Warum harren wir in Beziehungen aus, die uns unglücklich machen?

Statt eine unglücklich machende Beziehung zu beenden, gibt es Leute, die einfach darin verharren. Warum nur?

Gemeinsam einsam. © Iknim / photocase.de

D. ist eine Bekannte von mir und hielt neulich im Biergarten eine ungefähr halbstündige Unzulänglichkeits-Präsentation über ihren Freund. Wie wenig gemeinsame Interessen sie hätten. Wie ängstlich er schon bei Kleinigkeiten sei.

Wie nervig seine Freund*innen. Und als D. fertig war, über ihre Beziehung zu klagen, hatte ich den Eindruck sie hätte gerade ein besonders grausames Sozialexperiment beschrieben. Zwei Menschen die sich verabscheuen. Auf einer einsamen Insel. Kein Rettungsboot in Sicht.

Die Anti-Liebe

Ein paar Tage später erlebe ich ein ganz ähnliches Szenario. Mein Freund G. erzählt mir von seiner Partnerin und davon, wie offen feindselig ihre Beziehung mittlerweile sei. Beide würden nur nach der nächsten Spitze suchen, die sie abfeuern könnten oder nach der nächsten Schwachstelle, über die man sich lustig machen könne.

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Die Beziehung würde ihn mittlerweile richtig belasten, er würde es schon kaum aushalten, wenn sich beide nachts im Bett aus Versehen berühren würden. Warum er sich das noch antäte, wollte ich wissen. G. zuckte mit den Schultern: „Manchmal glaub‘ ich, keiner von uns will das mit dem Schlussmachen gewesen sein.”

Das klingt alles völlig abwegig. Aber es ist nur insoweit absurd, als dass wir die eigenartigsten Dinge aus Angst tun. Denn Angst scheint das Hauptmotiv hinter diesem Verhalten zu sein.

Angst vor dem Ende

Vor ein paar Jahren hat eine englische Anwaltsfirma eine Studie in Auftrag gegeben, die sich des Themas angenommen hat. Bei der Befragung von 2.000 Eheleuten gab jede*r Fünfte an, die Ehe sofort beenden zu wollen, wenn sie finanziell eigenständig wären. Weitere Gründe für das Ausharren in einer unglückliche Ehe waren Mutlosigkeit, der Unwille, Kinder und Haus zu verlassen, das fortgeschrittene Alter, aber auch die Angst vor der Einsamkeit danach. Ziemlich viele Ängste also.

Verständlich auch, denn wer ein gemeinsames Leben aufgebaut hat, mit Kredit und Eigenheim, der hat ganz handfeste Gründe, in einer Beziehung zu verharren. Wer finanziell abhängig ist, erst recht. Aber warum gibt es auch so viele solcher Fälle unter jüngeren Leuten?

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Unter Paaren, die voneinander nicht abhängig sind und mit dem Beziehungsende vielleicht eine Lieblingstasse, schlimmstenfalls ein paar gemeinsame Freund*innen opfern müssten? Und selbst jemand wie G., der mit seiner Freundin zusammenlebt und natürlich ungern über eine neuerliche Wohnungssuche nachdenkt, sollte diese doch dem abendlichen Feind im eigenen Bett vorziehen. Oder?

Großer Leidensdruck

Aber Angst ist bekanntermaßen stärker als Vernunft. Und gerade in Beziehungen tendieren wir dazu, den Leidensdruck einfach immer weiter auszuhalten und durch die Eskalation des eigenen Verhaltens sogar noch zu erhöhen. Das immer fester drehen des Demütigungs-Rads: „’Dann verlass mich doch‘, hat sie mich neulich in einem Streit angeschrien. ‚Das traust du dich ja doch nicht’”, erzählt G. Und seine Freundin hat recht behalten. Er traut sich nicht. Er harrt lieber weiter aus.

Genau wie D., die sich auch nicht traut. „Manchmal liege ich abends im Bett und überlege, wie ich meinen Freund verlassen könnte. Aber dann rechne ich mal rum, wie viele Jahre es dauern könnte, bis ich mal wieder jemanden gefunden habe und dann sehe ich mich immer alt und einsam sterben.”

Ehrlichkeit gegen Angst

Ziemlich große Ängste, die da mit auf der Bettkante sitzen. Diese Ängste lassen sich vielleicht beschwichtigen, aber wichtig sollte vor allem sein, in einer solchen Situation mit großer Ehrlichkeit Bilanz zu ziehen und sich als Paar einzugestehen: Ja, wir verharren nur noch. Vielleicht ein erster Schritt, den*die andere*n wieder erträglich zu finden.

Paartherapeuten*innen raten in solchen Situationen oft dazu, sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen und so wieder anzunähern. Und dabei vor allem nicht permanent mit dem ausgestreckten Zeigefinger der Schuldzuweisung durch die Gegend zu laufen. Denn wer dem*der Partner*in ausdauernd die eigene Unzulänglichkeit ins Auge piekst, oder sie Freund*innen vorjammert, der*die hat nicht nur den Blick für die eigenen Schwächen verloren, der lädt auch die Verantwortung für sein Glück an falscher Stelle ab.

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Denn die liegt bei uns selber. Womit wir wieder bei der Angst vor der Einsamkeit wären. Und die scheint immer noch stark ausgeprägt. Besser im toxischen Beziehungsmodell des Hauptsache-nicht-single verharren, als es auf eigene Faust zu versuchen, denken sich wohl viele.

Wie D., die lieber irgendeine als keine Beziehung hat. Auch das kann man natürlich absurd finden. Aber man kann es auch nachvollziehen. Denn es stimmt ja: Vielleicht findet sie ja wirklich erstmal keinen neuen Partner für sich. Vielleicht muss sie alleine zurechtkommen. Vielleicht findet sie das belastend. Aber vielleicht ist das ja trotzdem besser.

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