Warum es eine gute Erfahrung ist, alleine auf ein Festival zu gehen

Unsere Autorin unternimmt immer alles mit ihren Freund*innen. Doch niemand mochte mit zu dem Festival, zu dem sie schon immer wollte. Also macht sie sich alleine auf den Weg.

Macht auch so Bock. © Julia Kleene

Mit einem leicht nervösen Gefühl im Magen steige ich alleine in die Bahn. Dieses Wochenende verbringe ich auf dem Summerjam Festival in Köln. Alleine. Das war zumindest die Ausgangslage.

Jede*r kennt wahrscheinlich diese Situation: Du möchtest unbedingt zu irgendeinem Konzert, Event oder Festival, aber niemand aus deinem Freundeskreis hat Zeit, Geld oder Lust. Aber zu Hause bleiben, weil gesellschaftliche Zwänge es für einsam und verzweifelt halten, wenn du etwas alleine unternimmst? Ständig geht es doch darum, besonders individuell zu sein und sich vom Mainstream abzugrenzen. Doch am Ende herrscht bei vielen immer noch eine große Hemmschwelle, sich alleine ins Abenteuer zu stürzen.

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Genau diese Hemmschwelle will ich überwinden. Schon auf dem Weg lerne ich zahlreiche Menschen kennen, an deren Äußerem sich leicht erkennen lässt, dass sie auch zum Festival wollen. Wenn ich erzähle, dass ich alleine hinfahre, werde ich oft gefragt, ob ich mich gerade von meinem Freund getrennt habe. Anscheinend wirke ich doch recht verzweifelt.

Erst mal ein Bier. © Julia Kleene

Sympathie auf den ersten Blick

Auf dem Campingplatz angekommen, finde ich mit Leichtigkeit einen Platz für mein kleines Zelt. Schwieriger wird es beim Aufbauen. Doch die Nachbarschaft zeigt sich hilfsbereit und es wird direkt klar, mit wem ich die nächsten Tage rumhängen werde.

Der Pavillon nebenan wird während des durchgängigen Regens zum Versammlungspunkt für alle Camper*innen in einem Umkreis von 20 Metern. Und nach einigen Stunden, in denen wir zusammen Musik hören, Bier trinken und reden, habe ich das Gefühl, die Leute schon ewig zu kennen.

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Das gesamte Wochenende erwerbe ich durch meine Nachbarschaft neue Kompetenzen und lerne einiges dazu: wie man richtig pöbelt, warum sich nur Ibuprofen mit Alkohol verträgt und wie man ein Wurfzelt richtig einpackt. Mir persönlich ist es leichter gefallen, ausgelassen mit fremden Menschen zu feiern, da ich sie höchstwahrscheinlich nie wiedersehen werde. Einmal aus der Komfortzone rausgekommen, erscheint es mir plötzlich so einfach, andere anzusprechen und über Gott und die Welt zu reden.

Die Nachbar*innen hatten alles dabei. © Julia Kleene

Drei Tage die gleichen Socken – wen interessiert’s?

Ich denke, dass es nirgendwo einfacher ist, so schnell so entspannte Menschen kennenzulernen, wie auf einem Reggae-Festival. Und wenn du keine Lust mehr auf den Trubel hast? Dann kannst du dich einfach in dein Zelt legen und eine Runde schlafen, ohne dass dich jemand dafür verurteilt oder nervt. Du kannst zu jedem Act gehen und musst dich in deinen Entscheidungen nach niemandem richten und keine Kompromisse machen. Auch stört sich niemand daran, wenn du drei Tage die gleichen Socken trägst. Und wenn du alleine tanzen willst, ohne mit jemandem reden zu müssen? Überhaupt kein Problem.

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Auf dem Rückweg kam ich in der Bahn mit einem Münchner ins Gespräch, der oft alleine auf Festivals geht. Warum er das macht? „Wenn ich alleine unterwegs bin, bin ich komplett frei und kann immer genau das machen, worauf ich Lust habe.“

Das fasst ganz gut zusammen, wie ich dieses Wochenende erlebt habe. Ich nehme mir in Zukunft vor, öfter aus meiner Komfortzone zu kommen. Denn auch wenn alles schiefgehen sollte, war es am Ende doch wenigstens die Erfahrung wert.

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