Warum ich mich unbezahlt zur Tätowiererin ausbilden lasse

Laura hat schon einige Jobs ausprobiert, glücklich war sie nie. Bis jetzt: Seit einem Jahr macht sie eine Ausbildung zur Tätowiererin.

Wer eine Lehre ergattern will, braucht Talent – und Glück. Archivbild © dpa

Vor fünf Jahren, mit Anfang 20, hat Laura sich ihr erstes Tattoo stechen lassen. „Einen dicken, fetten, bunten Muffin auf den Fuß“, erzählt sie und lacht. Seitdem lag sie noch viermal unter der Nadel. „Könnte ich mich heute noch einmal entscheiden, wäre das Motiv nicht mehr der Muffin.“ Obwohl sich Laura den Schritt damals gut überlegt hatte. Trotzdem bereut sie es nicht.

Ich finde es in erster Linie schön, dass auf meinem Fuß überhaupt irgendetwas ist“, sagt Laura über ihr erstes Tattoo.

Lauras Leidenschaft für Körperkunst kommt nicht von ungefähr – sondern von ihren Eltern. Die haben mit 45 Jahren angefangen, sich tätowieren zu lassen. „Als ich 16 war, habe ich ein Piercing bekommen. Meine Mama saß im Raum nebenan, ihr wurde dort der Rücken tätowiert.“

Nach ihrem Abi hat Laura dann in viele Berufe reingeschnuppert: Sie hat ein Praktikum beim Zoll gemacht, beim Optiker, in einer Anwaltskanzlei. Doch das Richtige war nicht dabei. Sie klemmte sich ihre Zeichenmappe unter den Arm stellte sich bei mehreren Tattoostudios vor. So hat es Laura nach Köln verschlagen.

Offiziell ist die Lehre ein unbezahltes Praktikum

Die junge Frau hat mit ihrem Chef ausgemacht, dass sie für zwei Jahre als Azubi in dem Studio bleibt. Danach wird sie für zwei Jahre übernommen. Während ihrer Lehre bekommt Laura kein Gehalt. „Offiziell mache ich ein unbezahltes Praktikum. Meine Ausbildung ist staatlich nicht anerkannt.“

Laura bei der Arbeit. © Laura

Sie muss weder zur Berufsschule noch sind Ausbildungsinhalte vorgegeben. Hätte sie nicht ihr Erspartes und die Unterstützung ihres Ehemannes, wäre es finanziell sehr schwierig, meint Laura. Sie war schon froh, dass sie für ihre Ausbildung nichts bezahlen muss. „Es gibt Tätowierer, die Geld dafür verlangen, dass sie es dir beibringen“, erzählt Laura. „Die wollen dann mehrere tausend Euro und versprechen, dass du innerhalb von einem halben Jahr tätowieren kannst.“

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Laura kann sich allerdings nicht vorstellen, dass man sich so schnell ein solides Wissen aneignet. Bei einem Beruf, in dem man anderen Menschen Wunden zufügt, scheint der angehenden Tätowiererin ein halbes Jahr zu kurz. „Es hat schon seinen Grund, dass die meisten anerkannten Ausbildungen zwischen zwei und drei Jahren dauern. Beim Tätowieren geht es ja nicht nur ums Stechen selbst, sondern auch um Hygienevorschriften und verschiedene Zeichenstile.“ Dass man kreativ ist und gerne Motive entwirft, sei sowieso sehr wichtig für den Job.

Ich habe schon immer sehr gerne gezeichnet – vorzugsweise im Matheunterricht“, sagt Laura.

Die Zeichnungen seien auch wichtig für die Kund*innen. „Es gibt schwarze Schafe in der Branche. Wenn man ein Tattoo haben will, sollte man sich deshalb auf jeden Fall das Studio ansehen. Und die Zeichnungen des Tätowierers, das ist ganz wichtig“, erklärt Laura. „Am Besten ist, man hat Bekannte, die schon dort waren und deren Tattoos gut verheilt sind.“

Die Azubine rät dringend davon ab, eine billigen Preis als Kriterium anzusetzen. In dem Studio, in dem Laura arbeitet, wird kein Motiv unter 100 Euro gestochen. Denn in einem Tattoo stecke viel Arbeit, die man nachher auf der Haut gar nicht sehe: „Wir machen nur Unikate, jedes Motiv wird extra gezeichnet. Und oft mehr als einmal, weil der Kunde noch Änderungswünsche hat. Dazu kommen dann noch die Beratung, das Material und das Nachstechen.“ Allerdings spricht ein höherer Preis nicht zwangsläufig dafür, dass man auch gute Qualität bekommt. „Ein schlechter Tätowierer kann natürlich auch viel Geld verlangen.“

Dass sie nach ihrer Lehre keinen offiziellen Abschluss hat, macht Laura keine Sorgen – weil sie vorgesorgt hat: Die junge Frau hat eine anerkannte Ausbildung zur Kosmetikerin absolviert, bevor sie sich als Tätowiererin beworben hat. Zum einen, um sich für die Zukunft abzusichern. Zum anderen, um etwas über die Beschaffenheit der Haut zu erfahren. „Das war eine gute Vorbereitung, ich hab zum Beispiel viel über Hautaufbau und Krankheiten gelernt.“

Das erste Tattoo stach sie sich selbst

Laura sticht momentan etwa einmal pro Woche ein Motiv, oft bei Freund*innen und Bekannten. Die geben ihr dafür ein Trinkgeld. Ihr erstes Tattoo hat sie sich selbst gestochen. „Weil ich mir gedacht habe: Wenn ich es mir nicht an mir selbst zutraue, dann gehe ich auch an niemand anderen dran.“

Danach kam ihr Chef auf Laura zu. „Der hat mich ins kalte Wasser geworfen. Er meinte, er will Davy Jones von Fluch der Karibik auf seiner Wade haben. Und sagte, ich hätte zwei Stunden Vorbereitungszeit, um den zu zeichnen.“ Dann ging es auch schon los: „Ich hab echt geschwitzt und war so aufgeregt, aber nach ’ner halben Stunde war es okay. Irgendwann hab ich mich nur noch auf die Linien konzentriert“, erzählt Laura.

Ein bisschen nervös scheint sie noch heute zu werden, wenn sie an den Moment zurück denkt. Trotzdem strahlt sie. „Mein Chef hat mich beobachtet. Wenn er gemerkt hat, dass ich dazu tendiere, irgendetwas falsch zu machen – dann hat er mich unterbrochen und es mir noch mal gezeigt.“

Links Lauras Zeichnung, rechts das Tattoo auf dem Waden ihres Chefs – immer, wenn sie Zeit hat, sticht sie daran weiter. © Laura

Vor ihrem ersten Mal hat Laura auf Schweinehaut und Pampelmusen geübt – um zu lernen, die Maschine richtig in der Hand zu halten. „Aber dabei fehlt das Wichtigste: der Heilungsprozess der Haut.“ Denn erst wenn die Haut abheilt, kann man wirklich sehen, ob ein Tattoo sauber gestochen wurde. Ob alle Linien akkurat gezeichnet, alle Schattierungen ausgearbeitet sind.

Bisher ist der Davy Jones auf der Wade ihres Chefs noch nicht fertig, Laura arbeitet immer mal wieder daran. „Das ist so ein fettes Motiv, der wird einfach riesig.“

Ein bestimmtes Ziel hat sich Laura noch nicht für die Zukunft gesetzt. „Ich freue mich einfach auf den Tag, an dem ein Kunde durch die Tür kommt, irgendeinen Wunsch äußert – und ich sage: Klar, kann ich, mach ich dir.“ Empfindliche Körperstellen durfte die Azubine bisher nicht tätowieren – deshalb kann sie noch nicht jedes Anliegen ihrer Kund*innen erfüllen. „Aber irgendwann ist der Tag da, an dem ich nicht mehr sagen muss: Komm doch bitte in ’nem halben Jahr wieder.“

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Wenn es soweit ist, kann Laura sich vielleicht auch ihren nächsten Wunsch erfüllen: ihren Bruder zu tätowieren – denn der hat sich noch nicht vom Tattoowahn seiner Familie anstecken lassen. „Meine Eltern haben Tattoos, meine Schwester und ich. Nur er fehlt noch“, meint Laura und lacht.