Warum es gut ist, hin und wieder allein zu sein

Wer nicht hin und wieder allein sein kann, bei dem kommen viele wichtige Sachen zu kurz. Von Kreativität über geistige Hygiene bis hin zu gutem Sex.

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Ab und zu mal Zeit mit sich verbringen. © zebrafarben / photocase.de

Die neuere Moderne hat vieles verändert, einiges verbessert und ein paar Dinge praktisch ganz abgeschafft. Zu Letzterem gehört das Alleinsein. Und das nicht nur, weil man als Herdentier eigentlich ständig Leute um sich hat. Vielmehr sind im Zeitalter der Vernetzung andere Menschen wortwörtlich nur maximal einen Knopfdruck (oder einen uneingeladenen Push) entfernt. Das ist ein Problem.

Die Kollegen von „Fast Company“ haben zusammengetragen, warum das Alleinsein so wichtig ist — und wie es überhaupt funktioniert.

Jeden zweiten Menschen kostet Gesellschaft Kraft

Es gibt zwei Arten von Persönlichkeiten: Extrovertierte Menschen gewinnen geistige und emotionale Kraft durch den Kontakt mit anderen Menschen. Introvertierte Leute dagegen geben in sozialen Situationen Energie aus, und müssen sie in stillen Stunden wiedergewinnen.

Auch wenn man (natürlich) häufig nicht viel von ihnen sieht: Introvertierte Menschen sind verbreiteter, als man vielleicht glaubt. Jeder zweite oder dritte braucht regelmäßig Zeit für sich, um nicht bald völlig ohne Energiereserven dazustehen.

Das ist nun für bekennende Introvertierte nichts Neues. Aber auch, wer nie genug Gesellschaft bekommen kann, profitiert hin und wieder von ein wenig Stille. Denn:

Allein sind wir am kreativsten und produktivsten

Alleinsein kann ungemütlich werden, vor allem, wenn man es nicht gewohnt ist. Aber wenn man lernt, das auszuhalten, kann man sich mit wichtigen Dingen ablenkungsfrei auseinandersetzen.

Vor allem Inspiration und kreative Projekte brauchen Luft zum Atmen. Bücher schreiben, sich musikalisch oder künstlerisch verwirklichen oder den innovativsten Schal des Jahrhunderts stricken — all diese Dinge profitieren ungemein davon, wenn sie für eine Weile ungeteilte Aufmerksamkeit genießen können. Denn kreative Arbeit, man mag’s kaum glauben, ist Arbeit. Sie erfordert Zeit, Konzentration und ganz viel Gedankenkraft.

In Gesellschaft sind einem die Mitmenschen aber meistens wichtiger als alles andere. Das ist für die anderen Menschen auch gut. Für den Schal aber eher nicht.

Aber auch wer gerade an keinem Meisterstück werkelt, darf sich einfach mal um sich kümmern. Denn wenn man sich zu sehr und zu lange nur mit anderen und ihren Sorgen und Nöten beschäftigt, kommt man selbst oft zu kurz. Und das meist unbemerkt.

Verbringt man ein paar Tage nur mit sich selbst, hilft das dabei, alle Prioritäten neu zu sortieren, und sich bei Bedarf einen besseren Platz im eigenen Leben freizuräumen.

Einfach mal für sich zu sein, ist gut für die Beziehung

Auch, wenn das vielleicht manchmal auf Unverständnis stößt — sich Zeit für sich zu nehmen, ist auch für Beziehungen gut. Nicht, weil man mit dem Anderen keine Zeit verbringen will. Das Problem ist eher, das man vor lauter Nähe vergessen kann, das man auch allein sein kann, ohne gleich einsam zu sein.

Aber wer gelernt hat, auch alleine zurecht zu kommen, kann in seinen Beziehungen gleich viel selbstsicherer und unabhängiger sein. Denn: Nur wer sein eigenes Leben im Griff hat, kann auch Anderen in ihrem helfen.

Und wenn man nach ein wenig Alleinsein dann mit geklärten Prioritäten, Wünschen und Plänen zurückkehrt, weiß man die Nähe auch wieder viel mehr zu schätzen.

Leichter gesagt als getan …

Das ist alles natürlich alles schön und gut, aber nutzlos, wenn man sich die Zeit nicht auch freischaufeln kann. Und das ist bekanntlich schwer. Zwischen der Arbeit, dem Partner, den Freunden, der Familie und den paartausend Followern, die man ja (ganz bestimmt) im Internet hat, ist man ja nicht mal auf dem Klo noch allein.

Experten raten dazu, sich feste Zeiten und Räume fürs Alleinsein freizumachen. So sagt Sherry Turkle, Forscherin am MIT und Gründerin der Initiative für Technologie und Selbst, dass man sich immer mal wieder von seinem Telefon befreien sollte, um für eine klar definierte Zeit nicht auf das Gerät zu gucken.

Die Autorin Julia Cameron geht da noch einen Schritt weiter mit der Idee, jede Woche ein Date mit sich selbst zu machen. Ein fester Termin also, der nur für die eigene Arbeit, die eigenen Gedanken und das eigene Wohlbefinden da ist. Und dabei ist egal, ob das nun ein Spaziergang ist, eine Stunde allein in einem Café, oder nur mal ein Nachmittag ohne das Internet.

Wie man nun zu einem Experten auf dem Gebiet des Alleinseins wird, wissen wir auch nicht. Aber zumindest haben diese beiden Bücher geschrieben, und dafür müssen sie schon mal mehr Zeit allein verbracht haben, als die meisten anderen. Scheint zu funktionieren.

Von Gisela Wolf auf Business Insider Deutschland.

 


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