Warum eine Lehrerin ihrer Klasse sagte, dass sie eine Frau liebt

Es kann beängstigend sein, über gleichgeschlechtliche Partner*innen zu sprechen. Manchmal gibt es aber auch mehr Verständnis als erwartet. Das zeigt das Beispiel einer Realschullehrerin aus Sachsen.

"Ich hab gespürt, dass sie über mich reden", erzählt Daniela (nicht im Bild). Symbolbild © Marijan Murat / dpa

Dani sieht ihre künftige Frau Anna das erste Mal an einem sonnigen Nachmittag im September. Anna hatte Dani wenige Tage zuvor bei Facebook angeschrieben. Sie will für sich und ihre Freundin ein Pärchenshooting bei der Hobbyfotografin Dani buchen. Erst schreiben sie über Facebook Nachrichten übers Fotografieren, denn auch Anna fotografiert gern. Sie tauschen Handynummern aus, verlegen die Gespräche auf WhatsApp.

Schnell geht es um ihr Alter, ihre Berufe, Musik und Filme, die sie mögen. Dani ist froh, endlich jemanden platonisch kennenzulernen, denn sie ist für ihren Job an einer Realschule erst vor wenigen Wochen aus Bayern nach Görlitz in Sachsen gezogen. Die beiden verabreden sich für ein Treffen an einem See. Sie wollen gemeinsam fotografieren. „Irgendwie war ich da schon recht nervös. Ich fühlte mich, als würde ich zu einem Date fahren“, erzählt Dani, 30, heute.

Aber es ist keins, zumindest kein geplantes. Anna, 28, hat eine Freundin, Dani war bisher nur mit Männer zusammen, mit einem von ihnen sieben Jahre lang. Die Beziehung zu einer Frau schließt sie aber nicht aus, wie sie sagt. „Ich hab für mich schon immer gesagt, dass ich mich nicht auf ein Geschlecht festlege.“

Das erste Treffen

Dani wartet in ihrem Auto auf einem Parkplatz auf Anna. Als die mit einer Zigarette im Mund grinsend neben ihr parkt, ist Dani klar, was sie will. „Genau in diesem Moment war ich in sie verliebt“, sagt Dani. „Ich dachte keine Sekunde darüber nach, dass es eine Frau war, ich war einfach verliebt.“ Für sie ist in diesem Moment klar, dass sie mit Anna den Rest ihres Lebens verbringen möchte.

Sie umarmen sich zur Begrüßung, ziehen mit ihren Kameras los, fotografieren sich gegenseitig, sehen sich gemeinsam den Sonnenuntergang an. Dann fahren beide nach Hause. Dani ist glücklich, weil sie sich im realen Leben ebenso gut verstehen, wie beim Chatten. Sie ist verknallt, aber ob mehr daraus wird, ist noch unklar.

Zwei Tage später treffen sie sich erneut – dieses Mal in Dresden. Dani bringt ihren Hund mit und ist erfreut, dass Katzenmensch Anna so gut mit dem Tier klar kommt. Sie sitzen an der Elbe und sprechen darüber, wie eine Beziehung zwischen ihnen laufen könnte. Beide merken, dass zwischen ihnen mehr ist als nur Sympathie. Am selben Abend macht Anna mit ihrer Freundin Schluss. Einen Tag später kommen Dani und sie zusammen. „Das ging alles wahnsinnig schnell und war auch für mich unerwartet“, sagt Dani.

„Ich bin mit einer Frau zusammen“

Freund*innen und Familie freuen sich für sie und ihr neues Glück. Am Arbeitsplatz ist ihre Beziehung jedoch noch kein Thema. Die Schule, an der sie unterrichtet, liegt in einem Dorf 30 Kilometer nördlich von Görlitz an der polnischen Grenze. Doch als sie an einem Freitagmorgen ins Klassenzimmer der 7b kommt, merkt sie, dass etwas anders ist als sonst. Sie sieht die fragenden Blicke, sie hört das Tuscheln der Schüler. Sie schnappt die Wörter Görlitz, Frau und Küssen auf. 

Schnell ist ihr klar: Jemand aus der Klasse hat sie am Tag zuvor mit Anna in Görlitz gesehen. Soll sie der Klasse erzählen, dass sie mit ihr zusammen ist, dass es egal ist, ob jemand Mann oder Frau liebt? Sie ist nervös.

Man weiß ja nicht, wie die Klasse reagiert, denn Kinder können grausam sein.“ – Dani

Doch sie überlegt nicht lange. „Mir fällt auf, dass ihr über mich sprecht. Ich möchte euch was sagen. Ich bin mit einer Frau zusammen.“ Niemand sagt etwas. Alle blicken sie an. Dani sagt: „Ihr wisst ja, dass es verschiedene Formen von Sexualität gibt.“ Sie erwähnt die lesbische YouTuberin Melina Sophie. Einige nicken. „Vielleicht kennt ihr sowas ja auch aus eurem Bekanntenkreis.“ Wieder Nicken. Jemand meldet sich und sagt, dass sein Onkel schwul sei. „Und was ist, wenn Sie Kinder wollen“, fragt ein Junge. „Ich möchte keine, deshalb ist das kein Problem.“ Dani spürt das Interesse und dass die Kinder es akzeptieren.

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„Hätte ich es nicht erzählt, wäre das Gerede groß gewesen“, glaubt Dani. „Lieber spiele ich mit offenen Karten, als dass ständig hinter meinem Rücken gesprochen wird.“ Angst vor negativen Reaktionen habe sie keine gehabt, erzählt sie. „Es wäre schlimm gewesen, wenn die Schüler mich abgelehnt hätten, wenn sie mich verurteilt hätten“, sagt sie, „aber mir war klar, dass das die richtige Entscheidung war.“

Auch in den anderen Klassen, die sie an diesem Tag hat, spricht sie über ihre Beziehung. Wieder sind die Reaktionen positiv. Im Lehrerzimmer ist ihre Freundin bis dahin noch kein Thema gewesen. Die meisten ihrer 22 Kolleg*innen sind zwischen 50 und 60. Als sie einige Monate später Geburtstag hat, bringt sie Häppchen mit, die Anna gemacht hat. Sie erwähnt, dass ihre Freundin sie zubereitet hat. „Es gab einige überraschte Gesichter und ein, zwei Leute, die ‚Ah, okay‘ gesagt haben.“ Aber auch hier gibt es keine negativen Reaktionen. „Ich weiß natürlich nicht, was hinter meinem Rücken gesagt wird, aber ich glaube, alle akzeptieren es.“

Vorbild für andere?

Dani denkt, dass es gut ist, in der Schule auch Privates preiszugeben. „Das macht Lehrer nahbarer und verbessert das Verhältnis zu den Schülern“, sagt sie. Dennoch war auch sie überrascht von den positiven Reaktionen, die in ländlichen Gegend leider nicht selbstverständlich sind. „Vielleicht ist es, weil die Menschen hier konfessionslos sind“, sagt Dani und denkt an ihre Heimat Bayern. „Dort würde ich das nicht unbedingt machen.“

Dann erzählt sie von einem befreundeten Lehrer, der schwul ist und aus Bayern nach Berlin gezogen ist, damit er endlich in der Öffentlichkeit Händchen halten kann. „Ich glaube schon, dass gerade an Schulen und Kindergärten Beziehungen zwischen Frauen eher akzeptiert werden als schwule Pärchen.“ Schwul sein werde von Unwissenden leider häufig mit Pädophilie gleichgesetzt, vermutet sie.

Dennoch ist Dani überzeugt, dass man vielen unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen kann, wenn man mit dem Thema offen umgeht. „Ich würde das auch anderen Leuten raten“, sagt sie, „aber es ist eine Gratwanderung, jeder muss da seinen Weg finden.“ Für sie sei es als Lehrerin wichtig, authentisch zu sein. „Das ist in diesem Beruf sehr wichtig“, meint sie. Und wer gar nichts Privates preisgebe, mache sich angreifbarer.

Luftballons zur Trauung

Genau ein Jahr nachdem sich Anna und Dani die erste Facebooknachricht geschrieben haben, heiraten sie. Dani hat für diesen Tag dienstfrei bekommen. Auch ihre Klassen und das Kollegium wissen von der Hochzeit. Als sie am Tag nach der Heirat in die Schule kommt, ist sie dennoch überwältigt. Die Kolleg*innen beglückwünschen sie, von ihrer fünften Klasse bekommt sie Geschenke, Pflanzen und selbstgebastelte Glückwunschkarten. Manche Eltern haben ihren Kindern Blumensträuße für das Paar mitgegeben.

Die neunte Klasse holt sie später aus dem Unterricht und jede*r überreicht ihr einen Luftballon in Herzform, umarmt sie und sagt „Herzlichen Glückwunsch“. Als sie an diesem Tag nach der Schule nach Hause fährt ist ihr Kofferraum voller Luftballons und Dani sehr gerührt von den Reaktionen ihrer Schule. „Es war die richtige Entscheidung, ich selbst zu sein und dazu zu stehen“, sagt sie, „denn ein Versteckspiel wäre für mich keine Option gewesen.“

Hinweis: Auch wenn Dani es als Heirat bezeichnet, ist in Deutschland bis dato keine gleichgeschlechtliche Ehe möglich. Seit 2001 können Lesben und Schwule in Deutschland eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, die der heterosexuellen Ehe allerdings nicht komplett gleichgestellt ist – zum Beispiel bei Adoptionen.