Warum ich Fremdgehen nicht schlimm finde

Seitensprünge sind kein Grund für ein schlechtes Gewissen oder eine Trennung. Denn Liebe bedeutet viel mehr als nur Sex.

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"Beim Fremdgehen fühle ich mich lebendig." © miss.sophie / photocase.de

Erkenntnisse und Studien darüber, dass die meisten Frauen und Männer mindestens einmal im Laufe ihres Beziehungslebens einen Seitensprung haben, sind nicht neu. Ich selber kenne Fremdgehen aus verschiedenen Perspektiven: meine Eltern, die einander betrogen haben, viele Freunde, die mir von ihren Affären erzählt haben, und eben die eigene Erfahrung. Ich hatte schon Affären und umgekehrt hatte auch mein Freund während der Beziehung etwas mit einer anderen Person.

Ich bin durchtherapiert von vorne bis hinten, ich habe die Trennung meiner Eltern verarbeitet, ich bin nicht bindungsunfähig, im Gegenteil. Ich bin eigentlich die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens in Beziehungen gewesen und das sehr gerne. Trotzdem habe ich ein paar Mal Sex mit anderen Männern gehabt. Ich habe es meinen jeweiligen Partnern nicht erzählt und wollte auch umgekehrt nicht wissen, ob es da manchmal noch eine andere Person gibt. Sexuelle Treue war mir nie besonders viel wert. Eine langjährige Beziehung hat so viele Facetten, Sex ist eine wichtige, aber eben auch nur eine davon.

Es gibt einen Unterschied zwischen Liebe und Sex

Jeder Mensch hat natürlich seine eigene Wertvorstellung, nach der sie oder er eine Beziehung definiert. Für mich bedeutet Liebe so viel mehr als nur Geschlechtsverkehr: tiefe Gespräche, gemeinsame Ideale, zusammenhalten, einander trösten, zusammen lachen. Ich brauche keine Exklusivität in Sachen Sex, um mich geliebt zu fühlen und diese bedingungslose Liebe auch weitergeben zu können. Fremdgehen bedeutet für mich nicht, dass die emotionale Nähe zu meinem Freund gestört wird.

Mehr noch: Der Besitzanspruch „Du gehörst zu mir, und nur mir allein“, die gesellschaftlich akzeptierte Regel für die allermeisten Paarbeziehungen, hat mir schon immer Angst gemacht. Wenn diese Bedingung an eine Beziehung gestellt wird, führt es dazu, das Fremdgehen als absoluter Vertrauensbruch gewertet wird. Denn die Erwartung war: Vertrauen = Exklusivität = Liebe. Die Schlussfolgerung lautet dann, fehlende Liebe habe zum Seitensprung geführt.

Das sehe ich anders. Liebe ist nicht messbar, ich liebe doch nicht mehr oder weniger, weil ich mal mit einer anderen, vielleicht sogar fremden Person schlafe. Es ändert nichts an meiner Entscheidung, in einer Beziehung zu leben und meinen Partner unterstützen zu wollen. Wenn mein Freund etwas mit einer Anderen hätte und sich die Beziehung zwischen uns dennoch richtig und gut anfühlt, sehe ich nicht, dass es ein Problem in unserer Partnerschaft gebe.

Fremdgehen, um sich lebendig zu fühlen

Natürlich passieren Seitensprünge unter anderem dann, wenn etwas in der Beziehung nicht mehr stimmt, sexuell oder emotional. Es gibt aber eben auch Fälle, in denen Menschen fremdgehen, ohne dass etwas falsch läuft. Gefährlich wird es nur dann, wenn ich durch den Seitensprung etwas kompensieren will, was mir in der Beziehung fehlt. Die Male, die ich fremdgegangen bin, entstanden aus einer bestimmten Situationen heraus. Es passierte komplett losgelöst von meiner Beziehung, es war kein Streit vorausgegangen, keine Enttäuschung. Es war für mich vielmehr die temporäre Faszination für eine andere Person, durch Gespräche, gemeinsame Erlebnisse.

An das letzte Mal kann ich mich noch gut erinnern. Er war kein Fremder, das reizt mich sowieso nicht. In der Zeit davor hatte ich immer mal wieder darüber nachgedacht, wie es sein würde, mit ihm zu schlafen. Dann war er bei mir, es war spät, aber ich wollte nicht, dass er geht. Er blieb über Nacht. Nichts war Routine, das gefiel mir, aber ganz unbekannt war es auch nicht, schließlich wusste ich schon vorher, wie er riecht und dass er schöne, weiche Hände hat. Es war kein Übermut, der zum Seitensprung geführt hat.  Solche Momente haben eine bestimmte Qualität: Etwas Unerwartetes, womit ich nicht gerechnet habe. Berührungen, auf die ich womöglich nicht vorbereitet war. Es fühlt sich manchmal so an, dass Fremdgehen mir den Eindruck vermittelt, besonders lebendig zu sein.

Mir ist es auch schon passiert, dass ich mich beim Fremdgehen verliebt habe. Einmal hab ich mich daraufhin gegen meine bestehende Beziehung entschieden, einmal dafür. Nach jedem Seitensprung frage ich mich: Ist das Fremdgehen ohne Konsequenzen fürs Herz geblieben? Das ist mir wichtig, denn es macht für mich den Unterschied zu einer offenen Beziehung aus: Ich möchte nur eine Person aufrichtig lieben.