Warum wir 2016 mehr Zusammenhalt und Mitgefühl brauchen

Grexit, die Anschläge in Paris und Tunesien, der Abgasskandal, die Konflikte in Syrien und der Ukraine: Nach einem turbulenten 2015 formuliert unsere Autorin Wünsche an ein friedlicheres Jahr 2016.

© AFP/Joesl Sage/Getty Images

Neujahrsfeier auf den Champs-Élysées in Paris am 1. Januar 2016. © AFP/Joesl Sage/Getty Images

2015 war ein turbulentes Jahr. Eines, das länger braucht, um verarbeitet zu werden. Und eines, aus dem sich einige Wünsche für ein friedlicheres 2016 ableiten lassen.

Wir sollten nicht immer nur Probleme sehen

Überall auf der Welt gibt es Probleme. Um dies zu erkennen, muss man kein Experte für irgendetwas sein, es reicht schon, den Fernseher anzuschalten. Wir denken aber oftmals lieber in Problemen als in Lösungen – weil wir uns gerne in Dinge hineinsteigern. Dann gehen wir so richtig in diesen Problemszenarien auf und sind froh, weil wir uns aufregen durften. Eine Lösung haben wir leider immer noch nicht. Vielleicht wäre ein erster Schritt, nicht zu viel zu lamentieren, sondern einfach mal anzupacken. Die Welt lässt sich leider nicht in 45 Minuten retten.

Ist Solidarität wirklich out?

Ob in der Familie, im Freundeskreis oder in der Uni: Menschen, die immer nur an sich denken, mag keiner. Scheinbar kommt man weiter, wenn man nur an den eigenen Vorteil denkt. Ich glaube, man bekommt viel mehr zurück, wenn man auch mal gibt. Der Kommilitonin, der Kollegin, der Gruppe. Und die Sache im großen Ganzen betrachtet, als immer nur auf den eigenen Vorteil zu schielen. Den eigenen Artikel. Das eigene Sprungbrett. Wir sollten alle wieder mehr hergeben. Und damit meine ich nicht nur Geld, sondern auch Mitgefühl und Unterstützung.

Der Philosoph Seneca formulierte es so: „Wir sind geboren, um gemeinsam zu leben. Unsere Gemeinschaft ähnelt einem Gewölbe, in dem die Steine einander am Fallen hindern.“

Schluss mit der verlogenen Nachhaltigkeit

Generationengerechtigkeit, Transparenz und Vertrauen – die Begriffe klingen so leicht daher gesagt – sind aber enorm wichtig. Ich wünsche mir, dass wir nachhaltiger leben. Und zwar nicht pseudo-nachhaltig (auch VW hat angeblich vor dem Abgasskandal eine nachhaltige Unternehmenskultur gepflegt), sondern achtsam und respektvoll gegenüber unseren Mitmenschen und der Umwelt.

Es gibt viele Themen, die wir besser und anders angehen könnten: Billigfleisch, Biodiversität, Klimaschutz – die Liste an Themen, die auf der Welt brennen und uns irgendwann auf die Füße fallen, ist groß. Wir alle können im Kleinen einen Teil dazu beitragen, die Welt gesund zu erhalten.

Lasst uns öfter anecken

Bei jedem Gespräch in der Kantine, bei Abendveranstaltungen mit Freunden, oder in der Uni: Wir sollten uns öfter trauen, eine eigene Meinung zu vertreten, eigene Wege zu gehen, anzuecken. Wir können alle mutiger sein, unsere eigenen Pläne und Träume zu verwirklichen. Auch mal falsch abzubiegen, anzuecken, wütend zu sein. Laut zu werden.

Wie geht ihr mit dem Scheitern um, was hat euch geholfen wieder aufzustehen? Mich interessieren bei Facebook und Instagram nicht nur eure Erfolgsgeschichten, eure Urlaube, eure Hochzeiten, eure Cocktails. Sondern ebenso, wenn nicht noch mehr, eure Trauer, eure Wut, eure Einstellung zu Themen.

Wir sollten uns überlegen, wie wir ins Netz schreiben

Hasskommentare schreiben nur die anderen? Wir sind alle Teil des Shitstorms. Noch ein lustiges Bild, ein Tweet favorisiert. Haha. Lol. Dabei ist es wichtig, dass wir im Internet anderen Menschen so begegnen, wie wir auch behandelt werden wollen. Konstruktive Kritik hat mir im vergangenen Jahr nicht geschadet – sie hat mich weiter und zum Nachdenken gebracht. Aber unreflektierte Pöbeleien machen unser freies Internet kaputt.

Der Theaterregisseur Christoph Schlingensief sprach in seinem Buch „So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein“ über das Leben auf unserer Erde. Und er fand die richtigen Worte: „Wenn die Menschheit verstehen würde, dass man anpacken kann, dass man Frieden schaffen kann, dass dieser Hass nichts bringt, dann wäre das hier eine Sensation, das Tollste, was man sich überhaupt vorstellen kann.“

Wir brauchen mehr Mitgefühl

Egal ob bei großen Familienfesten, im Supermarkt oder in der U-Bahn: Ich habe mich doch sehr gewundert über Aussagen wie „Die Flüchtlinge sollen wieder nach Hause gehen“ oder „Die Rentner müssen sich noch was dazuverdienen, aber für Flüchtlinge baut der Staat Häuser“. Die abenteuerlichste Aussage, die ich in den vergangenen Monaten gehört habe, war: „Hätten wir hier in Deutschland Krieg, würde ich auch nicht nach Syrien fliehen, sondern mich bei einem Kumpel in London oder Frankreich einquartieren.“

Erinnern wir uns daran, dass zwischen 1944 und 1948 11,9 Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen mussten und 1950 auf die Gebiete der damaligen Bundesrepublik und der DDR verteilt wurden.

Ich kann verstehen, dass Menschen Angst haben vor einer Flüchtlingssituation, die so seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr da war. Aber weshalb in Dresden tausende Menschen auf die Straße gehen, aus Angst vor der Islamisierung des Abendlandes und Parolen skandieren wie „Volksverräter“ und „Lügenpresse“, das verstehe ich wirklich nicht. Was wir in der jetzigen Situation nicht brauchen, ist Hetze und Hass gegen Menschen, die um ihr Leben bangen. Das Abendland, das die Pegida-Anhänger vorgeben zu schützen, steht für Werte wie Menschenwürde, Solidarität und Pressefreiheit. Für 2016 wünsche ich mir mehr Differenziertheit. Mehr Denk-Kreativität. Mehr Menschlichkeit.

Wir brauchen mehr Zusammenhalt

An manchen Tagen wünsche ich mir mehr Zusammenhalt, mehr Gemeinsames. Frauen sehen sich oftmals leider immer noch als Konkurrenz, dabei können wir gemeinsam viele tolle Dinge schaffen und Projekte auf die Beine stellen. Zum Glück hat sich das in den letzten Jahren schon verändert. Aber wir brauchen mehr davon.

Wir dürfen uns nicht verlieren in Gefühlen wie Ohnmacht, Egoismus und Ungewissheit. Wir sollten uns viel mehr informieren, zusammenhalten und uns in andere hineinversetzen. Wir sollten ausprobieren, auch um den Preis des Scheiterns. Gerne auch öffentlich. Das ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.

Es sind oft gerade die zurückhaltenden, stillen Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Die nicht laut nach uns rufen, an uns zerren, etwas wollen. Wenn wir an unserem Mitgefühl arbeiten, an unserer Achtsamkeit, können wir nur gewinnen. Vielleicht ist eine Möglichkeit, mit den guten Vorsätzen umzugehen: sich nicht zu viele Vorsätze aufzuhalsen.

Ich habe schon einen.