Warum ich als Muslimin bei der Demo in Köln nicht mitdemonstrierte

Medizinstudentin Nohma entschied sich, lieber für ihre Prüfung zu lernen, als auf der Anti-Terror-Demo in Köln mitzulaufen. Und muss sich nun dafür erklären. Warum müssen sich Nicht-Muslimische nicht dafür rechtfertigen, dass sie nicht da waren?

Protestierende auf der Friedens-Demo am Wochenende in Köln. © Sascha Schuermann/Getty Images

Da ist Ramadan und ich möchte eigentlich nur in Ruhe lernen und entscheide mich deshalb am vergangenen Samstag zu Hause zu bleiben. Am Sonntag erfahre ich aus den Nachrichten, dass wir Muslime*as in Deutschland mal wieder Mist gebaut haben – und ich war mit schuld.

Anders als sonst beschuldigte man uns diesmal des Nichtstuns. Ja, viele von uns sind diesmal zu Hause geblieben. Diese Tatsache erzürnte so manche*n. Wie konnten wir nur?

„Niemand auf der Hochzeit hätte eine Erwartungshaltung mir gegenüber gehabt. Auf der Demo schon“

Die von Lamya Kaddor, Vorstandsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, mitorganisierte Demonstration in Köln am Samstag besuchten wider Erwarten lediglich nur um die 2.000 Menschen. Zu wenige, wo doch eine – so hieß es tatsächlich in einem Artikel – türkische Hochzeit mit mehr Besucher*innen hätte rechnen können.

Ganz ehrlich, hätte ich die Wahl zwischen einer Hochzeit, bei der ich gut gelaunt einem glücklichen Paar zujubeln könnte und dem Gang auf eine Demo, auf der ich Terrorist*innen meine Verachtung zurufe, wäre die Entscheidung zügig gefallen: Sorry, ich würde Ersteres wählen.

Warum ich das getan hätte, liegt klar auf der Hand: Niemand auf der Hochzeit hätte irgendeine Erwartungshaltung mir gegenüber gehabt. Auf der Demo schon. 

[Außerdem auf ze.tt: Welche Rolle der Islam für junge Moslems in Deutschland spielt]

Ich spielte tatsächlich kurz mit dem Gedanken die Demonstration in Köln aufzusuchen. Ich verstand die Intention der Organisatorin Lamya Kaddor; ich finde diese Frau toll und mutig und ich wollte irgendwie unterstützen. Aber ich entschied mich dagegen, aufgrund einer simplen Kosten-Nutzen-Analyse: Wenn ich für meine anstehende Klausur lerne, bestehe ich, wenn ich nicht lerne, falle ich durch. Wenn ich auf einer Demo gegen Terror demonstriere, dann verhindere ich weder einen geplanten Bombenanschlag – unnötigerweise gebe ich diesen Irren sogar das Gefühl der Macht–, noch wird mir meine öffentlich zur Schau gestellte Abneigung den Terrorist*innen gegenüber eine*n einzige*n Freund*in aus der Szene der Ewig-Nörgelnden und Moralapostel bescheren. Also lernte ich für meine Prüfung

Als ich von der gefloppten Demo erfuhr, tat es mir für die Organisator*innen sehr leid. Und ich schätze jede*n, der*die trotz dieser Hitze und im Fastenzustand ein Zeichen setzen wollte. Ich kann aber auch sehr wohl diejenigen verstehen, die es satt  haben, sich stetig zu rechtfertigen und sich immer wieder zu Selbstverständlichkeiten bekennen zu müssen.

Das Thema Terror ist ein gesamtgesellschaftliches Problem

Ich muss immer besonders laut einen Terrorakt verurteilen, damit ich zeige, dass ich als Muslimin das Töten von Menschen zweifellos ablehne – schon dieser Satz klingt grotesk. Warum meine nicht-muslimische Freundin Lisa diesen nicht laut verurteilen muss, habe ich bis jetzt nicht verstanden.

Muslime wie Nicht-Muslimische sind Opfer dieses modernen Wahnsinns. Und ich weigere mich, eine Repräsentantin für irgendeine Idee oder irgendwelcher Menschen zu sein. Ich bin ich und wenn ich keine Lust habe, durch die Straßen zu ziehen, dann habe ich schlichtweg keine Lust und es hat niemand das Recht mir daraus einen Strick zu drehen.

Ja, viele der Terrorist*innen berufen sich tatsächlich auf meine Religion und man muss vor allem innerislamisch über dieses Dilemma reden und es offen und ohne Scheu vor unbequemen Fragen thematisieren. Jugend-und Präventionsarbeit vonseiten muslimischer Gemeinden in Deutschland wäre eine Möglichkeit dieser Gefahr entgegenzuwirken.

Ich werde nicht für Applaus und billigendes Nicken demonstrieren.“

Dennoch ist das Thema Terror ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches uns alle, Muslime wie Nicht-Muslimische, betrifft, denn wir sind alle Zielscheibe dieser menschenverachtenden Aktionen. Und die Lösung wird auf der politischen Bühne zu finden sein und in diesem Fall leider nicht auf Märschen. Und so leid es mir tut: Ich werde nicht für Applaus und billigendes Nicken demonstrieren. Da ist mir meine Klausur wichtiger.