Warum ich nicht in einer Welt voller Optimismus leben will

„8 Dinge, die positive Menschen jeden Tag tun“ – unsere Autorin Ilona Hartmann kann es nicht mehr hören. Realistischen Pessimismus findet sie pfiffiger und unterhaltsamer.

Lasst mich in Ruhe mit eurem Optimismus! Foto: Pexels | CC0 Lizenz

„Einstellung, bei der nur das Gute gesehen oder erwartet wird.“ So lautet die Definition von Optimismus im Duden. Optimistische Menschen gelten als glücklich, produktiv, gesund, leben länger als jede thailändische Riesenschildkröte und ziehen das Glück magnetisch an wie elektrostatische Wischtücher den Dreck. Wahrscheinlich wissen sie auch alle Passwörter auswendig und vergessen nie ihre Sonnenbrille zu Hause. Kurz: Ihr Leben klingt wundervoll. Ihre Lebenseinstellung ist das Lebenskonzept der Stunde. Deshalb sollen wir alle optimistisch sein und werden von den Medien ohne Unterlass in Sachen Glücklichkeit und positiver Lebenseinstellung geschult, oder besser gesagt: gedrillt.

„8 Dinge, die positive Menschen jeden Tag tun“, „In 12 Schritten zu mehr Optimismus“, „Wie ich mich entschieden habe, glücklich zu sein“ – ich könnte mich gar nicht entscheiden, welchen dieser Artikel ich zuerst nicht lesen will. Das Prinzip Optimismus ist so durchschaubar und eindimensional, dass mich nicht mal die Aussicht auf ein angeblich zufriedeneres Leben dazu bewegen könnte, vor dem Spiegel Lächelübungen zu machen oder ein Dankbarkeitstagebuch zu führen.

Optimismus wird oft vorschnell gleichgesetzt mit mentaler Stärke, emotionaler Intelligenz und sozialer Kompetenz.“

Leben optimistische Menschen wirklich grundlegend anders?

Acht Dinge, die optimistische Menschen jeden Tag tun? Kann ich aus dem Stehgreif gleich mehrere aufzählen: einatmen. Ausatmen. Blinzeln. Essen. Scheißen. Bei Rot über die Ampel gehen. Das Wechselgeld nicht nachzählen. Aus dem Mund riechen.

Die Idee, dass jemand als Optimist so grundlegend anders und besser lebt als jemand, der*die der Welt nicht mit einem Lächeln wie ein*e Wettermoderator*in entgegenblickt, halte ich für unrealistisch. Genauso wenig glaube ich daran, dass optimistische Menschen erfolgreicher, kreativer oder mit sonstigen Eigenschaften besser ausgestattet sind als andere.

Jedes Mal, wenn mir im Netz wieder Artikel vorgeschlagen werden, in denen ich lernen soll, wie ein Optimist zu denken, fühle ich mich in meiner Antihaltung bestätigt – aus Trotz und aus Ablehnung gegenüber der gezeigten Bilder von lachenden Twens im Sonnenuntergang. Als wolle man mir die Sonne rektal einführen, damit sie mir von dort aus dem Hintern scheinen kann. Optimismus wird oft vorschnell gleichgesetzt mit mentaler Stärke, emotionaler Intelligenz und sozialer Kompetenz. Weil Glücklichsein als eine Entscheidung gilt, haben optimistische Menschen grundlegend etwas richtig gemacht – ganz im Gegensatz zu den 615 Millionen Depressiven weltweit, die laut diesem Konzept dann wohl einfach die falsche Entscheidung getroffen haben, tja.

Und wer hat sich in einer dunklen Stunde nicht gern an die Gallionsfigur der deutschen Optimismusszene erinnert: Nina Ruge, die jede ihrer Sendungen mit einem salbungsvoll gesprochenen „Alles wird gut“ beendete. Wenig später in den 20-Uhr-Nachrichten wurde dann klar: Nein, tut es nicht. Aber für einen kurzen Moment schien es so und allzu gern hätte man ihr geglaubt. Optimismus ist zugänglich und nahbar, er macht Menschen offen und herzlich. In einer Welt ohne ihn wäre es äußert ungemütlich. Dennoch kein Grund, ihn romantisch zu verklären. Übrigens sind auch pessimistische Menschen zu Zufriedenheit, Hoffnung und Liebe fähig – sie geben nur nicht so damit an.

Optimismus ist der neue Lifestyle-Volkssport für die Elite

For the record: Ich halte Optimismus nicht für falsch und optimistische Menschen nicht für naiv. Aber ich finde, dass die Erhebung von Optimismus zum Optimum und seine Designation zur idealen Lebenseinstellung zu kurz greift. Optimismus ist der neue Lifestyle-Volkssport für die Elite, wir wollen alle glücklich und erfolgreich sein und bei Niederschlägen unsere Enttäuschung wegmeditieren und wenn wir dabei noch ein T-Shirt mit feministischer Botschaft tragen, wächst uns eine goldene Blätterkrone um den Kopf und wir steigen auf in den Optimismus-Olymp, wo es ausgelassen zugeht wie in der Waschmittelwerbung.

Optimismus ist allerdings nicht demokratisch: Wer seit zwölf Jahren von Hartz IV lebt und sich noch optimistisch gibt, erntet dafür höchstens joviales Mitgefühl. Der Grat ist schmal zwischen konstruktivem Vorwärtsdenken und Komplettverblendung und von manchen Personengruppen wird geradezu erwartet, dass sie pessimistisch und verzweifelt sind.

Einfach mal hinfallen und liegen bleiben

Realistisch betrachtet wäre eine Welt voller positiv Denkender zwar momentan eine schöne Vorstellung, aber eine, die herzlich wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Aus verheerenden Situationen das Beste machen zu wollen, ist ein integres Ziel, aber manchmal einfach nicht möglich. Manche Dinge sind und bleiben beschissen, egal aus welchem Winkel man sie betrachtet. An manchen Tagen fällt man hin und will erstmal eine Weile mit dem Gesicht nach unten liegen bleiben, statt sich, getrieben von einer Peitsche schwingenden Nina Ruhe, sofort wieder aufzurappeln und mit Blut zwischen den Zähnen dem Leben entgegenzulächeln. Optimismus ist ein ruheloses Konzept, das sich hervorragend eignet, um frohgemut den inneren oder äußeren Abgründen davon zu galoppieren.

Ich für meinen Teil bin jedenfalls ganz gerne eine schlecht gelaunte alte Frau, gefangen im Körper einer sympathisch wirkenden Mittzwanzigerin. Meinen realistischen Pessimismus finde ich viel pfiffiger und meistens auch lustiger, aber natürlich würde ich mir auch wünschen, nicht so oft damit recht zu haben. Beim Wettlauf um die beste Laune im schönsten Leben bin ich gern die leicht angetrunkene Spielverderberin auf der Zuschauertribüne. Denn den einzigen evolutionären Vorteil, den optimistische Menschen haben: Sie müssen den Schmerz der Welt nicht regelmäßig mit Alkohol betäuben. Optimistische Menschen haben im Grunde nur den einfachsten Weg gefunden, um nicht verrückt zu werden. Aber auch den langweiligsten.


Von Ilona Hartmann auf Mit Vergnügen erschienen.
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