Warum diese Frau zwei Jahre in einem Puff gearbeitet hat

Ilan Stephani wächst behütet auf dem Land auf. Ihre Eltern sind Akademiker*innen, sie Jahrgangsbeste in der Schule. Nach dem Abi zieht sie nach Berlin und arbeitet freiwillig in einem Bordell. Warum?

Arbeitete von 19 bis 21 im Bordell: Ilan Stephani © Merav Maroody

Wenn Ilan Stephani, 31, über ihre Kindheit spricht, benutzt sie häufig Wörter wie verkopft oder leistungsorientiert. Sie wächst in einer akademischen Umgebung auf dem Land in Niedersachsen auf. Behütet, aber wenig körperlich. Sie leidet darunter, dass niemand mit ihr über Gefühle spricht.

Auf der Suche nach weiblichen Vorbildern wird sie bei ihrer Deutschlehrerin fündig. Die ist Feministin und lässt Alice Schwarzer statt Goethe lesen. Aus Ilan wird eine glühende Feministin, wie sie sagt, die Schwarzers Positionen übernimmt – und damit auch deren Feindbilder. Vor allem die Prostitution, weil der Mann sich dadurch Macht kauft und die Frau unterdrückt. Zu den Feindbildern gehört auch die Berliner Prostituiertenberatungsstelle Hydra, benannt nach einem vielköpfigen Fabelwesen aus der griechischen Mythologie. Denn Hydra, so sieht es Schwarzer, würde sich mit den Männern solidarisieren.

Damals ahnt Ilan noch nicht, dass ihr Weg in den Puff über Hydra führen wird.

Vom Dorf in den Swingerclub

Sie überspringt eine Klasse und macht als Jahrgangsbeste Abitur. Studieren will sie noch nicht, sondern sich zunächst einmal selbst finden. Also zieht sie für ein Jahr an den Bodensee in ein antroposophisches Jugendseminar. Dort bricht sie das erste Mal mit ihrer Herkunft. Sie lässt den Leistungsgedanken und das Verkopfte ihrer Kindheit und Jugend hinter sich. Sie pflanzt Kartoffeln, schießt Bogen und lernt, dass sie nicht zwangsläufig etwas leisten muss, um ein vollwertiger Mensch zu sein.

Und sie hat ihre erste Beziehung mit einem Mann. Sie geht von Monogamie und Verlässlichkeit aus, er hat Sex mit seiner Cousine. „Seine Mentalität war: ,Hallo, natürlich habe ich mit anderen Frauen Sex.'“ Er erzählt ihr zwar davon, hört aber nicht damit auf. Wenig später ist es vorbei und Ilan lernt eine weitere Lektion:

Männer machen mit ihrem Sex, was sie wollen.“

Dieses Gefühl der Macht will sie auch haben. Sie bekommt es in Berlin, wohin es sie als nächstes zieht. Dort studiert sie Philosophie und Kulturwissenschaften und besucht zum ersten Mal Swingerclubs. Sie hat anonymen Sex und merkt, dass sie das nicht aus der Bahn wirft. Wenn sie an ihren ersten Freund denkt, kommen ihr jetzt solche Gedanken: „Ich hatte heute Nacht Sex mit drei Männern und du nur mit deiner Cousine – wie langweilig.“

Es ging ihr nicht um Rache, sagt Ilan. Sie wollte Sex haben dürfen, mit wem auch immer sie wollte. „Ich wollte nicht mehr das Gefühl haben, die Naive, die Dumme zu sein.“

Der Hydra ins Gesicht sehen

Noch immer spukt Hydra in ihrem Kopf herum und sie googelt die Beratungsstelle. Auf der Website erfährt sie von einem Frauenfrühstück, bei dem jede*r kommen darf. Sie will es mit eigenen Augen sehen und macht sich mit einem Gefühl von Überlegenheit und den Gedanken an Alice Schwarzer auf den Weg. Doch dann sitzt sie bei Marmeladenbrötchen und Kaffee Frauen gegenüber, die Jeans und Sneaker tragen und sie anlächeln. Sie sprechen über den Urlaub in Portugal oder die richtige Schule für die Kinder.

Sie fragt sich, wo die Grenze zwischen Turnschuhen und Strapse ist, zwischen normaler Welt und Rotlichtmilieu. Vielleicht gibt es diesen Unterschied gar nicht? Sie merkt, dass Prostitution sie zu reizen beginnt, irgendetwas arbeitet in ihr.

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Zwei Wochen nach dem Frühstück lässt sie sich bei der Hydra beraten. „Stell dir vor, du sitzt in der S-Bahn und du würdest mit jedem zweiten Mann Sex haben. Wie ist das?“, fragt die Mitarbeiterin. Ilan überlegt kurz. „Ich trau es mir zu“, sagt sie. Durch die Erfahrungen im Swingerclub fühlt sie sich gewappnet für bezahlten Sex mit Fremden.

Mit einer Adresse eines Bordells, das gute Arbeit mache, verlässt Ilan die Beratungsstelle.

Aus Ilan wird Paula

Eine Woche später radelt die damals 19-Jährige zum empfohlenen Puff. Das Kamilla la Dee liegt im bürgerlichen Westen Berlins, in Wilmersdorf. Schon als sich die Tür öffnet, verliebt sich Ilan in ihr neues Leben: eine warme Wohnung, lange Gänge, Musik im Hintergrund. Im Aufenthaltsraum sitzen Frauen in Bademänteln, Waschmaschinen fiepen, Telefone klingeln, dann und wann geht die Eingangstür auf und der nächste Freier kommt.

Ilan bleibt da. Heute soll es passieren. Sie wählt einen Namen fürs Bordell, der noch nicht vergeben ist: Paula. Dann verpassen ihre Kolleginnen ihr Make-up, High Heels und durchsichtige Kleider.

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Ihr erster Freier ist ein Mann um die 40, klein, mit Brille und Jacket. Nach dem Duschen sitzt er nackt auf dem Bett und alles geht wie von allein. Sie gleitet mit ihren Händen zwischen seine Beine, er stöhnt. Dann rollt sie das Kondom über seinen Penis und setzt sich darauf. Nach wenigen Minuten kommt er.

Der Mann bedankt sich und beginnt dann von seinem Vater zu erzählen, der im Sterben liegt. Ilan nickt und hört zu. Ihr kommt ein Spruch in den Sinn, den sie schon mal gehört hat: „Jede Prostituierte ist auch therapeutisch tätig.“

Als der Mann sich angezogen hat und gegangen ist, schließt sich Ilan im Badezimmer ein. Sie blickt in den Spiegel. Fühlt sie sich anders? Doch sie merkt keinen Unterschied. Nur innere Ruhe. Und das Gefühl, wichtig zu sein. Das ist neu für sie. In ihrer Familie gilt: Je älter und studierter du bist, desto wertvoller bist du. Hier ist sie plötzlich auf Augenhöhe. „Es war dem Mann nicht egal, ob er es der Wand erzählt, dass sein Vater sterben wird oder mir“, sagt sie.

Der Reiz des Bordells

Von diesem Tag arbeitet sie ein- bis zweimal die Woche dort, meistens von 10 bis 16:30 Uhr. In dieser Zeit hat sie drei bis vier Freier. Eine halbe Stunde Sex kostet 80 Euro, 30 davon sind Servicegebühr, 50 behält sie. Es gibt keinen Zuhälter, keinen Zwang zu arbeiten und wenn sie keine Lust auf einen Freier hat, lehnt sie ihn ab. „Ich war in meinem Element“, sagt sie.

Für Ilan sind die Tage im Puff eine unglaublich dichte Erfahrung. Es ist ein Rausch aus Menschen, Eindrücken, Erlebnissen. Wenn sie nicht in den Vorlesungen sitzt, arbeitet sie im Bordell. Ihre Herkunft ist ihr großes Plus. Sie spielt eine Rolle, die sie perfekt kennt: die Tochter aus gutem Hause. Wenn die Männer reden, schweigt und lächelt sie, nickt, hört zu. Sie hat Freier, die immer wieder zu ihr kommen, weil sie genau das an ihr schätzen.

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Der Sex im Puff ist selten besonders, aber auch nicht unbedingt schlechter als außerhalb. Vom Studenten bis zum Familienvater kommen alle Typen von Männern. Dass sie dafür bezahlen, bezeichnet sie als eine Art Energieaustausch. Ilan liebt ihre Kolleginnen. „Das waren für mich keine Konkurrentinnen, sondern weibliche Vorbilder“, sagt sie. Gemeinsam bestellen sie Sushi, plaudern, aber haben auch ein Gespür dafür, wenn die andere ihre Ruhe braucht, weil sie sich über ihren Abschlusszeichnungen für die Architekturprüfungen beugt. „So eine Loyalität habe ich nie wieder erlebt“, sagt sie.

Ilan saugt alles auf, der Puff gibt ihr Abgebrühtheit, macht sie erfahrener und ruhiger. „Ich hatte das Gefühl von ,Ich kenn die ganze Welt'“, sagt sie.

Anruf zu Hause

Ilan arbeitet in einer legalen Schattenwelt, die weit weg von ihrer akademischen, pastoralen Großfamilie ist. Seit Hunderten Jahren studiert der älteste Sohn immer Theologie. Die Frauen heiraten, bekommen Kinder und lieben ihren Mann. Von dieser Welt will Ilan sich um jeden Preis abgrenzen. „Wenn ich nicht im Bordell gearbeitet hätte, hätte ich wahrscheinlich durch Drogen rebelliert“, sagt sie. „Es war für mich sehr, sehr wichtig, dort die Bombe platzen zu lassen“, sagt sie. „Ich wollte es meinen Eltern sagen.“ Deshalb entschließt sie sich, sie anzurufen.

Zunächst ist es ein normales Telefonat mit der Mutter. Wie es so geht, ob Ilan sich eingelebt hätte, fragt die Mutter. Und irgendwann sagt ihre Tochter es:

„Ach, übrigens, ich bin mal einen Tag im Puff mitgelaufen. Ich hatte Sex gegen Geld.“
„Äh, okay, damit hab ich jetzt nicht gerechnet.“
„Überraschung, Mama.“
„Okay, da muss ich mal drüber nachdenken.“

Kein Entsetzen, kein vorwurfsvolles Schweigen. Die Mutter reicht den Hörer weiter und Ilan erzählt dieselbe Geschichte ihrem Vater.

„Wenn du das nur für Geld machst, dann lass uns reden, wir geben dir alles, was du brauchst.“
„Deswegen mache ich es nicht, Papa.“

Ihre Eltern reagieren ihrer Herkunft entsprechend: akademisch und höflich. Nach dem Telefonat schreibt sie ihnen einen Brief und erklärt, dass es ihr gut gehe und sie sich keine Sorgen machen müssten. Als sie das nächste Mal nach Hause fährt, fragt sie sich, ob ihre Eltern fremdeln werden. Doch bei ihrer Ankunft nehmen sie ihre Tochter genauso in den Arm wie immer.

Ego-Kick im Tantra-Seminar

An der Uni lässt sie es langsam auslaufen. „Ich hatte nie das Gefühl, ich brauch eine Berufsausbildung, sonst bin ich niemand“, sagt sie. Sie geht in der Prostitution auf. Doch sie merkt auch, wie es sie anstrengt, mehr als vier Freier zu haben – vor allem emotional. Sich auf jeden einzustellen, seine Meinung nicht sagen zu dürfen und immer zu lächeln. Druck lässt sie wie alle Kolleginnen ab, wenn die Freier wieder weg sind. „Männerverachtend war keine, aber wir haben viel gelästert“, sagt sie.

Nach etwa zwei Jahren im Kamilla la Dee macht sie eine Erfahrung, die ihre Zeit im Puff beenden wird. Sie landet zufällig in einem Tantra-Seminar. Ursprünglich geht sie hin und denkt sich: „Ihr könnt mir überhaupt nichts Neues sagen.“ Sie will sich einen Ego-Kick holen.

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Als sie auf dem Rücken liegt und eine fremde Frau mit ihrer Hand in ihre Vagina gleitet, spürt sie zunächst nichts. Doch dann gelingt es ihr, mehr und mehr loszulassen. Ihr Gefühl für Zeit verschwimmt, sie spürt die rhythmischen, weichen Bewegungen. Ihr Körper wird weicher und wärmer, sie beginnt zu lachen und kann nicht mehr aufhören. „An diesem Tag habe ich mehr über Sex gelernt als in zwei Jahren Prostitution“, sagt sie.

Diese Erfahrung arbeitet in ihr. Im Puff schleicht sich Routine ein, Freier kommen und gehen, Ilan beginnt sich zu langweilen. Alles wirkt banal und durchsichtig. Eines Tages begleitet sie einen Freier zur Tür, blickt ihm hinterher und weiß: „Das war’s.“

Tantra und Slow Sex

Nach ihrer Kündigung taucht sie in die Tantraszene ein und macht eine Ausbildung zur Heilpraktikerin Psychotherapie. Zwei Jahre nachdem sie im Puff aufgehört hat, lernt sie ihren jetzigen Freund Mari bei einem Meditationsseminar kennen. Sie sprechen über Geschlechterrollen. Mari sagt, dass ihn die Vorstellungen typisch männlicher Sexualität nerven würden und Ilan horcht auf.

Ist da jemand, dem es nicht nur darum geht, seinen steifen Penis in eine Vagina zu stecken und nach rund 20 Minuten abzuspritzen? Die beiden kommen sich näher und experimentieren bald mit Slow Sex. Mari und sie liegen mit ineinander verkeilten Becken stundenlang da – während sein Penis in ihrer Vagina steckt. Keiner von beiden bewegt sich. Erst passiert nichts, außer dass sie einschlafen und ihre Körper zu schmerzen beginnen.

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Doch nach einigen Versuchen beginnt es, in ihrer Vagina zu pochen. Das Ziehen ist so stark, dass sie abwechselnd lacht und weint. Das ist er also, der Sex, den sie sich immer gewünscht hat. Kein stumpfes Rein-Raus, kein Müssen – weder von ihr noch vom Mann. Über den Umweg im Bordell hat Ilan schließlich den Weg zu ihrem Körper gefunden.

Diese Art, den eigenen Körper wahrzunehmen, gibt Ilan nun in Seminaren weiter. Dort hilft sie Frauen, sich auf sich selbst einzulassen, sich zu erspüren, loszulassen – und nichts leisten zu müssen.


Ilan Stephani hat über ihre Zeit im Bordell ein Buch geschrieben. Es heißt: Lieb und teuer – Was ich im Puff über das Leben gelernt habe

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