Warum es keine gute Idee ist, Lebensmittel für Centpreise zu verkaufen

In London verkauft Easyjet nicht nur günstige Flüge, sondern seit letzter Woche auch Nahrung zu Schleuderpreisen. Das Angebot soll sich an die arme Bevölkerung richten. Das klingt nach Wohltätigkeit, ist aber zu kurz gedacht. Ein Kommentar.

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Dosensuppe für 25 Pence (33 Cent). © LEON NEAL/AFP/Getty Images

Easy Foodstore“ heißt die Lagerhalle, die letzte Woche im Nordwesten Londons eröffnet wurde. In Metallregalen stehen dort 76 verschiedene Produkte für je 25 Pence (umgerechnet 33 Cent) zum Verkauf. Darunter sind Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Zucker und Mehl – doch zum selben Preis gibt es auch Fertiggerichte von Chicken Curry, Gemüsesuppe bis hin zu Chicken-Pizza. Würde man jede Ware einmal einpacken, müsste man für alles gerade mal 25,08 Euro zahlen.

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Anscheinend kein Verfechter von gesundem Essen: Stelios Haji-Ioannou © Ian Walton/Getty Images

Easyjet-Gründer Stelios Haji-Ioannou verspricht, seine Preise seien nicht nur günstig, sondern angeblich ehrlich: “No expensive brands. Just food honestly priced”, heißt es auf der Website. Kaum vorstellbar, dass 33 Cent ein „ehrlicher“ Preis für Lebensmittel sein soll – vor allem für ein komplettes Gericht.

Ich würde gerne nachvollziehen, wie der Wert zustande kommt, doch das erklärt das Unternehmen nicht. Ehrlich wäre es, wenn Easyjet die Bepreisung und Herstellung der Lebensmittel transparent machen würde.

Profit auf Kosten der Armen

Für mich ist das Konzept des Supermarkts Profitgier auf Kosten der Armen. Dass der Bedarf da ist, zeigte sich kurz nach der Öffnung: Nach gerade einmal einem Tag musste der Laden kurzzeitig schließen, da die Regale komplett leer gekauft waren. Das lag sicher auch daran, dass das Unternehmen bereits zur Öffnung verlautete, dass die Preise im März verdoppelt werden –auf 50 Pence. Das Prinzip ist perfide: Erst bindet das Unternehmen die Kunden durch Lockpreise an sich, damit sie später gewillt sind, mit mehr Geld wiederzukommen. Ehrlich ist anders.

Nichts symbolisiert besser, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt: Wenige Superkonzerne produzieren Masse zu kleinen Preisen und verdrängen dadurch regionale Hersteller, die frische Ware – zwar nicht zu spottgünstigen, aber realistischen Preisen – verkaufen könnten. Sie vermitteln dadurch einen falschen Eindruck über den Wert von Lebensmitteln und gesunder Ernährung.

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Joanna Blythman von The Guardian bringt es für mich auf den Punkt, wenn sie sagt: „Wenn wir weiter mit dieser pseudo-demokratischen, vermeintlich inklusiven Propaganda mitgehen, fördern wir eine Lebensmittelindustrie, die unsere Umwelt zerstört, Tiere unmenschlich behandelt, aus Angestellten Leibeigene macht und echtes Handwerk schwächt.“

Nicht nur die Käufer zahlen also doppelt, sondern die ganze Gesellschaft. Denn industriell gefertigte Gerichte belasten auf Dauer die Gesundheit. Die hohen Fett- und Zuckeranteile können zu Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Jedes Jahr steigt die Zahl der übergewichtigen oder fettleibigen Menschen in ganz Europa, wie eine Untersuchung der WHO belegte. Die Behandlung dieser Krankheiten wird unser Gesundheitssystem immer stärker belasten.

[Auch auf ze.tt: „Wie ihr Zucker vom Speiseplan verbannt“]

Wenn wir zukünftig keine Easyhospitals wollen, wo wir unser Fett für Centbeträge absaugen lassen können, müssen wir Alternativen finden. Grundnahrungsmittel sollten zu bezahlbaren Preisen angeboten werden, Fertiggerichte dürfen jedoch nicht mehr so günstig sein, dass sie für Menschen mit wenig Geld zur Alternative zu selbstgekochtem Essen werden.

Anstatt Ernährung in die Hand von Superkonzernen zu geben, sollten Regierungen Strukturen fördern, die auf regionale Lebensmittelhersteller und Verkäufer setzen. Dadurch werden Arbeitsplätze geschaffen und Communities gestärkt. Auch die Aufklärung über eine ausgewogene Ernährung und Bewegung ist wichtig. Wer weiß, wie man Essen selbst zubereitet, ist nicht mehr auf billiges Fertigessen angewiesen.