Warum ich mich ohne Make-up stärker fühle

Für viele Menschen gehört der Pinselstrich zur morgendlichen Routine. Für mich nicht.

Tasnim ohne Schminke. Foto: Susanne Dickel

Mit 14 Jahren verbrachte ich jede freie Minute in dem bunten Drogeriemarkt meiner grauen 40.000-Einwohner-Heimatstadt. Ich besaß Kajalstifte in allen Farben, mit Glitzer und als Pocket-Version für unterwegs. Dafür ging regelmäßig mein gesamtes Taschengeld drauf. Warum? Ich wollte halt aussehen, wie die Mädchen aus der Bebe-WG. Das machte frau in meinem Alter einfach so.

Mit 18 Jahren arbeitete ich dann eine ganze Weile auf ökologischen Höfen im Westerwald und Stockholm. Da war nichts groß mit Schminken – es war einfach total unwichtig, wie mensch beim Unkrautrupfen aussah. Die Kleidung sollte möglichst pragmatisch und die Haare aus dem Gesicht sein. Fertig.

Die Zeit fernab von blinkenden Werbeflächen und Einkaufszentren bewegte mich dazu, meinen Konsum zu überdenken und zu reduzieren. Es ist nicht so, dass ich geschminkte Gesichter unästhetisch finde. Und, bevor sich irgendjemand angegriffen fühlt, möchte ich auch klarstellen: Ich habe nichts gegen Menschen, die sich gerne schminken. Ich habe einfach vor drei Jahren aber festgestellt, dass ich auf die Frage, für wen oder warum ich mich schminke, keine triftige Antwort mehr habe.

Gegen Konsum – und für Faulheit

Also entschied ich mich dagegen – und zugegeben, auch ein bisschen für die Faulheit. Schminkfrei zu sein, bedeutet für mich aber auch, unabhängig zu sein. Unabhängig von gesellschaftlichen Normvorstellungen, von einer wachsenden Schminkindustrie und umweltschädlichen Stoffen.

Diese Entscheidung gab mir überraschenderweise eine andere Haltung. Ich bewege mich seitdem mit einem Gefühl von Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit durch die Menschenmengen – ein Gefühl, das ich vorher nie so empfunden hatte.

Über meine eigene Empfindungen hinaus, hinterfragte ich die Funktion des Make-ups in unserer Gesellschaft. Ist die Schminkerei nicht nur ein Instrument der Unterdrückung und Verdinglichung der Frau, die sich „schön“ schminken muss, um den Ansprüchen der patriarchalen Gesellschaft zu genügen? Muss ich mich als Frau dem Schönheitskult beugen, um akzeptiert zu werden? Vieles sprach dafür, weshalb ich mich in meiner Entscheidung bestärkt fühlte. Nein. Das will und brauche ich nicht.

Make-up und Feminismus

Ich hatte das Gefühl, mit der Entscheidung gegen das Schminken auch ein feministisches Statement zu setzen. Aber: War Make-up überhaupt so oberflächlich, männlich bestimmt und unfeministisch, wie ich vermutet hatte? Im Herbst 2016 brachte mich die Ausgabe #32 des Missy Magazins darauf, noch theoretischer über das Thema nachzudenken.

Make-up oder nicht? Das ist eine groß diskutierte Frage unter Feminist*innen. Zahlreiche von ihnen sehen im Make-up den gesellschaftlichen-patriarchalen Zwang, Oberflächlichkeit und verschwendete Zeit: Eine Erniedrigung der Frau, für die es sich in dieser Gesellschaft nicht gehört, ohne Lidstrich aus dem Haus zu gehen.

Als Alicia Keys im Mai 2016 beschloss, sich nicht mehr zu schminken und bei den MTV Video Music Awards völlig unbemalt auf der Bühne auftrat, reagierten Medien und Zuschauer*innen in sozialen Medien geschockt. Wie kann frau sich bloß so ins Rampenlicht trauen?

[Außerdem auf ze.tt: Alicia Keys kommt ungeschminkt zu den MTV Video Music Awards – und alle regen sich auf]

Die Erklärung lieferte die Sängerin in ihrem Essay Time to Uncover, den Lena Dunham in ihrem feministischen Newsletter Lenny publik machte. Jahrelang habe sie sich im Showbusiness wie ein Chamäleon gefühlt, in dem sie nicht nur ihr Gesicht, sondern auch „ihren Geist, ihre Seele, ihre Gedanken, ihren Kampf und ihre emotionale Größe“ verdecken musste.

Schminke als Selbstermächtigung

Auf der anderen Seite gibt es die Feminist*innen, die Make-up als Instrument der Selbstermächtigung und Ästhetik verstehen – und das ist eine Perspektive, die mich überrascht. Für starke Frauen wie Gossip-Sängerin und feministische Queer-Ikone Beth Ditto oder Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, die seit November 2016 das Werbegesicht der Kosmetik-Marke No7 ist, sind Tusche, Puder und Lippenstift etwas wesentliches, etwas bestärkendes – wie es für mich das ungeschminkte Gesicht ist.

In einem Interview erklärte Adichie: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal machen würde. Aber ich möchte auch die Botschaft vertreten, dass Frauen, die Make-up mögen, trotzdem wichtige und ernste Sachen in ihrem Leben machen können. Dass beides zusammen existieren kann, dass Frauen vielfältig sind. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir endlich die lächerliche Vorstellung verwerfen, eine ernstzunehmende Frau dürfe sich nicht um ihr Aussehen kümmern.“

Auch Beth Ditto hat lange ein schwieriges Verhältnis zur Schminke. Der US-Vogue erzählte sie, dass sie als Teenager gegen die Idee von Make-up angekämpft habe. Später habe sie dann die Riot-Grrrl-Bewegung kennengelernt. „Diese Frauen haben sich einfach Teile von betont weiblicher Mode genommen und sie in einen neuen Kontext gestellt. Das hat mich dazu gebracht, Make-up, rasierte Beine und Kleider nicht mehr als feindliche Accessoires zu betrachten“, sagte sie im Interview zur Vogue.

Lippenstift als politisches Instrument

Das sind starke Statements und Denkansätze, die vor allem im modernen Feminismus vertreten werden und mich meine feindlichen Einstellung gegenüber dem Schminken überdenken ließen. Es ist falsch, Make-up auf ein oberflächliches, eitles Getue zu reduzieren. Make-up schrieb lange Geschichte und hat für den Feminismus oder viele Kulturen einen wichtigen Wert.

Die Suffragetten zum Beispiel instrumentalisierten den roten Lippenstift zu einer Kampfansage. Anfang des 20. Jahrhunderts demonstrierten sie mit roten Lippen in den Straßen New Yorks für das Frauenwahlrecht. In den 1980er-Jahren diente Make-up der dritten Frauenbewegung als Akt der Befreiung: Sie feierten die Schminke als Symbol für selbstbestimmte Lebensfreude und Sexualität.

Zudem ist es falsch, es als ein typisches Frauenhobby abzutun. Der Glaube daran, dass sich nur Mädchen schminken und schminkende Jungs Gefahr laufen, homosexuell zu werden, ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, erklärt die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Ulrike Weish. Schon die Ägypter bemalten ihre Gesichter – auch die Männer. „Make-up und Mode waren bis zur Moderne das Privileg des Adels. Egal, ob männlich oder weiblich – es wurde rasiert, geschminkt und geschmückt. Künstlichkeit galt als höchstes ästhetisches Ideal.“

Schminken ist keine Frauensache

Mit solchen Vorurteilen müssen viele Frauen, allerdings auch Männer kämpfen. So auch der Beauty-Blogger Oskar aka „Ossi Glossy“. Mit erst 12 Jahren ist Oskar der absolute Schmink-Profi und zählt mittlerweile fast 250.000 Abonnenten auf Youtube. Mein erster Eindruck, als ich seine Videos sah: Wow, der hat es drauf. Seine Mimik, Gestik, sein Auftritt sind wirklich überzeugend – auch wenn ich die werbliche Funktion seiner Videos stark kritisiere.

Umso schlimmer sind die Kommentare und Reaktionen, die täglich unter seinen Videos zu lesen sind. „Hoffentlich werden bald die ganzen Jungs nicht so…“, „Wieso macht man sowas?“, „Bist du schwul?“ Mit diesen Kommentaren räumte Oskar im folgenden Video auf:

Trotz allem schminkfrei

Wenn ich heute in Drogeriemärkten an den Maybelline und Essence-Regalen vorbeigehe, bin ich trotzdem froh, mein Geld in andere Dinge investieren zu können. In gutes Essen, Kaffee oder lange Barabende mit Freunden zum Beispiel. Ich verspüre jedoch keine Verachtung mehr, wenn sich vor den Schmink-Regalen regelrecht Trauben bildeten – sowie ich es früher getan habe.

Nachdem ich mich mit all diesen Perspektiven über das Make-up, seinen Vorteilen und Funktionen, auseinandergesetzt habe, schätze ich seinen Wert. Ich freue mich, wenn mir meine Mama ihre alten Lippenstifte vermacht. Und ab und zu, wenn sich Weihnachtsfeiern oder Festivals ankündigen, greif ich umso lieber in die Schminktaschen (meiner Freund*innen) und pack mir Glitzer ins Gesicht.

Außerdem auf ze.tt