Warum es manchmal gut sein kann, wenn dein*e Partner*in fremdgeht

Ein Betrug gilt eigentlich als Super-GAU in einer Beziehung – doch Paartherapeuten*innen erklären immer wieder, dass in Untreue auch eine Chance für die Partnerschaft stecken kann.

Ist Treue ein überholtes Modell? © kemai / photocase.de

Für diejenigen, die in einer exklusiven Beziehung sind, kann es keinen präziser fällenden Nackenschlag geben als Betrug. Mit dem Fremdgehen durch den*die Partner*in wird das Fundament der Intimität in Frage gestellt. Vertrauen und Ehrlichkeit sind wie ausgehöhlt. Der Sicherheit, auf der all das stand, was man vorher noch als Beziehung auf emotionaler Augenhöhe wahrgenommen hat, kann man nur mehr mit verheulten Augen hinterhertrauern.

Betrug als Dealbreaker

Ein Betrug ist nicht nur erschütternd, sondern für die meisten von uns der Dealbreaker einer Beziehung. Ein Betrug, der nicht nur ein en passant geschehenes Geknutsche oder einen bierseligen One-Night-Stand umfasst, gilt für viele Paare als „Das war’s!”

Aber selbst wenn es nicht zu einer sofortigen Trennung kommt, landet ein Paar trotzdem mindestens in einer veritablen Krise. Denn ein Betrug stellt für den*die Betrogene*n alles infrage. Von „wie kann ich jemals wieder vertrauen?” bis hin zu „bin ich eigentlich schön?”. Ganz Grundsätzliches, aber auch viel Konkretes. Jede*r, der*die schon einmal betrogen wurde, kennt den erschöpfenden Dauerlauf nach Fragen, auf die man in bester Masochismus-Manier unbedingt Antworten braucht: Wer, wann, wo? Und immer wieder: Wieso?

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Schwierig, auf diese Frage eine Antwort zu bekommen, die authentisch erscheint. Nicht nur, weil es für den*die Betrügende*n gilt, den angerichteten Verletzungsparcours möglichst rücksichtsvoll zu absolvieren, sondern auch weil dem*derjenigen die Antwort vielleicht gar nicht klar ist.

Dabei ist die Antwort auf das Wieso oft genug recht geradeaus: Weil es dem Ich schlicht so verdammt gut getan hat. Weil man es genossen hat, dass sich neue, reizvolle Augen an einen hefteten. Weil man mag, wie es ist, wenn man sich jemandem nochmal neu erzählen kann.

Chance für die Beziehung

So etwas möchte niemand von seiner besseren Hälfte hören, denn so scheint es, als wäre man eben nicht gut genug. Doch genau hier liegt die Chance, die Beziehung neu aufzustellen. So absurd das zunächst klingen mag. Aber Paartherapeut*innen sind sich einig, wenn sie darauf hinweisen, dass eine sogenannte Außenbeziehung in der Regel vor allem etwas mit der Beziehung selbst zu tun hat. Und so wie ein Scheinwerfer auf die Motive des Betrugs wirken kann. Wer betrügt, so die simple Formel, der*die sucht nach etwas, das er*sie in der Beziehung nicht bekommt. Aber vielleicht bekommen kann. Voraussetzung ist, dass beide Partner*innen bereit sind, über genau diese Bedürfnisse zu reden.

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Das setzt offene Kommunikation voraus. Das Gegenteil dessen, was ein Betrug ist. Denn ein Betrug, so die Paarpsychologin Ankha Haucke, könne manchmal sogar unbewusst eine Art Austesten des*der Partner*in sein: Wie reagiert der*die Partner*in? Wird der Betrug überhaupt als Verletzung wahrgenommen? Wie wichtig ist die Beziehung noch?

Wer so ein Verhalten kindisch oder grausam findet, der muss verstehen, dass wir Menschen nun einmal leider so funktionieren. Wir verändern uns nur unter Druck weiter. Ein Betrug schafft Leiden, aber sorgt auch für Antrieb, der eigentlichen Beziehung eine neue Richtung zu geben. Das lässt sich auch in der paartherapeutischen Praxis beobachten. So sei es, erklärt Ankha Haucke, keine Seltenheit, dass Paare gerade nach einem Betrug eine gestärkte Beziehung aufbauen könnten. Natürlich nur dann, wenn es beiden gelingt, ihre Bedürfnisse neu zu kommunizieren, neu auszuhandeln und sich darauf einzulassen.

Gemeinsam ehrlich

Klar, ein Betrug ist kein Grund zum Jubeln. Mit einem Vertrauensverlust umzugehen, ist verdammt schwer. Den Betrug vor dem inneren Auge wegzuwischen ist auch deswegen so qualvoll, weil gerade die Bilder, die man nicht kennt, noch stärker zwicken. Vergessen sei zwar schwer, aber verzeihen trotzdem möglich, meint Ankha Haucke.

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Es gäbe Paare, die würden diese Krise alleine, ohne eine Therapie meistern. Wichtig sei, so Ankha Haucke, dass man sich frage, wie man sich in der Beziehung fühle. Und wie man sich fühlen möchte. Welche Bedürfnisse nicht zum Tragen kommen und wie man das gemeinsam ändern könne. „Das braucht viel Ehrlichkeit mit sich”, weiß Ankha Haucke, und es brauche eben auch die Einsicht, dass es bei einem Betrug nicht darum geht, etwas Besseres auszutesten, sondern dass man dieses Bessere auch in der bestehenden Beziehung finden kann. Und das ist, trotz allen Schmerzes, doch immerhin schon mal ein Anfang.

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