Warum Emmanuel Macron als französischer Obama gilt

Emmanuel Macron ist jung, ein brillianter Redner und politisch unbefleckt. Und er hat sich einiges beim ehemaligen US-Präsidenten Obama abgeschaut. Ein Vergleich. 

Macron gilt als der französische Obama. Aber kann er dem Vergleich standhalten? © JEAN-FRANCOIS MONIER/AFP/Getty Images

Noch sind es knapp sieben Wochen bis zur französischen Präsidentschaftswahl – und Emmanuel Macron mausert sich mehr und mehr zum Favoriten. In einer Umfrage vom 6. März liegt er drei Prozentpunkte hinter Marine Le Pen, die auf 27 Prozent kommt. Mit diesem Ergebnis würden beide in der Stichwahl am 7. Mai gegeneinander antreten.

Der Aufstieg von Macron sei kometenhaft, sagt der Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, Frank Baasner. Er sei vor allem aber überraschend. Macron ist als Einzelgänger gestartet: anfangs kein Parteiprogramm, nur wenig Verbündete, dafür schon Erfahrung als Wirtschaftsminister, ausgebildet an Elitehochschulen. Und das womöglich Wichtigste: Marcon ist jung, intelligent und ehrgeizig.

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Seine Bewegung En Marche ist noch nicht einmal ein Jahr alt, zählt aber schon knapp 200.000 Unterzeichner*innen – eine der erfolgreichsten, wenn nicht die erfolgreichste politische Vereinigung bislang. Macron reagierte auf die Stimmung in Frankreich, wollte sich abheben – und setzt in seiner Kampagne auf viele Elemente, die wir schon aus einem anderen Wahlkampf kennen: dem von Barack Obama.

Frankreich-Experte Baasner sieht deutliche Parallelen: „Beide sind Persönlichkeiten, die mit viel Strahlkraft die Menschen in ihren Ländern faszinieren.“ Sie seien fähig, mit Überzeugung und Enthusiasmus in die Zukunft zu schauen. „Beide stehen für einen Wechsel: Obama als erster farbiger Präsident, Macron als erster chancenreicher Kandidat der jungen Generation“, sagt Baasner. Aber das sei nicht alles: „Beide sind brillante Redner.“

Die französisch-israelische Journalistin Laurence Haïm, die mittlerweile ihren Job als US-Korrespondentin bei einem französischen Sender aufgegeben hat, um den Wahlkampf von Emmanuel Macron zu unterstützen, sagte unlängst, dass Macron „der französische Obama“ sei. Die Euphorie erinnere sie an Obamas Wahlkampf von 2008. Aber wo liegen die Parallelen?

Wie Barack Obama Wahlkampf gemacht hat

Barack Obama setzte auf die Menschen als Wahlkämpfer*innen und Unterstützer*innen. Dafür baute sein Wahlkampf insbesondere aufs Internet: Obama kommunizierte via Social Media direkt mit seinen Anhänger*innen, übers Netz erzielte sein Team nicht nur die meisten Spendeneinnahmen, mit ihrem Online-Wahlkampf gelang es ihnen, dass sich Gruppen in den einzelnen Landesteilen formierten, die später dann an den Türen klopften. Obama schaffte es mit einer gelungenen Online-Kampagne, den Offline-Wahlkampf gewinnbringend zu stärken.

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Aber nicht nur das: Das Team wertete massig Online-Daten aus und analysierte sie dahingehend, wer als zukünftige Helfer*in nützlich sein konnte. So wurde eine Wahlkampfmaschinerie in Gang gesetzt, die sich rasch über das Land verbreitete.

Der Clou: Es waren nicht Politiker*innen, die von Tür zu Tür gingen oder bei potentiellen Wähler*innen anriefen, sondern Mitbürger*innen – Menschen wie wir, die aktiv an der Politik mitwirken, sie plötzlich wieder cool machen. Und für den Kandidaten ist das deutlich billiger und effektiver als eine Vielzahl von überteuerten Wahlwerbespots.

Welche Elemente Emmanuel Macron nutzt

Macron profitiert von einer Wechselstimmung im Land und der Wut auf die Elite. Obwohl er ihr selbst angehört, weiß er diese Wut geschickt zu nutzen. Auch, weil er ähnlich wie Obama politisch noch nicht übermäßig in Erscheinung getreten ist.

Sein Team und er setzen auf Facebook als Kommunikations- und Informationstool, das Nähe zu seinen Anhänger*innen und potenziellen Wähler*innen herstellen soll: „Mein Vertrag mit der Nation“ heißt es da seit Kurzem. In diesem Vertrag, stellt Macron dar, was seine Ziele als Präsident sein werden: mehr Europa, weniger Arbeitslose, mehr Polizist*innen, weniger Abgeordnete in den Kammern.

Und das kommt an: Auf Twitter hat der Franzose mittlerweile 532.000 Follower, auf Facebook sind es über 190.000 Fans. Die Vorstellung seines Wahlprogramms am Donnerstag wurde live auf Facebook gezeigt, künftige Veranstaltungen angekündigt.

Es ist wie schon bei Obama: Macron setzt auf die Menschen – als Wahlkämpfer*innen und Anhänger*innen – für ihn und seine Sache, ohne dass er sich über sie stellt. Durch die Art seiner Auftritte, die Ansprache auf den Social-Media-Kanälen erzeugt er ein Wir-Gefühl.

Das und seine Persönlichkeit haben noch einen anderen Effekt: Vor allem junge Menschen interessieren sich wieder für Politik und nehmen sich teilweise einen ganzen Sommer frei, um für ihn Wahlkampf zu machen. Wie Obama setzt auch Macron auf eine Tür-zu-Tür-Kampagne, bei der seine Anhänger*innen weniger eine Botschaft verbreiten und große Reden schwingen wollen, sondern zuhören.

So können schnell Barrieren gebrochen werden. 25.000 Freiwillige haben im vergangenen Jahr an Türen geklopft, Fragen gestellt, die Bögen analysiert und so unter anderem festgestellt, wo die größten Probleme liegen und was sich die Menschen wünschen. Anders als in den USA können aber nicht flächendeckend E-Mails verschickt werden, um mögliche Unterstützer*innen anzusprechen oder nach Spenden zu fragen. Denn so eine Kampagne ist nicht billig: Schätzungen zufolge könnte alleine die Tür-zu-Tür-Kampagne von Obama schon bis zu 20 Millionen Euro gekostet haben.

Zu Macrons Wahlkampfauftakt im Lyoner Palais de Sport kamen über 10.000 Menschen – und riefen immer wieder „Président, Président!“, während sie Frankreich- und Europaflaggen schwenkten. Zum Vergleich: Zu seiner Kontrahentin Marine Le Pen, die nur wenige Kilometer von ihm sprach, kamen gerade einmal 3.000 Anhänger. Ähnlich wie Obama elektrisiert Macron viele Menschen, die glauben, dass sich in der französischen Politik endlich wieder etwas ändern kann.

Wie sich Macron noch verbessern kann

Macron hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er Menschen für seine Person und für Politik begeistern kann – ohne Wahlprogramm, nur mit vagen Andeutungen, wofür er steht.

Der schwierigste Schritt wird sein: Sollte er Präsident werden, muss er versuchen, bei den Parlamentswahlen, die in diesem Jahr auch noch anstehen, eine Mehrheit zu bekommen und das ohne gefestigte Parteistrukturen.

Denn die fehlen ihm schlicht: Bei seinen Anhänger*innen kommt das momentan an, aber damit und ohne politisches Personal kann man kaum ernsthafte Politik machen. Er muss also schon jetzt während des Hypes um ihn daran denken, Strukturen zu etablieren, die ihn regierungsfähig machen. „Aber das ist ihm durchaus zuzutrauen,“ sagte Frankreich-Experte Baasner.