Warum es gut ist, wenn ihr euch Sorgen macht

Sich Sorgen zu machen hat einen schlechten Ruf. Ständig in Was-wäre-wenn-Szenarien zu denken, kann aber auch Vorteile haben. Solange man richtig damit umgeht.

Aber was, wenn ...? © Kusja / photocase.de

Stell dir Folgendes vor: Du bist mit einer Freundin verabredet und zum vereinbarten Zeitpunkt ist sie nicht da. Du versuchst sie anzurufen, aber sie hebt nicht hab. Was denkst du?

  • Nach zwei Minuten: „Ach, sie war sicher im Stress und ist nicht rechtzeitig aus dem Haus gekommen. Sie ist bestimmt gleich hier.“
  • Nach fünf Minuten: „Meinte sie nicht, dass sie Kopfschmerzen hatte? Vielleicht ist etwas passiert?“
  • Nach zehn Minuten: „Was ist, wenn der Bus, mit dem sie kommen sollte, einen Unfall hatte?“
  • Nach 15 Minuten: „Okay, sie wurde überfallen.“
  • Nach 25 Minuten: „Ihr ist etwas Schreckliches zugestoßen. Sie braucht meine Hilfe!“

Deine anfangs rationalen Gedanken werden mit jeder vergehenden Minute zunehmend abgetötet. Aus einer Lappalie wird langsam ein Endzeitszenario. Erst als du deine Freundin gesund aus dem Bus steigen siehst, lächelst du erleichtert deine Befürchtungen weg und merkst, wie du der sprichwörtlichen Fliege die Masse eines Elefanten gegeben hast. Sich so viel zu sorgen ist zu viel, es grenzt wahrscheinlich sogar an neurotischem Verhalten. Trotzdem ertappen sich sicher viele dabei, wie sie in dieser Denkspirale hin- und hergerissen werden, als hätten sie die Macht über ihre eigenen Gedanken verloren.

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Unterdrücken geht nicht

„Hör auf, dir Sorgen zu machen.“

Wenige Sätze sind sinnloser als dieser. Er gehört in die Kategorie der illusorischen Ratschläge, genau wie „Sei nicht so schlecht gelaunt!“ oder „Entspann dich mal!“. Es sind Forderungen, die nicht nur fruchtlos bleiben werden, sondern aufgrund ihrer unsensiblen Natur auch alles verschlimmern könnten. Jemand, der besorgt ist, lässt sich nicht mal eben mit der Forderung, er möge doch bitte das Gegenteil tun, beschwichtigen. Niemand macht sich gerne Sorgen. Es ist anstrengend und es kostet emotionale Energie. In einer Welt ständiger Worst-Case-Szenarien zu leben, macht nun mal keinen Spaß.

Das kann unter Umständen gesundheitliche Folgen haben. Egal, woher die Sorgen kommen, die physische Antwort darauf ist die Ausschüttung von Cortisol, ein Stresshormon, das sich negativ auf die Gesundheit auswirkt. Und wie schädlich Stress sein kann, wissen wir.

Das Sorgenmachen hat demnach einen schlechten Ruf. Es ist nicht nur für die Person selbst mühsam, sondern auch für andere in deren Umgebung. Zu schnell wird es als Jammern abgetan, zu selten wird der empathische Gehalt dahinter wahrgenommen. Es wäre bemutternd, nervig, manchmal aufdringlich und kontraproduktiv. Beschwert sich jemand darüber, machen sich Sorgenmacher*innen zukünftig über das Sorgenmachen Sorgen. Es ist ein Teufelskreis.

Kann, muss aber nicht

Den schlechten Ruf hat es nicht verdient. Eine Person, die sich um etwas oder jemanden sorgt, denkt mit und denkt vor. Sie könnte ihre Sorgen als Taktik einsetzen, um sich auf mögliche zukünftige Ereignisse einzustellen und vorzubereiten. Sorgende neigen dazu, erfolgreicher Probleme zu lösen, in Beruf und Schule leistungsstärker zu sein und stressige Ereignisse informierter und proaktiver bewältigen zu können.

Das ergab eine Studie, die kürzlich im Social Psychology and Personality Compass veröffentlicht wurde. Die Autor*innen Kate Sweeney und Michael Dooley von der University of California erklären darin, dass das Sorgenmachen nicht immer nur giftige Gedanken beinhalten oder emotionale Ressourcen verschwenden muss. Die Autor*innen definieren Sorgenmachen als „aversive emotionale Erfahrung, die durch repetitive Negativ-Gedanken über die Zukunft entstehen“. Die sollen wir allerdings nicht ablehnen, sondern in unseren Leben willkommen heißen.

[Außerdem auf ze.tt: Atlas der Angst: Wovor wir uns fürchten]

Im Rahmen einer anderen Studie fand ein Wissenschaftler heraus, dass sich das Sorgenmachen positiv auf die Genesung von Traumata und Depressionen auswirken kann. Mehr noch: Ganz grundsätzlich kann es gesundheitsförderndes, selbstbewussteres Verhalten fördern. Nämlich dann, wenn Menschen aus Sorge Dinge tun, um negative Konsequenzen zu verhindern: vorsorglich zum Arzt gehen, Muttermale kontrollieren lassen, mit dem Rauchen aufhören, sich beim Autofahren anschnallen, Sonnencreme auftragen, Verhütung benutzen. Wer sich darum sorgt, eine Geschlechtskrankheit einzufangen, wird alles dafür tun, eben das zu verhindern. Wer Angst hat, bei einem Vorstellungsgespräch nicht genommen zu werden, wird sich bestenfalls so perfekt darauf vorbereiten, dass er die Chancen maximiert, am Ende doch erfolgreich zu sein. Sich zu sorgen muss kein Teufelskreis, sondern könnte das Gegenteil sein. Mehr Sorge führt zu mehr Planung führt zu weniger Sorge. Wenn man Sorgen nicht unterdrücken kann, dann kann man immerhin versuchen, sie wirksam einzusetzen. Sorgenmacher*innen könnten Weltmeister*innen im Planen sein.

Selbst wenn

Selbst wenn ein Ergebnis nicht so ein sollte, wie gewünscht und alle Befürchtungen wahr werden, du warst zumindest gedanklich darauf vorbereitet. Sich mögliche Negativ-Szenarien vorher bewusst zu machen, bedeutet, dass dich diese nicht mehr überrumpeln, sollten sie doch eintreten. Tun sie es nicht, freust du dich umso mehr. Es ist eine Art Schutzpessimismus, der förderlich für die Gefühlslage sein kann. Denn er diene als eine emotionale Untergrenze, zu der alle anderen Gefühlslagen vergleichsweise angenehmer seien, schreiben Sweeney und Dooley in ihrer Studie.

Gesundheit, Karriere, Beziehungen – die Zukunft ist ungewiss und vieles davon liegt außerhalb der eigenen Kontrolle. Wie wir mit dieser Tatsache umgehen, müssen wir selbst in den Griff bekommen. Es gibt Menschen, die sehen ihrer ungewissen Zukunft mit einem Lächeln entgegen, sie freuen sich auf das, was kommt, oder leben zumindest mit einem gewissen Grad an Gleichgültigkeit in sie hinein. Für viele Menschen sind diese Unsicherheiten Grund genug, sich in möglichen Risiken, Bedrohungen und imaginären Katastrophen zu verlieren. In anderen Worten: Sie machen sich Sorgen.

Diese Befürchtungen könnte man auch dazu nutzen, vor- und umsichtiger zu sein. Statt sich einem Leben voller überfordernder Befürchtungen und einer Spirale an Was-wär-wenn-Szenarien hinzugeben, können Sorgen als Motivationsschub und emotionaler Stoßdämpfer wirken. Sie machen auf das Kleingedruckte des Lebens aufmerksam. Sie signalisieren „Hey, vielleicht sollte ich Vorkehrungen treffen, damit dieses und jenes nicht eintritt.“ Folgen auf Sorgen geschickte Taten, kann man negative Konsequenzen mindern und etwaige Hindernisse umgehen. Denn wer sich sorgt, bemüht sich darum, diese Sorgen nicht real werden zu lassen – und reduziert damit wiederum seine Sorgen. Sich zu sorgen, ist kein Teufelskreis. Es ist der Königsweg.

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