Warum ich nie mehr Size Zero sein möchte

Hanna (27) fühlte sich immer zu dick und nahm 20 Kilo in acht Monaten ab. Mit Größe 34 ging es ihr so schlecht, dass sie absichtlich wieder zunahm und jetzt endlich zufrieden mit ihrem Körper ist.

BMI und Kilogramm sind egal, wenn man seinen Körper liebt. © viika / photocase.de

Als ich vor Hanna stehe, ist es erst ihr Gesicht, das mich begeistert. Sie ist keine klassische Schönheit, aber sie strahlt etwas aus, das ich in vielen anderen Gesichtern vergeblich suche: Lebenslust und Leidenschaft.

Als sie mir die Türe zu ihrer Wohnung aufmacht, trägt sie ihre schulterlangen, dunklen Haare offen, ihre blauen Augen sind kaum geschminkt. Wir gehen in die Küche und auf dem Weg werfe ich einen Blick auf ihre Figur. Hanna trägt eine enge schwarze Jeans und einen weißen Body. Sie hat einen weiblichen Körper mit einem runden Po und einer schmalen Taille. Bei einer Körpergröße von 172 Zentimetern wiegt Hanna 77 Kilo. Laut BMI ist sie leicht übergewichtig. Aber Zahlen sind ihr mittlerweile egal, sie liebt ihren Körper. Doch das war nicht immer so.

„Ich träumte von einer knabenhaften Figur“

Schon während ihrer Schulzeit gehörte Hanna immer eher zu den kurvigen Mädchen. Zumindest empfand sie das so. Sie war diejenige mit der größten Oberweite, sie hatte breitere Hüften und kräftigere Oberschenkel als ihre Freundinnen. „Ich passte immer gut in Kleidergröße 40 und habe mich nie wirklich viel zu dick gefühlt. Aber ich empfand mich selbst immer als etwas wuchtig, leicht pummelig und einfach zu weiblich“, erklärt sie.

Manchmal können einschneidende Erlebnisse oder negative Kommentare Auslöser für Selbstzweifel sein. Doch das war bei Hanna anders. Sie wurde nie für ihren Körper kritisiert, im Gegenteil: Ihre Freundinnen beneideten sie sogar teilweise um ihre weibliche Figur. Doch genau diese Weiblichkeit verteufelte Hanna damals. „Weiblich zu sein bedeutete für mich von allem ein bisschen zu viel zu haben.“ Jetzt, als erwachsene Frau, schätze sie das sehr. Aber als Teenager wollte sie nicht weiblich sein, sondern wäre am liebsten ein Strich in der Landschaft gewesen. „Alles, was ich hatte, wollte ich nicht. Ich wollte noch nicht mal weniger haben, ich wollte, dass nichts mehr übrig ist. Ich träumte schon fast von einer knabenhaften Figur, weil ich das einfach schön fand.“

Hanna kaufte nur vorteilhafte Kleidung

Bei ihrer Kleidung achtete sie immer öfter darauf, dass sie ihre Kurven kaschierte und nicht betonte. Sie bevorzugte lange Oversize-Hemden und hätte sich in kurzen Tops und figurbetonten Kleidern nie auf die Straße getraut. Anfangs sei es nur ihre Oberweite gewesen, die sie zu groß fand. Doch je stärker sie von einer dünnen Figur träumte, desto unwohler fühlte sie sich.

Die Oberarme fand sie zu dick, ihren Hintern zu groß und ihre Schenkel zu kräftig. Sie kaufte keine Kleidung, die ihr gefiel, sondern nur Stücke, die vorteilhaft waren.

„Dementsprechend stressig waren dann auch die Sommermonate“, sagt Hanna heute und lacht. Rückblickend sei es für sie besonders erschreckend, auf wieviel Lebensqualität sie damals verzichtete. Keine schönen Tage am See, denn im Bikini oder Badeanzug konnte sie ja wirklich nichts mehr verstecken. Keine unbeschwerten Partys, denn sie war die Erste, die es schwitzend im langen Hemd kaum mehr aushalten konnte.

„Ich wollte endlich in Größe 34 passen“

Fast fünf Jahre lebte Hanna so. Unzählige Diäten, die sie über die Jahre verteilt anfing, brachte sie nicht zu Ende. Bevor sie sich mit ihrem Körper abfinden wollte, gab sich Hanna noch eine letzte Chance. Diesmal richtig, diesmal sollte es klappen. „Alle Diäten, die ich alleine durchziehen wollte, blieben erfolglos. Als Sportmuffel und Naschkatze fehlte es mir langfristig leider an Disziplin.“ Steffen, der 36-jährige Freund ihrer Schwester, der als Personal Trainer und Ernährungscoach arbeitet, erstellte ihr einen Trainingsplan. Dreimal pro Woche Sport, eine kohlenhydratarme Ernährung, keine Süßigkeiten und keinen Alkohol.

„Zum Start der Diät im September 2014 wog ich 75 Kilo. Ich wusste nicht, wie sich mein Körper verändern würde. Ich wusste nur, dass ich es unter 60 Kilo schaffen, in Größe 34 passen und endlich dünn sein wollte.“ Hanna fokussierte sich auf die Zahlen. Sie hatte sich das Ziel gesetzt und würde es diesmal auch erreichen. Heute sagt sie: „Wenn ich mehr auf meinen Körper gehört und nicht in den Wahn der Zahlen gefallen wäre, hätte ich mich sicher nicht so heruntergeprügelt. Aber ich sah es ein bisschen als letzten Versuch für mich selber.“

Ende April wog Hanna nur noch 53 Kilo

Die ersten zehn Kilo purzelten innerhalb von vier Monaten. „Die ersten fünf waren am schwierigsten. Ich weiß noch, wie stolz ich war, als auf der Waage endlich eine Sechs anstelle einer Sieben vorne stand.“ In ihrer Vorstellung wollte sie jedes einzelne verlorene Kilo feiern, sich mit einem neuen Kleidungsstück belohnen und ihre veränderte Figur präsentieren. Aber die Realität sah anders aus.

Hanna wurde von Monat zu Monat ehrgeiziger. „Ich verfiel in eine Routine. Arbeiten, Sport, an den Wochenenden kochte ich meine Mahlzeiten für die Woche im Büro vor. Am Anfang der Diät bin ich noch auf Partys gegangen, aber der Verzicht auf Alkohol fiel mir schwer und deshalb ging ich gar nicht mehr aus.“ Hanna war süchtig nach ihrer Waage. Jedes verlorene Gramm hielt sie in einem Abnehmtagebuch fest. „Ich wusste durch die Zahlen, dass ich abnehme. Aber meinen Körper habe ich nicht beobachtet. Die Hemden, die ich immer noch trug, wurden natürlich noch weiter und meine Hosen, die mir zu groß wurden, tauschte ich gegen Leggings. Ich wollte mich mit neuer Kleidung erst dann belohnen, wenn ich mein Ziel erreicht hatte.“

Dass ihr Gesicht schmaler wurde, bemerkte auch ihr Umfeld schnell. „Da es kalt und ich immer dick angezogen war, war der Schreck dann umso größer, als ich die Diät beendete.“ Ende April wog Hanna nur noch 53 Kilo.

„Da war keine pralle Wölbung mehr. Er war flach“

„Es klingt vielleicht komisch, aber dass ich dünn war, kam für mich auch plötzlich.“ Das ursprüngliche Ziel, die 60 Kilo zu knacken, verwarf sie, als es die Waage anzeigte. Dann sollten es 55 sein.

Zu dem Zeitpunkt ging sie auch das erste Mal neue Kleidung kaufen. Und dann kam der Zeitpunkt, von dem sie so lange träumte: eine Jeans in Größe 34. „Ich hatte noch nie eine so kleine Hose in den Händen gehalten! Ich stand das erste Mal nach acht Monaten in einer Umkleidekabine, sah mich das erste Mal in so einer engen Hose und erkannte mich nicht wieder. Ich war erschrocken.“

Der Hintern, den Hanna so gehasst hatte, war verschwunden. „Als ich mich seitlich betrachtete, war da keine pralle Wölbung mehr. Er war einfach flach.“ Von vorne sah sie, dass sich die Innenseiten ihrer Oberschenkel nicht mehr berührten. „Ich fühlte mich nackt und hatte das Gefühl, dass man alles sehen konnte.“ Im Licht der Umkleidekabine sah sie ihr hervortretendes Schlüsselbein und einen leichten Schatten der Muskulatur ihres Brustkorbes. Den Sport-BH, den sie trug, seit ihre BHs nicht mehr passten, zog sie aus. Dort, wo früher ihre verhassten großen Brüste waren, hingen nur noch Hautlappen. „Dass sich meine Oberweite veränderte, bemerkte ich natürlich vorher schon. Aber in dem Licht der Kabine war das der Horror. Ich will nicht übertreiben, aber die hingen fast bis zum Bauchnabel. Es sah furchtbar aus.“

„Es ging mir um das Gewicht, das ich erreichen wollte“

Dass sich Hanna in der Umkleidekabine das erste Mal in einem anderen Licht sah, findet sie heute nicht verwunderlich. „Ich habe mich während der Diät auch zu Hause vor den Spiegel gestellt, aber eben immer nur vor meinen, den ich schon seit Jahren habe. Und nie nackt.“ In der Kabine stand sie halbnackt in einer ungewohnten Umgebung und im grellen Licht.

„Es ging mir um das Gewicht, das ich erreichen wollte. Dass sich auch mein Körper verändern würde, war mir klar, aber ich habe die Veränderungen nicht beobachtet. Die Zahlen waren Beweis genug, dass ich abnehme und meinem Ziel näherkomme. Deshalb habe ich auch bis zu dem Zeitpunkt keine anderen Begleiterscheinungen wahrgenommen.“ Nach dem Erlebnis in der Umkleidekabine wollte Hanna nicht weiter abnehmen. Sie war jetzt dünn genug.

Hanna kaufte sämtliche Hosen in kleinen Größen, tauschte ihre Oversize-Hemden gegen figurbetonte T-Shirts, kurze Pullover und Blusen. Obwohl sie ihren neuen Körper nicht attraktiv fand, so war sie immerhin dünn und das wollte sie jetzt genießen.

„Ich habe mich unheimlich zerbrechlich gefühlt“

Als Ende April die Tage ein bisschen wärmer wurden, hatte Hanna nichts davon. Sie lag krank im Bett. „Mir war schon länger häufig kalt und ich schob das damals auf eine anstehende Grippe. Aber an mir war einfach nichts mehr dran.“ Als Hanna im Bett lag, fiel es ihr schwer, eine gemütliche Position zu finden. „Ich habe immer am liebsten auf der Seite geschlafen, die Beine angewinkelt. Aber so konnte ich nicht mehr liegen, weil ich Schmerzen hatte. Die Knochen meiner Beine lagen aufeinander.“

Einmal rollte sie sich unter der Decke zusammen und stieß versehentlich mit ihrem Ellenbogen an ihren Beckenknochen. Erst da fühlte sie, wie sie links und rechts hervortraten. „Ich spürte meine Rippen, ich spürte meine Knochen, es war kaum mehr ein Gramm Fett an mir. Nichts Weiches, keine Rundung, keine Form. Alles war hart und kantig. Ich habe mich unheimlich zerbrechlich gefühlt.“

Wieso hatte Hanna während ihrer Abnahme keine Veränderungen gespürt? „Ich habe einfach nicht auf meinen Körper geachtet. Nicht äußerlich und nicht innerlich. So lange ich mein Ziel noch nicht erreicht hatte, war für mich klar, dass ich weiter abnehmen musste.“ Während der Woche im Bett nahm Hanna weitere zwei Kilo ab. Diesmal unabsichtlich.

Hanna konnte Essen nicht mehr genießen

„Jeder, der mich so sah, machte sich Sorgen. Meine Mutter weinte, als sie mich das erste Mal in figurbetonter Kleidung sah. Leute, die mich länger nicht gesehen hatten, fragten, ob ich krank sei. Obwohl es mein Körper war und ich mich bewusst für diesen Schritt entschieden hatte, fragte ich mich aber heimlich auch, ob ich so aussehen und leben wollte.“ Hanna hatte sich ein Stück Lebensqualität geschenkt, indem sie alles anziehen konnte, was sie wollte, ohne sich dick zu fühlen.

Ohne es zu merken hatte sie sich aber auch gleichzeitig ein größeres Stück Lebensqualität genommen: Sie konnte nicht mehr genießen. „Bevor ich mich dazu entschloss, wieder zuzunehmen, hatte ich vor allen Leckereien, die mir früher geschmeckt haben, Angst.“ Hanna liebt Schokolade, Pizza und Pommes, aber machte mit einer dünnen Figur einen Bogen darum. „Da ich Sport hasse und mich nur in der Diät so gequält habe, wäre die Alternative gewesen, dass ich für jede gegessene Fritte aufs Laufband springe. Also verzichtete ich lieber.“

„Ich war rein optisch hilfsbedürftig“

Die Diät veränderte nicht nur Hannas Optik, sondern auch sie selbst. „Ich fühlte mich sehr angreifbar. Ich war ständig müde, mir war kalt, ich konnte nirgendwo lange sitzen, ohne dass mein Po wehtat, weil ich meine Knochen spürte.“ Ihre Bewegungen verlangsamten sich, sie glich einem Storch im Feld, wenn sie sich fortbewegte.

Es fühlte sich für sie so an, als hätte sie mit ihren kräftigen Oberschenkeln auch ein bisschen Halt verloren. „Ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen, weil ständig jeder auf mich Acht gab. Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs war, durfte ich nachts nicht mehr alleine nach Hause laufen, sondern wurde gebracht oder in ein Taxi gesetzt. Ich war rein optisch hilfsbedürftig.“ Anfangs habe Hanna das noch genossen, weil sie diese Art Aufmerksamkeit nicht kannte. Aber schon nach kurzer Zeit wurde sie selbst schreckhafter und unsicherer. „Ich legte mir sogar ein Pfefferspray zu, weil ich Angst hatte, mich nicht verteidigen zu können, falls ich angegriffen werden würde.“

Ihre Wirkung als Frau veränderte sich

Obwohl sich Hanna mit mehr Kilos damals nicht wohlfühlte, empfand sie sich trotzdem immer als stark und selbstbewusst. „Vielleicht waren diese Kilos auch eine Art Schutzschild oder das dicke Fell, von dem man spricht. Dadurch, dass ich das nicht mehr hatte, habe ich mich zusätzlich klein gefühlt.“

Hanna bemerkte, dass sich ihre Wirkung als Frau auch auf fremde Männer verändert hatte. Es gab keine mehr. Sie war es gewöhnt, gut anzukommen. Mittlerweile nahmen die Männer keine Notiz mehr von ihr. Sie übersahen sie regelrecht. „Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich keine Ausstrahlung mehr hatte oder ob ich einfach wirklich zu dünn war. Wenn ich abends mal aus war, gab es noch nicht mal Augenkontakt mit jemandem.“ Sie war chancenlos.

Zahlen und Größen sind nicht ausschlaggebend, um sich wohlzufühlen

Zwei Monate lang wog Hanna 55 Kilo. Diese Zeit bezeichnet sie heute als eine der wichtigsten Phasen ihres Lebens. Obwohl sie endlich ihr Ziel erreicht hatte, war es nicht das, was sie wollte. „Ich saß in meinem Sommerkleidchen und meinen dürren Ärmchen auf der Wiese und fror. Ich fühlte mich unwohl, knochig, unweiblich und unsexy. Ich fühlte mich klein, wenig fraulich und sehr zerbrechlich. Warum also das Ganze?“

Als Hanna mir das erzählt, strahlt sie mich an und ihre Augen leuchten. Für sie sei besonders wichtig, dass sie selbst erkannt habe, wie wenig Zahlen und Größen mit dem eigenen Wohlbefinden zu tun haben. „Es gibt Frauen, die sich mit 55 Kilo wohlfühlen und dazu noch toll aussehen. Aber ich müsste mit dem Gewicht auf Dinge verzichten, die ich einfach zu sehr schätze.“ Hinzukomme, dass jeder Körper anders sei. „Die Proportionen sind bei jeder Frau unterschiedlich und der BMI nicht immer direkt ein Zeichen dafür wirklich übergewichtig zu sein.“ Hanna sagt heute: „Ich weiß im Moment wie viel ich wiege, weil ich wusste, dass du mich das fragen wirst. Aber ehrlich: Ich fühle mich wohl. Mit meinen Kurven, mit meiner Brust, die endlich wieder da ist und mit meinem Hintern, der noch ein bisschen praller geworden ist.“