Warum ich Kochshows hasse, aber „Chef’s Table“ liebe

Püriertes Ziegenhirn, molekulare Oliven und Luftballons aus Zuckerguss: Diese Serie könnte kaum weiter weg von der Lebensrealität unserer Autorin sein. Und doch bekommt sie nicht genug. Was macht den Reiz der Netflix-Reihe aus?

Essen mit der Pinzette anrichten – wie albern, denke ich zu Beginn der ersten Folge. Wie die Köchin eine essbare Blume auf dem Seeigel drapiert, geil, geil, geil! – schwärme ich dreißig Minuten später.

Die Serie „Chef’s Table“ hat mich komplett in ihren Bann gezogen. Das Konzept funktioniert: Sterneköch*innen aus aller Welt erzählen von ihrem harten Weg an die Spitze, persönlichen Schicksalen und ihrer Lebensphilosophie.

Da ist zum Beispiel der indische Gaggan Anand, dessen Familie so arm ist, dass sie zeitweise auf der Straße leben muss. Oder der tätowierte Ex-Punker, Ex-DJ und nun der beste Koch Brasiliens Alex Atala, der seine Fische selbst aus dem Amazonas fischt. Oder der Amerikaner Grant Achatz, der durch Zungenkrebs zeitweise seinen Geschmack verlor. Haute Cuisine trifft auf Menschenseele.

Zwischendrin werden die wahnsinnigsten Gerichte kreiert: gegarter Seeigel an essbaren Blumen und Blattgold, über offenem Feuer gekochte Muscheln neben Moos oder 895 Tage lang gezogene mexikanische Mole zu Tortilla. 

Ich bin spät dran, die zweite Staffel startete im Mai. Die erste bereits im April 2015. Dass die Serie bisher an mir vorbei ging, hat einen Grund: Ich hasse Kochshows.

Vor allem die deutschen sind unerträglich vor lauter Albernheiten und Klischees. Zwar kann ich nach einer Folge „Chef’s Table“ kein einziges Gericht nachkochen, und doch fühle ich mich inspirierter, als wenn ich einem schnurrbärtigen Deutschen nur eine Minute lang beim „Mmh“ zuschaue und mich fremdschäme. Dabei könnte „Chef’s Table“ kaum weiter weg von meiner Lebensrealität sein.

Essen oder Kunst?

Die Kreationen der Star-Chefs sehen so abgefahren aus, dass der Mund manchmal zuerst nicht weiß, ob er Speichel produzieren soll. Erst wenn der Name des Menüs erscheint, erkennt das Gehirn: Das muss unglaublich lecker sein!

In vielen Sterne-Restaurants ist aber nicht nur das Essen spektakulär, sondern auch die Anrichtung. Baisers werden flambiert, Tunfisch frisch am Tisch filetiert und Zucker in Form eines Luftballons serviert. Das ist feinste Performancekunst.

Die Restaurants, in denen die Kunstwerke serviert werden, sind zwischen modern, düster und steril eingerichtet. Es sind Orte, an denen die Gäste pausenlos umworben werden. Orte, an denen Kellner*innern unauffällig, aber stetig um die Gäste schwirren. Orte, an denen alle paar Minuten ein Gericht aus der Küche geeilt wird, bis das Menü nach 20 Gängen endet.

Es sind Orte, die ich wahrscheinlich nie betreten werde. Gerichte, die ich nie kosten werde.

Ich liebe die Besessenheit

Aber muss das sein, Essen so pompös aufzupumpen? Und warum sollte ich mir sowas ansehen, wenn ich es nie essen werde? Eine Freundin von mir kann sich für die Serie nur wenig begeistern. „Auf der Welt gibt es Menschen, die hungern und diese Köche servieren einen Klecks für 500 Euro“, meinte sie zu mir.

Ich verstehe, was man an dieser Serie (oder an Molekularküche) ätzend finden kann: das pathetische und emotionale Gerede, Mini-Portiönchen und die Akribie und Besessenheit der Köche, wenn sie zum zehnten Mal ein Desserttürmchen aufbauen.

Doch gerade das zieht für mich. Ich liebe es, wie besessen diese Menschen sind. Wie sie nicht anders können, als es immer wieder zu versuchen, um es perfekt zu machen. Wie sie aus dem Banalsten so Schönes kreieren. Wie sie Essen mit Tod in Verbindung bringen und damit zeigen: Alles, was wir zu uns nehmen, hat mal gelebt – ob Pflanze oder Tier – und wir sollten dankbar sein, es essen zu können.

Ja, ich werde pathetisch. Auch das (und nicht nur Appetit) kann die Sendung in einem erzeugen. In einem Interview mit Zeit Campus sagte der Philosoph Robert Pfaller vor Kurzem: „Genuss ist politisch“. Denn auch, wenn wir uns keine Sterneküche leisten könnten: Wer das Privileg hat, sich Essen – und sogar qualitativ hochwertiges – leisten zu können, der sollte es auch genießen.

Das fällt im Alltag vielleicht nicht immer leicht, wenn wir uns zwischen zwei Vorlesungen ein Brötchen vom Bäcker reinschieben oder in der WG mal wieder Resteessen machen müssen.

Was ich von der Serie „Chef’s Table“ aber mitnehme, ist eine lebensbejahende Dankbarkeit und Faszination für das, was da auf dem Teller liegt. Oder zumindest die Erinnerung an dieses Gefühl. Auch, wenn mein Essen nicht mit der Pinzette angerichtet wurde.


In der vierten Staffel wird erstmals ein deutscher Sternekoch dabei sein. Ich hoffe innig, dass Tim Raue das Image deutscher Köche wieder aufpoliert.

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