Warum ich als Schwuler mit einer zehnjährigen Beziehung als Exot gelte

Das Führen einer langjährigen schwulen Beziehung in jungen Jahren macht einen zum Exoten. Aber nicht zum Kandidaten für das Bundesverdienstkreuz.

"Ich liebe ihn immer noch wie blöd" © katdoubleve / photocase.de

„Wie lange seid ihr schon zusammen?“ „Zehn Jahre.“ Weit aufgerissene Augen, ungläubig-fassungslose Gesichtsmuskelentgleisung und ein langes, ehrfürchtig gehauchtes „Woooooow“. So reagieren Menschen häufig auf meine Antwort zur Frage nach der Dauer meiner Beziehung. Besonders gerne wird noch der Kommentar hinterhergeschoben, dass man das bei Schwulen ja selten erlebe. Ich nehme das Lob meiner Abweichung vom wahrscheinlich eher gefühlten als statistisch belegten schwulen Durchschnitts-Beziehungsverhalten zur Kenntnis und lächle höflich.

Hinter meinem Lächeln und der unterschwelligen Empörung darüber, dass Leute schwulen Beziehungen ein besonders kurzes Mindesthaltbarkeitsdatum aufstempeln, knistern in meinem Hirn die Synapsen. Ich blättere in Gedanken meine Kartei mit schwulen Freunden und Bekannten durch und muss widerwillig feststellen, dass unter der Kategorie Langzeitbeziehung nur mein Name und der eines ehemaligen Kommilitonen stehen.

Nicht schwulenspezifisch – sondern männerspezifisch

Für viele ist der Fall damit wahrscheinlich erledigt. Frei nach der alten Leier, schwule Männer bänden sich eben weniger häufig lange an einen Partner, weil sie überwiegend an Gelegenheitssexkontakten und nicht an zweisamer Beständigkeit interessiert seien. Davon mal abgesehen, dass das eine das andere nicht ausschließt, ist das Uraltklischee von einem distinktiv schwulen Sexverhalten ausgemachter Unsinn.

In seinem Buch Vom Himmel auf Erden – Was Sexualität für uns bedeutet schreibt der Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers, dass die Neigung zu Gelegenheitssex nicht typisch für Homosexualität, sondern für Männersexualität an sich sei. Wären Frauen in gleichem Maße an schnellem Sex interessiert wie Männer, wäre die ganze Zeit Love Parade, schreibt Ahlers.

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Bei meinen schwulen Freunden gibt es nicht den einen Grund, warum viele von ihnen in keiner festen Beziehung sind. Genauso wenig wie bei heterosexuellen Dauersingles. Es ist ein Mix aus unerfüllbaren Ansprüchen, Einzelgängertum und der Tendenz, sich nicht festlegen zu wollen. So sehr ich Pauschalisierungen ablehne, eine gewisse Verbindlichkeitsphobie, die die Suche nach einem Partner erschwert, ist der schwulen Community nicht abzusprechen. Vielleicht ist das Überangebot an aufregendem Sex zu verlockend oder das Bedürfnis heteronormativen Beziehungskonzepten nicht entsprechen zu wollen zu groß. 

Wie alles begann

Warum habe ich also trotz aller scheinbarer Widrigkeiten die für einen schwulen Mittzwanziger bewundernswerte Leistung abgeliefert, zehn Jahre mit demselben Mann zu verbringen? Als ich meinen Freund kennengelernt habe, war ich 16. Wir gingen auf dieselbe Schule, er war ein Jahrgang über mir. Entdeckt haben wir uns nicht auf dem Pausenhof, sondern auf einer Online-Plattform für schwule Jugendliche.

Wir hatten beim ersten Date Sex, haben auf Parkbanken rumgeknutscht und nachts besoffen Tiefkühlpizza gegessen. Unsere Teenager-Romanze hatte also dieselben Zutaten wie Millionen andere auch. Nur hatten wir uns nicht nach ein paar Wochen satt. Wir konnten uns außerdem ganz auf uns konzentrieren, weil das Angebot an geouteten, niedlichen und intelligenten schwulen Jungs in der sächsischen Provinz ziemlich überschaubar war.   

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In den folgenden Jahren kämpften wir mit typischen Paarproblemen: Barthaar-Teppiche auf dem Wasserhahn, in der Waschmaschine pulverisierte Papiertaschentücher und Auswahl des Sushi-Lieferdiensts. Diese Herausforderungen gemeinsam zu meistern, ist keine Heldentat. Vor allem nicht, wenn es im Großteil der anderen Lebensbereiche ziemlich gut flutscht.

Ich liebe diesen Mann immer noch wie blöde.“

Klar, zehn Jahre mit demselben Menschen zu verbringen, sind in Zeiten Snapchat-geschädigter Aufmerksamkeitsspannen schon ganz schön viele Tage. Aber ich habe mehr Respekt für AIDS-Forscher*innen, Black-Lives-Matter-Aktivist*innen und Knochenmarkspender*innen als für meinen Hormonhaushalt, der mir Herz und Hirn auf meinen Freund gepolt hat.    

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Ich möchte unsere Beziehung nicht kleinreden. Natürlich sind die Jahre mit meinem Freund etwas ganz Wunderbares und ein großes Glück. Ich liebe diesen Mann, neben dem ich jeden Morgen aufwache, immer noch wie blöde. Ich könnte den ganzen Tag meine Nase in seinen Locken versenken und ihm den Rücken kraulen. Das ist aber nicht so, weil ich mir besonders viel Mühe gebe, sondern weil er zufälligerweise der Deckel auf meinen Topf ist.

Manchmal ist er das aber auch nicht. Ich könnte sicher mehr mit der mir gegenüber häufig geäußerten Anerkennung meiner schwulen Langzeitbeziehung anfangen, wenn sie sich auf die Bewältigung der emotionalen Super-GAUs zwischen mir und meinem Freund beziehen würde, anstatt auf die bloße Anzahl an Jahren, die wir uns jetzt schon ein Klo teilen.

Nicht nur romantische Gründe

Nur fragen meine Bewunderer nie nach dem großen Haufen Mist, der sich bei jedem Paar nach so vielen Jahren engster Zweisamkeit zwangsläufig auftürmt. Mein Freund und ich hatten und haben Krisen. Kleinere und erdrückend große. Wir sind noch zusammen, weil kitschigerweise bisher immer die Liebe gesiegt hat. Aber auch, weil wir in unserem Freundeskreis sehen, wie schwierig es ist, einen Mann zu finden, der sich auf eine ernsthafte Beziehung mit einem anderen Mann einlassen will. Das klingt vielleicht unromantisch-pragmatisch, bewahrt uns aber vor dem Unglück, eine tiefe Bindung in dem Glauben zu kappen, dass sie sich mit einem anderen Menschen genauso gut oder besser herstellen lässt.

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Wenn jemand eine solche Bindung nicht will, ist das selbstverständlich völlig in Ordnung. Dass lange Beziehungen in exklusiver Zweierkonstellation noch immer der heilige Gral menschlicher Intimität sind, finde ich ein wenig zurückgeblieben. Egal ob homo, hetero, bi oder alles andere dazwischen. Ich will nicht, dass irgendjemand denkt, dass ich denke, meine Beziehung wäre das Nonplusultra. Es passt eben einfach mit mir und meinem Freund. Meistens zumindest.

Die zehn Jahre, die wir auf dem Buckel haben, sind nicht bundesverdienstkreuzverdächtig, sondern vor allem eine Kombination aus glücklichen Umständen, liebevoller Nachsicht für die Beklopptheit des anderen und einer gemeinsamen Vorliebe für fettiges Essen. Na gut, ein bisschen Arbeit gehört auch dazu.

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