ihren Einsatz für die Rechte von Immigrant*innen ins Weiße Haus eingeladen wurde, treiben mir Tränen in die Augen. Ihre Eltern sind illegale Einwander*innen aus Mexiko. Die Aktivistin wendet sich in ihrer Rede an die vielen Kinder: „Habt keine Angst, denn ihr seid nicht alleine. Es gibt sehr viele Menschen, deren Herzen voller Liebe sind.“

Und was ist mit Deutschland?

Danach setzen wir uns, eine circa halbe Millionen Menschen, in Bewegung und marschieren durch die Stadt. Insgesamt, die Beteiligung in den USA und weltweit zusammengerechnet, seien es etwa eine Million Teilnehmer*innen gewesen, berichtet die Washington Post. The Hill berichtet dagegen von mindestens drei Millionen Teilnehmer*innen nur in den USA. Die Luftaufnahmen davon geben mir immer noch Gänsehaut. Das, was gestern in Washington, D.C., und auf jedem Kontinent unserer Welt passiert ist, ist ein großartiges und historisches Beispiel von Widerstand, der unsere Gesellschaft verändern wird. Gestern haben wir gesehen, wozu Menschen in der Lage sind, deren fundamentalen Rechte in Gefahr sind. Angela Davis schreibt in ihrem Buch „jede große Veränderung, die je passiert ist, war das Resultat von Massenprotesten.“

Heute ist Tag eins nach den weltweiten Massenprotesten des Women’s March on Washington. Wir brauchen nun einen Plan, wie wir auch in Deutschland und ganz Europa Widerstand gegen Populismus zeigen, denn in diesem Jahr steht viel auf dem Spiel. Wir müssen dafür sorgen, dass es bei uns in Deutschland nach den Wahlen im September erst gar nicht so weit kommt, wie in den USA. Und populistischer Hass und Einschränkung von Menschenrechten gesellschaftsfähig werden. Meine Jugendliebe sang einst: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär’ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt!“

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