Warum es uns so schwer fällt, unsere Eltern altern zu sehen

Seine Eltern altern zu sehen, tut weh und macht Angst. Warum eigentlich? Unsere Autorin begibt sich in ihrer eigenen Familie auf die Suche nach Antworten.

Eine Reise in die Vergangenheit: Eva will wissen, warum sie so wütend auf ihre Eltern ist. Foto: Familie Reisinger

„Wie kann ich das Foto in der E-Mail drucken?“, fragt mich mein Vater. Ich versuche es. Fehlermeldung. Wie schwer kann es sein? Ah, falsches Format. Ich stelle es um und zeige meinem Vater die nötigen Klicks dafür. Eine halbe Stunde später ruft er nach mir: „Eva, was mach‘ ich, wenn ich drucken will?“ Ich bin kurz davor auszurasten. Zu schreien, zu schimpfen, zu fluchen. Ich atme tief ein und aus. Sage mir vor, dass diese Generation nicht mit dem Internet aufgewachsen ist und gehe zu meinem Vater ins Arbeitszimmer. Alles noch einmal von vorne.

Geschichten dieser Art kann ich viele erzählen. Über Handys, die kein Netz mehr finden, weil sie im Flugmodus sind, Drucker, die nicht funktionieren, weil sie ausgeschaltet sind oder endlose Diskussionen darüber, ob ich durch meine journalistische Arbeit zu viel preisgebe und meine Chancen auf einen seriösen Job verbaue.

Jedes Mal gehe ich dabei fast in die Luft. Ich bin eigentlich kein jähzorniger, sogar halbwegs geduldiger Mensch. Darum habe ich viel darüber nachgedacht, was hinter dieser bemerkenswerten Wut in mir stehen könnte. Wie meistens, wenn man sich in die Abgründe seines Unterbewusstseins begibt, gefallen einem die Erkenntnisse nicht.

Hilfe: Meine Eltern werden alt

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann sind es nicht die IT-Probleme meiner Eltern, die mich auf die Palme bringen. Sondern die Tatsache, dass sie alt sind und jeden Tag älter werden.

Ich bin eine Nachzüglerin, ja sogar ein Unfall. 13 Jahre nach der Geburt meiner Schwester und zwölf Jahre nach meinem Bruder wurde meine Mama noch einmal schwanger. Geplant war das natürlich nicht. Von einem schönen Unfall ist heute in meiner Familie oft die Rede.

Warum ich euch das erzähle, hat einen Grund: Denn was ich spüre und erlebe, werden viele von euch, die gerade um die 20 Jahre alt sind, vermutlich erst später fühlen. Vielleicht gehen euch eure Eltern derzeit nur auf die Nerven, ihr müsst euch aber keine Sorgen um sie machen. Meine Eltern sind bereits Mitte 60. Sie werden öfters krank und Aktivitäten wie reisen überfordern sie heute schneller. Obwohl meine Eltern verhältnismäßig sehr langsam altern und noch fit sind, schleicht sich trotzdem immer öfter diese Angst ein, dass sie irgendwann einmal nicht mehr da sein könnten.

Das Älterwerden der Eltern verdeutlicht uns zudem die Vergänglichkeit des eigenen Lebens.“ – Martina Beham-Rabanser

Die Soziologin Martina Beham-Rabanser kennt die Gründe hinter der Angst: „Auch wenn junge Erwachsene rechtlich und finanziell längst auf eigenen Beinen stehen, zählen sie trotzdem gerne auf die Unterstützung ihrer Eltern.“ Beham-Rabanser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Johannes Kepler Universität in Linz und spezialisiert auf Eltern-Kind Beziehungen. „Das Älterwerden der Eltern verdeutlicht uns zudem die Vergänglichkeit des eigenen Lebens.“

Auch das ästhetische Ideal und der Jugendkult unserer Zeit würden unsere Erwartungen noch zusätzlich verfärben. Werbebotschaften vermitteln, dass wir es selbst in der Hand haben, wie lange wir forever young sind und agil durchs Leben gehen. So geben uns Anti-Aging-Cremes das Gefühl, unsere Eltern könnten es selbst beeinflussen, wie lange sie fit im Leben stehen. Das ist ein Trugbild.

Am liebsten würde ich das Alter meiner Eltern einfach anhalten. In meiner Traumvorstellung werde ich älter, meine Eltern bleiben genauso, wie sie sind. Ich weiß, dass diese Wünsche in derselben Welt zuhause sind, in der es auch
warme Eislutscher regnet und Einhörner leben. Und trotzdem fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass sich meine Eltern und meine Beziehung zu ihnen zwangsläufig verändern müssen. Über diesen Umstand streite ich manchmal auch mit meiner Schwester.

Die Autorin mit ihrer Schwester und ihrem Bruder 1999. Foto: Familie Reisinger

Meine Schwester ist 37. Sie hat einen Mann, zwei Kinder, ein Haus und ein geregeltes Einkommen. Im Grunde hat sie alles, was ich noch nicht habe. Man könnte sagen, unsere unterschiedlichen Meinungen symbolisieren die unterschiedlichen Generationen. Denn meine Eltern wurden durch die Enkelkinder automatisch zu Oma und Opa. Auch im täglichen Sprachgebrauch. Es macht mich rasend, wenn meine Eltern von sich selbst als Oma und Opa sprechen. Denn Großeltern dürfen alt werden, ganz logisch, Eltern aber nicht.

Und da ist das Problem begraben. Statistisch gesehen bekommen wir nämlich immer später Kinder. 2015 bekamen Frauen in Deutschland ihr erstes Kind im Schnitt erst mit 29,6 Jahre. 2009 waren die Frauen bei der Geburt des ersten Kind noch 28,8 Jahre alt und damit fast ein Jahr jünger. Und in den Jahren zuvor noch früher.

Weder Eltern noch Kinder

Durch dieses Hinauszögern der eigenen Familiengründung entsteht eine immer größer werdende neue Phase, in welcher wir weder Eltern noch Kinder sind. Sondern irgendwo dazwischen. In der Psychologie fasst man diese Phase mit dem Begriff Emerging Adulthood. Die Auswertungen der SHARE-Studie bestätigen das: Eltern zwischen 50 bis etwa 75 unterstützen ihre Kinder in einem höheren zeitlichen Ausmaß als ihre Kinder sie. Die Eltern sind und bleiben die Netto-Geber bis ins hohe Alter. Dass wir heute unsere Jugendphase hinauszögern, führt also auch dazu, dass viele selbst in ihren 30ern noch von den Eltern überfürsorglich umsorgt und im Alltag sowie bei Entscheidungen unterstützt werden. Die Wichtigkeit unserer Eltern schwindet also mit dem Älterwerden nicht, sondern wächst.

Geht es nach der Soziologin, kann man es aber lernen, zu akzeptieren, dass es Zeiten geben wird, in denen unsere Eltern uns mehr brauchen werden als wir sie. Dabei verändert sich natürlich auch die Rolle zwischen Eltern und Kind. Es komme dabei aber zu keiner Rollenumkehr, sondern viel mehr zu einem Wandel. „Eltern bleiben immer Eltern und Kinder immer Kinder“, betont die Soziologin.

Ausdruck tiefster Verbundenheit

Wie schwer es uns fällt, uns einzugestehen, dass unsere Eltern nicht unsterblich sind, hänge zudem davon ab, wie wir erzogen wurden. Befunde der Helicopter-Parenting-Forschung zeigen, je schwerer es Eltern fällt, ihre Kinder in die Selbstständigkeit zu entlassen, umso schlechter können sich auch ihre Kinder emotional lösen. Zumindest eine kleine Schuld können wir also unseren Eltern in die Schuhe schieben, wenn uns die Angst vor ihrem Alter den Magen zuschnürt.

Ist man nun zu wenig erwachsen, wenn es einem Angst einjagt, dass die eigenen Eltern alt werden? Nein, meint die Soziologin: „Wenn es uns schmerzt zu sehen, dass unsere Eltern ihr eigenes Leben zurückschrauben müssen, weil sie altern, ist das keineswegs ein Zeichen für mangelndes Erwachsensein, sondern vielmehr Ausdruck tiefster Verbundenheit.“

Und daran werde ich denken, beim nächsten Druck-Error, Flugmodus oder CD-Brennen.