Warum ich Paare nicht mehr nach ihrer Kinderplanung frage

Bei jeder Party, auf der Gäste über 30 anwesend sind, kommt irgendwann eine Frage: „Na, wie schaut es aus mit der Kinderplanung?“ Dabei ahnen die Fragenden nicht, was sie mit dieser Frage lostreten könnten.

Na? Wann ist es bei euch so weit? Foto: Pexels I CC0

Ich befand mich auf einem 33. Geburtstag, als die Frage aller Fragen durch den Raum hallte: „Uuund, wie sieht’s aus bei euch mit der Kinderplanung?“, erkundigte sich der Gastgeber des Abends bei seinem Nebenmann. Noch bevor dieser antworten konnte, räusperte ich mich. Nun hatte ich die Aufmerksamkeit. „Du kannst doch jemanden in unserem Alter nicht nach der Kinderplanung fragen“, meckerte ich den Gastgeber an. Dieser starrte mich verwirrt an. Anscheinend war es für ihn obligatorisch, die Familienplanung in regelmäßigen Abständen auf neue Entwicklungen hin zu überprüfen.

Ich finde das unverschämt. Kinderplanung ist so ein sensibles Thema, dass ich es anmaßend finde, sich danach zu erkundigen. Man weiß nie, welche Emotionen man damit lostritt. In diesem Falle ging die Situation glimpflich aus, meine Intervention hätte es nicht gebraucht. Der Befragte verwies auf die Karriere seiner Frau und die dafür zurückgestellten Familienpläne. Glück gehabt!

Regelmäßige Überprüfung der Zukunft des Freundeskreises

Warum interessiert sich eigentlich jede*r so brennend dafür, ob ein Paar sein Leben zukünftig mit einem Mini-Ebenbild teilen möchte oder nicht? Es geht dabei auch um uns selbst. Denn Kinder ändern das Leben unserer befreundeten Paare. Aus langen Partynächten werden Gespräche über Windeln und Babykotze. Die Angst davor, dass Freundschaften dadurch verloren gehen, ist nicht unbegründet. Da sich mit der Gründung einer Familie auch Werte und Einstellungen ändern, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dies Auswirkungen auf das Umfeld hat. Die Frage nach der Babyplanung ist somit auch eine vorsichtige Überprüfung, ob der Freundeskreis die nächsten paar Monate in seiner aktuellen Form bestehen bleiben wird.

Fragt mich jemand nach meiner Familienplanung, lüge ich

Werde ich zur Babythematik befragt, muss ich jedes Mal wieder tief durchatmen. Mit meinen 28 Jahren bin ich nach Maßstäben meiner Elterngeneration sogar schon zukünftige Spätgebärende. Darum ist es gerade für ältere Bekannte und Verwandte besonders interessant, sich nach meinen Familienplänen zu erkundigen. Ich gebe mir stets Mühe, meine auswendig gelernte und geübte Antwort glaubhaft rüberzubringen. „Ach, weißt du, das hat ja alles noch Zeit“, quetsche ich gequält heraus und hoffe, dass das Thema damit gegessen ist.

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Der*die Fragende ist nun vielleicht beruhigt, aber er*sie sieht nicht, was er mit dieser Frage in meinem Inneren angerichtet hat. Hätte ich nämlich wahrheitsgemäß geantwortet, wäre es nicht bei diesem einem Satz geblieben. Ich hätte über meinen schon ewig bestehenden Kinderwunsch gesprochen, der über viele Jahre an dem nicht vorhandenen Partner scheiterte.

Jetzt, wo ein Mann an meiner Seite ist, hat das Thema nur noch an Brisanz gewonnen. Nun sind es zwei Menschen, die sich über den passenden Zeitpunkt für Nachwuchs einig werden müssen. Wenn dabei am Ende herauskommt, dass der eine Part der Beziehung will, der andere aber nicht, was sollte ich dann zukünftig auf die Frage nach der Kinderplanung antworten? „Ich will ja, aber der Mann an meiner Seite nicht?“ Mit Glück sitzt der Partner in dieser Situation daneben und Beziehungsstress ist vorprogrammiert. Solch ein Moment ist mir nicht fremd. In meiner Beziehung bedurfte es vieler Gespräche und Kompromisse, bis wir auf einen Nenner kamen, der für beide in Ordnung ging.

Hinter der lächelnden Fassade kann großes Leid stecken

Das mag allerdings noch das kleinere Übel sein. Was ist mit den Paaren, die es seit Jahren mit dem Kinder bekommen versuchen? Bei denen es einfach nicht klappen mag? Wer weiß, wie viele Kinderwunschbehandlungen sie schon hinter sich gebracht haben, ohne ein kleines Bündel Leben in ihren Händen halten zu dürfen. Wie es ihnen wohl gehen mag, wenn jemand sie nichtsahnend nach der Familienplanung befragt.

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Wir betrachten Menschen so gerne von außen, denken, nur, weil sie ab und zu lächeln, wären sie glücklich. Was aber hinter der lachenden Fassade passiert, bleibt uns meist verborgen. Ich habe einmal in meinem Leben ein Paar nach ihren Nachwuchsplänen befragt, das war ein großer Fehler. Die Reaktion der beiden werde ich nie vergessen. Das Lachen, welches ihre Gesichter sonst so oft zierte, war nach meiner Frage plötzlich verschwunden. Es wurde abgelöst von einer Mischung aus Wut und Trauer. Trauer über die eigene Hilflosigkeit und Wut auf jemanden wie mich, der dieses Thema so locker flockig ansprach. Die beiden bastelten seit Jahren an einem Kind und kamen trotz moderner Medizin und enormem finanziellen Einsatz nicht zum erwünschten Ergebnis.

Nie, nie und niemals nie

Ich hatte mit dieser einfachen Frage so viele Emotionen losgetreten, dass ich selbst nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Ich traf dieses Paar an ihrem wundesten Punkt, legte den Finger in die Wunde und drehte ihn bösartig hin und her. Obwohl es nicht meine Absicht war, zerstörte meine Neugier den kompletten Abend. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie aufgeladen die Nachwuchsthematik in meiner Altersgruppe war. Ich schwor mir, nie wieder auch nur ansatzweise eine Frage in diese Richtung zu stellen.

Bitte tut es mir gleich: Fragt nie, nie, nie und niemals nie nach der Kinderplanung anderer Menschen. Denn es ist ihre Angelegenheit, mit der ihr nichts zu tun habt. Ihr seid euch gar nicht darüber im Klaren, welche Wunden ihr damit aufreißen könnt. Vertraut darauf, dass die Paare in eurem Umfeld schon früh genug damit rausrücken werden, wenn sich Nachwuchs ankündigt. Dieses kleine große Glück ist schließlich nichts, was man gerne lange für sich behält.

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